Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Evaluationsforschung Das Beste aus beiden Welten

Eine Freiburger Tumorklinik will das Beste aus Schul- und Alternativmedizin vereinen. Die Messlatte für komplementärmedizinische Therapien sind dort wissenschaftliche Beweise ihrer Wirksamkeit.

Prof. Hans Helge Bartsch hat in seiner langen Laufbahn als Krebsmediziner viel Wissen angehäuft - und wurde doch immer wieder überrascht: Da war diese junge Frau mit fortgeschrittenem Brustkrebs und sehr schlechter Prognose. Sie beeindruckte den damals jungen Assistenzarzt, weil sie ihm berichtete, "ihr großes Ziel sei, dass sie das Abitur ihrer Kinder erleben möchte. Die Kinder waren drei, fünf und sieben Jahre alt." Nach schulmedizinsicher Prognose ausgeschlossen, dachte Bartsch bei sich, doch die Patientin erklärte ihm zuversichtlich "sie macht alles, was von uns wissenschaftlich-medizinisch Ausgebildeten angeboten wird, aber sie wird noch Anwendungen im komplementärmedizinischen Bereich machen."
Die Patientin erlebte das Abitur ihrer Kinder, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit. Solche Schlüsselerlebnisse haben Professor Bartsch offen für die Qualitäten dieser anderen Medizin gemacht, die sich "ganzheitlich" nennt. Heute leitet er als Geschäftsführer und ärztlicher Direktor die Freiburger Klinik für Tumorbiologie. Hier werden seit zwanzig Jahren medizinische und alternative Verfahren vorurteilsfrei erforscht und angewendet: Das Beste aus Schul- und Alternativmedizin zu vereinen, das ist Programm - und eine personal - und zeitintensive Herausforderung.

Selbstheilungskräfte aktivieren

Ein einfaches Beispiel: Bei manchen Krebserkrankungen bekommen Patienten außer der medizinischen Therapie noch Heilkräuter-Bauchwickel. Das kann die Klinik nicht abrechnen, doch das Hausrezept hilft, so eine Krankenschwester: Körperlich unterstützt des die Leberfunktion, regt den Gallenfluss an "und auf der psychischen Ebene ist es einfach dieses sich kümmern, ich gucke: Was brauchst Du." Die Patienten der Klinik spüren das auch: Viele werde hier für das innere Gleichgewicht getan, sagt eine Brustkrebspatientin, man sei ja nicht nur körperlich geschädigt.
Selbstheilungskräfte aktivieren ist das Mantra der Alternativmedizin. Das weckt manchmal illusorische Hoffnungen. Da Grenzen zu ziehen, ist eine Herausforderung: Beweise der Wirksamkeit, das ist Für Prof. Bartsch die Messlatte in der Klinik für Tumorbiologie, denn „auch in dem Bereich Komplementärmedizin ist Wissenschaftlichkeit möglich ist, und sogar spannend und interessant." Doch wie testet man die Qualität von Methoden, die oft mit gewagten Behauptungen zu seelisch-körperlichen Wirkungsketten operieren?

Spezifische und unspezifische Effekte

An der benachbarten Freiburger Uniklinik klopft Prof. Stefan Schmitt alternative Trends auf ihren medizinischen Nutzen ab. Als Evaluationsforscher vergleicht er möglichst viele Untersuchungen zu einer Methode. Durch solche Meta-Studien soll klarer werden: Was sind eher "unspezifische" Heileffekte, oder auch Placebo-Wirkungen, die zum Beispiel durch menschliche Zuwendung, oder exotische Rituale stimuliert werden. Und was sind "spezifische", messbare Ursache-Wirkungs-Ketten im Körper?
Meditationstechniken zum Beispiel sind da schon gut erforscht: Sie sind weit mehr als Entspannung. Vorrangig, so Prof. Schmidt, geht es geht um Bewusstseinsveränderung "und da könnte man meinen, das ist jetzt nur die Psychoebene, ich bin dabei, mich mit meiner Krankheit zu arrangieren." Doch es gibt immer mehr Belege, dass das auch physiologisch im Körper wirkt: "Der Cortisolspiegel verändert sich, Entzündungshemmer weisen andere Profile auf. Das heißt, die Beschäftigung mit meinem eigenen Bewusstsein, mit meiner eigenen Gesundheit, bildet sich auch physisch ab."

Ganzheitlichkeit auf dem Prüfstand

Seriöse Alternativmethoden legitimieren sich heute über solche "spezifischen Effekte". Allerdings warnt der Methodenprüfer davor, den ganzheitlichen Anspruch der Komplementärmedizin, nur über messbare Einzeleffekte zu bewerten: Oft reduziere sich dann die Forschung auf einen Aspekt, so Schmidt, sie untersuche, ob und wie die eine, isolierte Kausalkette wirkt: Der Kontext, der aber mitbestimmend sei, also "wie geht man mit dem Patienten um, welche Medizintheorie wird vermittelt, welche Heilungsbilder entstehen, das wird dann praktisch in der Evaluation außen vor gelassen."
Objektiv beobachten, zählen und messen lässt sich der ganzheitliche Ansatz eben nicht so leicht. Dennoch stehen die Behauptungen der Alternativmedizin heute zu Recht auf dem Prüfstand der Wissenschaft. Mit Wissen und Erfahrung aus beiden Welten führt die Klinik für Tumorbiologie das Beste aus beiden Welten zusammen. Bei den Patienten ist das Krankenhaus sehr beliebt; doch vieles, was hier getan wird, bekommt das Haus nicht vergütet. Im April 2015 musste die Klinik für Tumorbiologie Insolvenz anmelden. Nun übernimmt die Uniklinik Freiburg das Krankenhaus: Belegschaft und Patienten hoffen, dass auch die neuen Herren im Haus das ambitionierte Konzept weiter unterstützen.

aus der Sendung vom

Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.