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SENDETERMIN Do, 22.6.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Emotionen hinterm Steuer Hilfe für aggressive Autofahrer

Innerhalb von Sekunden verwandeln sich scheinbar harmlose Fahrer in Raser, Drängler oder Schleicher. Forscher wollen dagegen etwas tun – mit einem Frühwarnsystem für Verkehrs-Rowdys.

Das Problem: Jeder denkt, er fährt am Besten!

Wie kann der so blöd sein? Auf die Frage, ob sie zur besseren Hälfte der Autofahrer gehören, antworten 90 Prozent der Deutschen mit "ja". Viele Autofahrer sind Egoisten. Egoismus und Aggression haben Folgen. Riskanter Fahrstil erhöht das Unfallrisiko. Einsicht: Fehlanzeige. Meist sind es Männer, dies sich selbst überschätzen. Was kann man dagegen tun?

Wie findet man aggressive Fahrer heraus?

Das Team um Verkehrspsychologin Meike Jipp am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig sucht darauf eine Antwort. Dazu müssen die Wissenschaftler die aggressiven Fahrer aber erst einmal erkennen. "Wenn ich im Auto sitze, dann habe ich ein Bewegungssziel und versuche dieses Ziel möglichst schnell zu erreichen. Dann passieren auf diesem Weg Dinge, die die Erreichung des Ziels behindern. So entsteht Frustration. Und Frustration ist der Vorläufer von Ärger und das führt letztendlich dazu, dass das Verhalten aggressiver wird." Meike Jipp testet in einem Experiment im Simulator, ob eine Kamera diesen Frust im Gesicht automatisch identifizieren kann. Als Erstes macht sie ordentlich Druck.

Kann ein Simulator echten Frust erzeugen?

Meike Jipp: "Deine Aufgabe ist es heute, ein ganz wichtiges Paket auszuliefern. Der Kunde erwartet das Paket innerhalb der nächsten sechs Minuten. Also strenge Dich an." Die Wissenschaftler steuern den Simulator von außen und rufen das "Frust-Programm" ab. Proband Christian weiß nur, dass er das Paket ausliefern muss. Gleich zu Beginn kämpft er mit Hindernissen. Kameras beobachten sein Gesicht, denn Gesichtsmuskeln reagieren unbewusst auf Gefühle. Die Forscher traktieren ihn mit rechts überholenden Bussen, Gegenverkehr und roten Ampeln. Das Päckchen kann er nicht abliefern. "Zum Ende hin der Bus, der hat mich genervt." Jetzt fährt Marie. Ihre Aufgabe ist exakt dieselbe: Wichtiger Kunde, pünktlich Paket abliefern. Doch ihr Programm "No-Frust" sorgt für freie Straßen und Höchstgeschwindigkeit. Marie wirkt konzentriert. Offenbar wegen der hohen Geschwindigkeit. Den engen Zeitplan hält sie ein. Marie: "Dadurch, dass es diese Anweisung gab, möglichst alles auszuliefern, dadurch ging der Blick oft auf den Tacho."

Was verraten die Gesichter?

Marie zieht manchmal die Augenbrauen zusammen. "Sie schaut nicht frustriert, aber ein Stück weit konzentriert und eben auch ein bisschen angespannt",erläutert Meike Jipp. Das Augenbrauen zusammenziehen bedeutet Konzentration. Und Christian? Er presst seine Lippen aufeinander. "Der Proband presst die Lippen aufeinander und bildet so Grübchen. Das ist ein sehr typisches Anzeichen für Frustration - und das ist ein Vorläufer von aggressivem Verhalten", erläutert Meike Jipp. Das zeigen auch die Frustbilder der 30 Probanden, die Meike Jipp in ihrer Studie bisher insgesamt untersucht hat. Doch die Kamerabilder alleine genügen den Forschern nicht.

Was sieht man im Gehirn?

"Das ist der berühmte Blick ins Gehirn. Das heißt, wir nutzen auch bildgebende Verfahren um zusätzliche Informationen über den Zustand des Fahrers zu erkennen," erklärt Meike Jipp. Erfolgversprechend ist die Nahinfrarotspektroskopie, kurz NIRS. Das Gerät misst die Durchblutung der Stirnregion der Fahrer. Wissenschaftler der Uni Oldenburg haben das System für die Suche nach Aggression angepasst. Hier Christians Stirn während einer Frust-Fahrt. Meike Jipp: "Das ist deswegen rot, weil hier im Gehirn in dem Moment sehr viel Sauerstoff in dem Moment war. Hier war deswegen viel Sauerstoff, weil in diesen Situationen der Proband wirklich frustriert war und diese Areale sind für die Impulskontrolle zuständig. Das bedeutet, der Mensch muss jetzt ein impulsives Verhalten unterdrücken. Was bei frustriertem Verhalten sehr, sehr typisch ist."

Wie kann man in Zukunft aggressive Autofahrer entspannen?

Die Wissenschaftler wollen mit dieser Technik ein Assistenzsystem entwickeln, das aggressive Fahrer frühzeitig erkennt, sofort warnt und so entspannt. "Zusammenfassend kann ich mir vorstellen, dass Musik beruhigen kann. Ich kann mir vorstellen, dass Gerüche wie zum Beispiel Vanille beruhigend wirken oder auch eine Massage, die im Autositz eingebaut ist," erklärt Meike Jipp. Hilft das wirklich gegen Aggression im Auto? Oder brauchen Rüpel-Fahrer doch eine härtere Gangart? Bevor der Führerschein weg ist, würden sich bestimmt einige über eine rechtzeitige Entspannung am Steuer freuen.