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SENDETERMIN Do, 5.10.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Erste Hilfe Leben retten - kaum einer tut es!

Der Herzstillstand ist in Deutschland Todesursache Nummer drei. In Deutschland helfen Zeugen nur bei einem Drittel der beobachteten Herzstillstände. Wir testen das in Stuttgart.

Wir bereiten in der Stuttgarter Innenstadt unseren ersten Test vor

Zwei Schauspieler mimen unsere „Opfer“ als Vater und Tochter. Der Vater wird fahl geschminkt. Er soll einen Herzstillstand simulieren. Seine Tochter bekommt eine unauffällige Kamera. Es herrscht Hochbetrieb hier im Zentrum. Die Beiden gehen los.

Wir filmen aus sicherer Distanz. Trotz Hilferufe: Viele schauen nur und gehen vorbei. Dann kommen mehr Menschen dazu. Noch atmet das Opfer schwach. Sara Kramer wählt sofort den Notruf 112. Dann löst Helmut Gentner die Situation auf. Der Notfallsanitäter vom Deutschen Roten Kreuz leitet unser Experiment und hält auch den Kontakt zur Leitstelle und Polizei. Viele Passanten reagieren gelassen. Einige genervt. Hätte sich jemand getraut eine Herzdruckmassage zu geben? Sara Kramer: „Ich glaube nicht, dass ich mich es getraut hätte in der Situation, weil so viele andere da waren. Ich glaube, ich hätte das jemand anderen überlassen. Alleine vielleicht schon. Aber wenn jemand anders noch dabei ist, dann wahrscheinlich nicht.“ Helmut Gentner versteht das. „Die Scham ist relativ groß, beziehungsweise Menschen haben Angst, etwas Falsches zu machen. Man hat auch Angst sich anzustecken.

Warum hilft nur ein Drittel, wenn sie Zeuge eines Herzstillstands werden?

Akutes Herzversagen kann prinzipiell jeden treffen. Männer und Frauen. 40 Prozent der Betroffenen sind im erwerbsfähigen Alter. Der Altersdurchschnitt liegt bei 65 Jahren. Helmut Gentner: „Der Rettungsdienst in Deutschland ist sehr hochwertig. Wir haben sehr schnelle Eintreffzeiten und das ist auch mit ein Grund, dass die Leute vielleicht nicht helfen weil sie denken, der Rettungsdienst macht das besser.“ Ein fataler Fehler: Hört das Herz auf zu schlagen, herrscht akute Sauerstoffnot. Die sensiblen Gehirnzellen beginnen bereits nach fünf Minuten ohne Sauerstoff abzusterben. Mit einer Helferquote von 33 Prozent liegt Deutschland innerhalb Europas in der hinteren Hälfte. Ein Unding.

Vorbild Dänemark

Dabei ginge es auch anders, wenn man nur wollte, sagt der Unfallmediziner Hugo Van Aken und nennt Beispiele. „In Dänemark hatte man 2005 eine Laienreanimationsquote wie in Deutschland vor einigen Jahren, ungefähr 25 Prozent. Dann hat man verpflichtend Unterricht gegeben in allen Schulen. Zwei Stunden pro Jahr. Zehn Jahre danach, in 2015 ist die Quote der Laienreanimation bereits fast 48 Prozent. Und die Anzahl der Leute die überlebt haben, die lebendig das Krankenhaus verlassen haben, die war verdoppelt bis verdreifacht.“ Damit ein Mensch überlebt, müssen sehr viele mithelfen und wissen was im Notfall alles zu tun ist. Dazu gehören auch Defibrillatoren, die die Herzlungenwiederbelebung unterstützen.

Doch wie schnell findet man so einen Defibrilator? Unser zweiter Test.

Wieder Stuttgart. Diesmal mit zwei Freiwilligen. Die Aufgabe: Defibrillator, kurz Defi, suchen, Foto machen, zurück zum Ausgangspunkt kommen. Natürlich auf Zeit! Matthias startet. Mitnehmen kann er ihn nicht, da der Defi verplombt ist. Seine Zeit: Gut 7 1/2 Minuten. Marion. Auch bei ihr läuft die Uhr. Sie weiß nicht so recht, wo sie anfangen soll.

Nirgends finden sich Hinweisschilder. Sie fragt nach. Doch richtig helfen kann ihr niemand. Nach über einer halben Stunde findet sie einen Defibrillator. Marion ist entsetzt, dass in wenigen Geschäften überhaupt die Information bekannt ist, ob ein Defi im Haus ist beziehungsweise überhaupt, wo er ist.

In Stuttgart sind nur einige der Defis bei der Leitstelle gemeldet

Das Problem: Es gibt keine Meldepflicht. Selbst diese Karte zeigt daher nur wenige Defis und bietet so keine zuverlässige Auflistung aller Geräte. Eigentlich eine Aufgabe für das Deutsche Rote Kreuz? Udo Bangerter, Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes Baden-Württemberg: „Da stößt das Deutsch Rote Kreuz an seine Kapazitätsgrenzen, sowohl was die Manpower, als auch was die finanziellen Möglichkeiten angeht. Das können wir alleine nicht stemmen. Umso eine Infrastruktur aufzubauen, bräuchte das DRK definitiv die Hilfe von anderen Stellen.“ Es besteht Handlungsbedarf, in ganz Deutschland. Immerhin: Baden-Württemberg und Mecklenburg -Vorpommern bilden neuerdings Schüler in Erster Hilfe aus. Ein Anfang, damit Leben retten selbstverständlich wird.


So rettet man Leben: