Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 4.5.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gefährliche Kombinationen Fehler bei der Medikation

Etwa 1.300 Tabletten nimmt der Durchschnittsdeutsche im Jahr ein. Fünf verschiedene Tabletten zu drei verschiedenen Zeitpunkten sind nicht ungewöhnlich. Das ist gefährlich und kann sogar zum Tod führen.

Es sollte kein großer Eingriff werden: Markus K. kam in die Klinik in Bayern um eine entzündete Nasennebenhöhle sanieren zu lassen. Bei der Aufnahme gab der Asthma-Patient eine lebenswichtige Information zu Papier: Er leidet an einer Medikamenten-Unverträglichkeit. Das Schmerzmittel Novalgin darf bei ihm nicht angewendet werden. Eine Information, die der Anästhesist leider nicht zur Kenntnis genommen hat. Noch unter der Operation verabreicht er Markus K. prophylaktisch Novalgin gegen die Schmerzen nach der OP. Markus K. reagiert heftig. Mit einem Bronchospasmus: die Atemwege verkrampfen sich. Markus K. kämpft ums Überleben.

Gefahr durch Fehlmedikation unterschätzt

Petra Thürmann hat einen Lehrstuhl für Pharmakologie und ist Chefpharmakologin und ärztliche Direktorin an der Helios-Klinik in Wuppertal. Die Dimension von Fehlmedikationen – sagt sie – wird in der Öffentlichkeit meist völlig unterschätzt: „Wir wissen als Ärzte alle, dass das sehr gravierend sein kann und wissen vor allem, dass das immer dokumentiert werden muss. Bevor ich das Medikament gebe, muss ich das nochmal in der Akte des Patienten nachlesen. Wenn das nicht passiert – was in der Hektik der Klinik immer mal vorkommen kann – dann ist das bedauerlich und ein richtiger Fehler.“ Zwischen zehn- und fünfzigtausend Menschen – sagt Petra Thürmann – sterben in Deutschland pro Jahr durch Medikamente. Das seien aber nicht alles Fehler. Vermutlich seien davon aber zwischen einem Viertel und der Hälfte vermeidbar.

An der Oberberg-Klinik in Gummersbach kümmert man sich besonders intensiv um das Problem der Fehlmedikation, beziehungsweise deren Vermeidung. Chefanästhesist Jan Reesing hat dabei auch und gerade die Ärzte als Fehlerquelle im Blick: „Bei den Ärzten können Interaktionen von Medikamenten übersehen werden. Gerade in der Intensiv-Medizin mit einer Vielzahl von Medikationen bei den Patienten kann man nicht jede Interaktion von jedem Medikament beherrschen, so dass wir auf der Intensiv-Station einen Apotheker mit dabei haben, der uns bei der Visite begleitet, der jederzeit auf die Medikamentenkurve zugreifen kann und uns auch rund um die Uhr informieren kann, wenn Interaktionsfehler vorliegen.“

Schlimmste Fehler bei der Verordnung

Petra Thürmann, die Pharmakologin aus Witten/Herdecke macht noch deutlicher, dass die gravierendste Quelle der Fehlmedikation die Ärzte sind. „Der wichtigste Schritt bei einer Medikation ist ja letztendlich die Verordnung und hier können leider die schlimmsten Fehler passieren. Also wenn sich der Arzt vertut im Medikament – weil es der Patient nicht verträgt – oder in der Dosis – zum Beispiel, weil der Patient viel älter ist als der Durchschnittspatient.“ Das Problem der Fehlmedikation durch Ärzte wird sich auch in Zukunft nur schwer lösen lassen. Eine andere Fehlerquelle im Krankenhaus, die Zuteilung der Medikamente durch Schwestern oder Pflegepersonal – oft besonders fehlerträchtig im Nachtdienst – lässt sich aber ausschließen. Dazu steht in der Apotheke der Oberberg-Klinik ein Blisterautomat. Die 330 gängigsten Medikamente hält er vor und verpackt sie automatisch nach den Daten der Patientenakte in persönliche Patientenblister. Jedes Tütchen beschriftet mit allen wichtigen Angaben. Zur Sicherheit fotografiert der „Inspektor“ noch einmal jedes Päckchen und erkennt an Farbe und Form die Medikamente und prüft die korrekte Zusammenstellung für jeden Patient. Fragwürdige Inhalte markiert die Software des Inspektors.

