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SENDETERMIN Do, 16.5.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Insektenfreundliche Landwirtschaft Experiment Permakultur am Bodensee

Statt Monokulturen setzt Permakultur auf Pflanzenvielfalt. Und könnte so das Insektensterben aufhalten. Bodensee-Landwirt Helmut Müller startet mit odysso das Experiment Permakultur!

Nicht nur die Anzahl an Insekten geht zurück, sondern auch die einzelnen Arten drohen auszusterben. Und einmal ausgestorben, ist die Art, mit all ihren Besonderheiten, für immer verloren. Das Insektensterben bringt zudem unser ganzes Ökosystem ins Wanken. Kreisläufe drohen zusammenzubrechen.

Die zentrale Problematik: Insekten verlieren ihre Lebensgrundlage – Naturräume, in denen sie sich fortpflanzen und entwickeln können, aber auch die Pflanzen, von denen sie sich ernähren. Denn grüne Wiesen und ein paar Gänseblümchen reichen für die meisten Insekten zum Überleben nicht aus.

Viele Arten sind sehr spezialisiert und benötigen ganz bestimmte Pflanzen, um ihre Eier abzulegen. Auch die Insektenlarven können sich oft nur von bestimmten Pflanzen ernähren. Und die ausgewachsenen Insekten sind wiederrum auf einzelne Nahrungsquellen festgelegt, zum Beispiel durch die Form ihrer Mundwerkzeuge, die perfekt an bestimmte Blütenformen angepasst ist.

10:51 min | Do, 16.5.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Experiment Permakultur

Die große Insekten-Beobachtung

Odysso

Insektenexperte Prof. Peter Miotk beobachtet den Sommer über die Insektenwelt - auf dem Experiment-Acker und zum Vergleich auf dem einförmigen Getreideacker. Gibt es Unterschiede?

Insektenvielfalt braucht Pflanzenvielfalt

Um die circa 30.000 Insektenarten in Deutschland zu erhalten, ist also eine große Vielfalt an Pflanzen und Naturräumen nötig. Und genau diese Vielfalt wird immer knapper. Die Landwirtschaft spielt dabei eine zentrale Rolle, denn über die Hälfte von Deutschlands Boden wird landwirtschaftlich genutzt.

Strukturreiche Landschaftselemente wie Hecken, Randstreifen oder Feuchtwiesen, die vielen Insektenarten die nötige Vielfalt bieten würden, sind aus Effizienzgründen vielerorts schon lange verschwunden. Auch die intensive Düngung sorgt dafür, dass Pflanzenvielfalt, und damit Lebensgrundlage, schwindet.

Ein Permakultur Garten dessen Erhöhung von Steinen umrandet wird, mit einer Gießkanne auf ihnen stehend.

Zentral ist bei der Permakultur das Schließen von Kreisläufen und Einrichten von möglichst natürlichen, sich selbst erhaltenden Ökosystemen

Oben drauf kommen dann noch insektenschädliche Spritzmittel. Besonders in der Bewirtschaftung von Land müsste sich also einiges ändern – da sind Insektenexperten sich einig.

Permakultur: Eine besondere Form der Landwirtschaft

Besonders vielversprechend scheint das Konzept der Permakultur. Zentral ist hierbei das Schließen von Kreisläufen und Einrichten von möglichst natürlichen, sich selbst erhaltenden Ökosystemen. Die Idee ist nicht neu, sie entstand schon in den 1970er Jahren in Australien parallel zur Bio-Bewegung – und geht in einigen Punkten weit über Bio-Anbau hinaus.

Sie verbietet nicht nur künstlichen Dünger und Spritzmittel, sondern strebt auch sonst eine völlig autarke Betriebsweise an. Konkret bedeutet das zum Beispiel: Handarbeit statt erdölbetriebenen Traktoren. Außerdem gibt es keine Monokulturen – genauso wie in der Natur, dem erklärten Vorbild.

Vielmehr versucht man möglichst viele verschiedene Pflanzen auf engem Raum zu kombinieren, die sich gegenseitig ergänzen – zum Beispiel, indem sie sich untereinander vor Schädlingen, Bodenkrankheiten oder zu starker Sonneneinstrahlung schützen. Und nicht nur für den eigenen Nutzen soll die Landschaft gestaltet werden – die Förderung der anderen wilden Lebewesen, wie zum Beispiel Insekten oder Vögel, wird mitgedacht und entsprechende Lebensräume bewahrt oder wieder angelegt.

Als Vorzeige-Projekt gilt die Ferme du Bec Hellouin in Frankreich. Etwa zehn Jahre nach Aufbau des Betriebs wurde die Wirtschaftlichkeit der Anbauweise untersucht. Die Überraschung: Pro Quadratmeter erwirtschaften die Permakultur-Landwirte dort drei bis vier Mal so viel wie ein konventioneller Betrieb. Naturnahe Landwirtschaft muss also nicht weniger Ertrag bedeuten.

Stauden in der Permakultur über Andernach

Permakultur verbietet nicht nur künstlichen Dünger und Spritzmittel, sondern strebt auch sonst eine völlig autarke Betriebsweise an

Das Permakultur-Experiment am Bodensee

Auch in Allensbach am Bodensee hat sich eine Projektgruppe davon inspirieren lassen. Der Landwirt Helmut Müller bewirtschaftet schon seit vierzig Jahren knapp 200 Hektar nach demeter-Öko-Prinzipien. Kreisläufe und naturnahe Anbauweise sind hier schon in hohem Maße enthalten – Permakultur war ihm aber kein Begriff. Bis Anfang 2018 ein Unternehmer aus der Nachbarschaft, Adi Kreft, ihn anfragt, ob sie nicht gemeinsam ein Permakultur-Experiment starten wollen.

