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SENDETERMIN Do, 23.10.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Die Erforschung der Faszien Sind Faszien totes Gewebe? Welch ein Irrtum!

Bei etwa 80 Prozent der Rückenschmerzen kennt man die Ursache nicht. Daran sind mitunter Faszien schuld. Dieses Netz aus Bindegewebe durchzieht unseren Körper und hält ihn in Schwung. Wir müssen es stimulieren.

Ein Mann hält sich den Rücken

Gerson Weiss schmerzt der Rücken

Seit Jahren arbeitet Gernot Weiss viel in Haus und Garten. Doch seit einem halben Jahr leidet er unter starken Rückenschmerzen. Die viele Schlepperei hat seinen Rücken überanstrengt. Ein Orthopäde fand keine Ursache und auch monatelange Rückengymnastik half nicht. Nur Medikamente betäubten den Schmerz kurzfristig. Jetzt hat er Glück. Er kann an einer wissenschaftlichen Untersuchung der Uniklinik Ulm-Günzburg teilnehmen. Beim ersten Termin in der Neurochirugie bei Prof. Widder beschreibt er seine Schmerzen im Lendenbereich: "Was mir Sorgen macht ist, dass die Schmerzen in das rechte Bein ausstrahlen." Bernhard Widder untersucht ihn ausführlich. Skelett und Reflexe scheinen in Ordnung zu sein. Auch eine Bandscheibe als Ursache schließt Bernhard Widder aus. "Damit haben wir ein lokales Rückenproblem. Und da sind dann sehr häufig die Faszien dran schuld." Wenn tatsächlich die Faszien, also das muskuläre Bindegewebe die Ursache der Rückenschmerzen sind, müsste man das in den hochauflösenden Ultraschallaufnahmen erkennen können. Die Rückenfaszie scheint bei Gerson Weiss im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung leicht verdickt. Bei einigen Patienten mit chronischen Rückenschmerzen ist genau das der Fall.

Verdickte Faszien sind schmerzhaft, aber man kann sie oft behandeln

Dr. Robert Schleip ist ein Pionier der Faszienforschung und hat langjährige Erfahrung damit, verhärtetes und verklebtes Bindegewebe wieder elastisch zu machen. Ein Hilfsmittel ist die Manuelle Therapie: gezieltes Drücken und Stimulieren der betroffenen Stellen verschafft erste Linderung. Faszien verleihen dem Bewegungsapparat die nötige Spannung, um Muskelkräfte zu übertragen. Kommt es zu schmerzhaften Verhärtungen, können zudem spezielle Körperübungen dabei helfen, die Funktionsfähigkeit der Faszien nach und nach wiederherzustellen. Sechs Wochen lang muss Gerson Weiss zwei unterschiedliche Übungen machen.

Nach sechs Wochen kommt Gerson Weiss wieder in die Klinik

Ultraschallbild mit zeigender Hand

Das Ultraschallbild gibt Aufschluss über die Dicke der Faszien

Wie fühlt er sich? "Es gab Phasen, da war es deutlich besser, aber es gab auch immer wieder Rückschläge. Eine falsche Bewegung und der Schmerz war fast unverändert wieder da." Laut Ultraschall hat sich die Fasziendicke zwar nicht verändert, doch das überrascht nicht, denn die Reduktion der Fasziendicke ist ein Prozess, der sich einige Monate hinziehen kann. Gerson Weiss sieht positiv in die Zukunft: "Es ist auf jeden Fall für mich ein guter Weg, um möglichst ohne Medikamente auszukommen. Ich sehe die große Chance, eine Operation zu umgehen."

Faszien wurden lange unterschätzt, doch jetzt werden sie erforscht

Robert Schleip ist Humanbiologe und Werner Klingler Spezialist für neuromuskuläre Krankheiten. Sie arbeiten in einem interdisziplinären Forscherteam, das die Rolle der Faszien Schritt für Schritt aufklären will. Viel zu lange wurde das weißlich-faserige Geflecht aus Kollagen medizinisch vernachlässigt. Bei Operationen wurde es oft einfach weggeschnitten, um an die dahinter liegenden Stellen zu gelangen. Man hielt es schlicht für totes Stützmaterial - was für eine Fehleinschätzung. Inzwischen weiß man: Faszien wirken als zusätzliches Sinnesorgan im Körperinneren. Erst seit kurzem machen hoch auflösende Ultraschallgeräte Faszien im Detail sichtbar.

Faszien reagieren auf Stress und können Rückenschmerzen verursachen

Bei Stress ziehen Faszien sich zusammen und versteifen. Heute weiß man, dass kleine Risse und Wunden ein erster Auslöser für Schmerzen sind. Die Faszien senden dann falsche Signale an die Muskeln. Sie beginnen sich zu verspannen und arbeiten nicht mehr richtig. Die Ausschüttung biochemischer Botenstoffe gerät durcheinander. Die Folge können chronische Rückenschmerzen sein. In Ihrem Labor wollen die Forscher in Günzburg herausfinden, wann sich Faszien wohlfühlen. Dazu baden sie kleine Teile Bindegewebe in Wasser unterschiedlicher Temperatur. Warmes Wasser etwa hält Faszien geschmeidig. Dr. Werner Klingler leitet das Labor. "Ein Ziel der Forschung ist es, herauszufinden, wie man positive Effekte erzielen kann auf das Faszien-Gewebe. Zum Beispiel, indem man Substanzen findet, die die Faszien-Spannung reduzieren." Daraus wollen die Forscher in Zukunft Medikamente entwickeln.

Was hilft?

Faszienbehandlung betrifft nicht nur den Rücken, sondern den gesamten Körper. Massieren hilft: Rolfing etwa ist eine spezielle Message des Bindegewebes und benannt nach ihrer Gründerin Ida Rolf. Sie entwickelte diese Methode in den 1950er Jahren in Amerika. Robert Schleip betreibt seit über 30 Jahren Rolfing. Wieso wirkt Rolfing? Durch den Druck schüttet das Bindegewebe beruhigende Botenstoffe aus und schickt entspannende Signale an das vegetative Nervensystem.
Noch wichtiger ist es, sich zu bewegen und zu dehnen. Dabei sollte man mehrere Muskeln nacheinander dehnen. Immer wenn Muskeln trainiert werden, trainiert man die Faszien mit. Faszien lieben kleine Variationen in der Bewegung und beim Dehnen. Schon wenige Wiederholungen reichen, doch man sollte einige Monate dranbleiben, da sich das Fasziennetz nur langsam umbaut.