Fehlerquote auf ein Tausendstel reduziert

Lars Lemmer, der Chefapotheker am Oberberg-Klinikum ist stolz auf den High-Tech-Automaten. Markierte Blister werden von Mitarbeitern noch einmal überprüft: „Die Konsequenz ist, dass wir den Fehler in dem Beutelchen korrigieren und erst dann, wenn wirklich alles korrekt ist, an den Patienten abgeben. Dadurch schaffen wir es, den Fehler etwa um den Faktor tausend zu reduzieren im Vergleich zum Stellen durch die Krankenschwester.“ Und noch eine weitere Quelle von Medikationsfehlern lässt sich relativ leicht eliminieren. Dort, wo es um die Programmierung von sogenannten Spritzenpumpen geht, mit denen permanent intravenös Medikamente verabreicht werden. Dr. Jan Reesing erklärt das Problem: „Es gibt eine Vielzahl von Anbietern dieser Spritzenpumpen und jeder Anbieter hat eine unterschiedliche Bedienphilosophie und eine unterschiedliche Menüführung bei der Programmierung.“ Deshalb habe man sich am Oberberg-Klinikum entschieden, Spritzenpumpen nur von einem Hersteller zu beziehen. Am Oberberg-Klinikum existiert außerdem ein Informationssystem, in dem Ärzte alle medizinischen Details der Patienten finden, die sie behandeln. Sogar Niedergelassene können von außen diese Informationen für ihre Patienten einsehen: „Mit dem sogenannten Arzt-Informationssystem stellen wir sicher, dass Hausärzte rechtzeitig auf die Medikation ihrer Patienten zugreifen können. Das ganze passiert passwortgeschützt und natürlich auch nur auf die Patienten, die die Hausärzte uns zugewiesen haben. So können die Hausärzte rechtzeitig die aktuelle Medikation einsehen und auch so Interaktionen und Verwechselungen vorbeugen.“

Medikationsplan verpflichtend

Außerdem haben Patienten seit Oktober 2016 Anrecht auf einen ausgedruckten Medikationsplan, wenn sie drei oder mehr Medikamente einnehmen. Der Ausdruck enthält alle wichtigen Informationen für die Patienten. Die Medikamente, Dosierung, Einnahmezeitpunkt und Zusatzinformationen wie „nicht zusammen mit Grapefruit einnehmen“. Niedergelassene Ärzte können all diese Informationen über einen erweiterten QR-Code einscannen, der sich ebenfalls auf dem Medikationsplan befindet. So werden die Daten in der Praxis weiter gepflegt. Pharmakologin Petra Thürmann kritisiert die umständliche Regelung: „Da sind wir weit hintendran. Das haben viele andere Länder längst schon auf ihren elektronischen Gesundheitskarten drauf, so dass jeder Arzt und Apotheker von einer Gesundheitskarte ablesen kann, was dieser Patient alles einnimmt.“

Markus K. mit der Novalgin-Unverträglichkeit wäre sein schweres Schicksal mit einer solchen Gesundheitskarte vermutlich erspart geblieben. Als er nach sechs Wochen aus dem Koma erwacht, ist er zum Schwerstpflegefall geworden. Offenbar war sein Gehirn unter der Operation längere Zeit ohne Sauerstoffversorgung wegen der starken Reaktion auf das Schmerzmittel. Der über 70jährige Vater pflegt seinen Sohn vier Jahre lang, bis dieser schließlich an einem Asthma-Anfall verstirbt.

aus der Sendung vom

Do, 4.5.2017 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.