In einem Gewächshaus beginnen sie mit Gemüseanbau. Hier lassen sich die Permakultur-Ideale relativ gut umsetzen. Zahlreiche Gemüse- und Kräuter-Sorten wachsen in ausgeklügelten Kombinationen auf engstem Raum. So schlängeln sich beispielsweise Gurken an Seilen Richtung Himmel, dazwischen wächst Dill, der nicht nur den Gurkenpflanzen guttut, sondern auch nützliche Insekten wie zum Beispiel Brackwespen anzieht.

Und unten bedecken Süßkartoffelranken den Boden und schützen ihn vor dem Austrocknen. Die Mischkultur zahlt sich aus und die erste Ernte übertrifft alle Erwartungen. Auch Schädlingsprobleme gibt es kaum – denn die Pflanzenvielfalt hat für eine ausgewogene Insektenvielfalt gesorgt.

Neun verschiedene Kulturen gleichzeitig auf einem Feld

Auf die Felder werden daraufhin die Urgetreide Sommerdinkel, Emmer und Einkorn ausgesät. Sojabohnen und Lupinen, die als Hülsenfruchtgewächse wertvolle Nährstoffe im Boden binden und nachfolgenden oder benachbarten Pflanzen zur Verfügung stellen. Genauso verhält es sich mit den Ackerbohnen, die vermischt mit Hafer ausgesät wurden, aber diese Kombination ist nicht nur aus Nährstoffgründen sinnvoll, sondern soll auch Unkräuter zurückdrängen.

Außerdem gibt es noch mehrere Streifen Mais und Sonnenblumen. Und zwischendrin: Blühstreifen, die mit ganz unterschiedlichen Gewächsen den ganzen Sommer lang blühen sollen. Andere Pflanzen wie Brennnesseln wachsen am Rand des Feldes, und umgeben wird der Acker von einem Bachlauf mit unterschiedlichen Hecken und Bäumen.

Lehrgarten der Essbaren Stadt Andernach

Die Idee der Permakultur ist nicht neu, sie entstand schon in den 1970er Jahren in Australien parallel zur Bio-Bewegung – und geht in einigen Punkten weit über Bio-Anbau hinaus

Für die Insektenwelt steht dieses Jahr also eine Vielfalt unterschiedlichster Pflanzensorten auf engem Raum zur Verfügung. Das Permakultur-Ideal der Handarbeit kann Helmut Müller bei diesem Acker aber nicht erfüllen. Bei Traktor und Landmaschinen muss er Kompromisse eingehen.

Wie reagieren die Insekten auf die Vielfalt?

Das beobachtet der Insektenexperte Prof. Peter Miotk für odysso über die Saison hinweg. In ausgiebigen Feld-Visiten mit Kescher, Fotoapparat, Bodenfallen und sogar einer Nacht-Beobachtung füllen sich seine Nachweislisten mit über 400 verschiedenen Insektenarten. Das ist eine enorme Vielfalt. Der Experiment-Acker scheint tatsächlich ein Paradies für Insekten zu sein.

Aus Insektensicht ist das erste Jahr mit dem Permakultur-Experiment-Acker demnach sehr positiv gelaufen. Doch Landwirt Helmut Müller zweifelt: Seine Pflanzen hätten sich zwar ebenfalls gut entwickelt, aber der Aufwand mit den einzelnen Streifen sei wirtschaftlich nicht machbar. All seine Flächen in dieser Art und Weise zu bewirtschaften sei aus Kostengründen undenkbar.

Doch das ist laut Insektenexperte Prof. Peter Miotk auch gar nicht unbedingt nötig: Solche kleinen Insekten-Oasen in der Landschaft verteilt, nah genug aneinander, so dass Insekten die Distanzen dazwischen überwinden können, wären bereits ein großer Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt.

Deswegen sät Helmut Müller 2019 auf dem Experiment-Acker wieder aus. Diesmal neben seinen üblichen Ackerkulturen auch erstmals Gemüse – Bohnen sollen sich an den Stängeln von Mais hochschlängeln, während der Boden darunter mit Kürbispflanzen bedeckt ist. Die Permakultur-Entdeckungslust hat den Bio-Landwirt, der die Hauptgeschäfte mittlerweile an seinen Sohn übergeben hat, endgültig gepackt.

6:34 min | Do, 16.5.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Das Permakultur-Fazit

Hat sich das Experiment gelohnt?

Odysso

Für die Insekten scheint das Experiment Permakultur ein voller Erfolg. Aber für den Bauern? Die Ernte ist schwierig und die Wirtschaftlichkeit katastrophal. Wie geht’s weiter?


Linktipps und Adressen:

Permakultur-Kurse bei der baden-württembergischen Gemeinschaft Tempelhof:
https://www.schloss-tempelhof.de/th-landwirtschaft/permakultur-am-tempelhof/

Permakultur-Blog von Stefan Schwarzer, Geograph beim UN-Umweltprogramm:
http://lebensraum-permakultur.de/