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SENDETERMIN Do, 25.10.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Einsamkeit im Alter Wege aus der sozialen Isolation

Soziale Isolation im Alter ist längst ein gesellschaftliches Problem. Beschämende Einsamkeit zu entstigmatisieren kann helfen, dem schleichenden „sozialen“ Tod entgegenzuwirken.

„Technische Hilfeleistung“, das ist der Einsatzbefehl für die Feuerwehr, als Amtshilfe für die Polizei eine Wohnungstür aufzubrechen. Tage- oder sogar wochenlang hatte man nichts von dem Bewohner gehört und gesehen. Irgendwann rief ein Nachbar die Polizei. In der Wohnung erwartet die Helfer oft ein trauriger Anblick: Die Leiche eines älteren Mannes oder einer Frau. Er oder sie hatte allein gelebt, und starb auch allein. Ein einsamer, unbemerkter Tod, eine schlimme Vorstellung. Und auch eine posthume Beschämung: ein Indiz, dass dieser Mensch wahrscheinlich auch einsam gelebt hat.

Und eventuell vom Ordnungsamt bestattet werden muss. Weil kein Angehöriger, kein Freund die Beerdigung bezahlt. Oft stand eine Krankheit, Scheidung oder Jobverlust am Anfang der Vereinsamung. Vielleicht also ein individuelles unglückliches Schicksal. Ein Mensch, der zu viel Pech hatte, oder einfach zu „schwierig“ für die anderen war.

Immer mehr Amtsbestattungen

Der einsame Tod ist für den Kasseler Soziologen Dr. Janosch Schobin aber nicht nur ein Privatschicksal; es gebe auch genug gesellschaftliche Gründe. Schobin hat eine Studie über Amtsbestattungen gemacht. Er fand heraus, dass diese, vor allem in größeren Städten, seit den 90er Jahren „massiv angestiegen sind: Jeder zehnte Mann und jede zwanzigste Frau werden von Amt bestattet.“ Dass dieser Trend sich fortsetzen wird, dafür gibt es verschiedene Gründe: Die Altersarmut wird weiter ansteigen, und Geld ist nun mal die Bedingung für soziale Teilhabe. Auch werden nun jene Generationen alt, die seltener heiraten, sich öfter scheiden lassen, weniger Kinder haben. Da ist einfach weniger Verwandtschaft da. Und: Menschen in der modernen städtischen Lebenswelt werden wählerischer bei ihren Beziehungen.

Wenig Beziehungsreseven

Im klassischen Dorfleben war – und ist man immer noch – stets unter Beobachtung und muss mit verschiedensten Menschen umgehen. Doch in der individualisierten Leistungsgesellschaft fokussieren sich Menschen immer mehr auf die wenigen Beziehungen, die sie als entlastend empfinden, die ihnen „gut tun“. Das sei, so Schobin, erstmal positiv: „Wir haben viel eher Beziehungen, die wir uns wünschen.“ Aber auf der anderen Seite gebe es keine Reserven, wenn wichtige Beziehungen ausfallen. Stirbt die zentrale Bezugsperson – meist der Ehepartner – oder aber der beste Freund zieht weg, gerät man schnell ins soziale Aus. Auch der Übergang vom Arbeitsleben in die Rente ist für viele bereits ein Isolations-Schock. Der tägliche Umgang mit Kollegen, soziales Ansehen, das volle Gehalt, fallen weg. Ein schleichender Rückzug aus der Gesellschaft kann hier seinen Anfang nehmen.

Strategien gegen soziale Isolation

Die Politik hat das Thema „Arm und Einsam im Alter“ inzwischen entdeckt. Kann der flexible Renteneintritt helfen? Oder mehr Verdienstmöglichkeiten neben der Rente? Das kann jene Menschen „im Spiel“ halten, die sonst in eine Privatwelt entlassen würden, vor der ihnen vielleicht graut. Sinnvoll ist das natürlich nur, wo Arbeit als erfüllend, nicht als belastend erfahren wird - oder Pensionäre aus purer Geldnot Jobs annehmen müssen, weil die Rente nicht reicht.

Auch Kommunikationstechnik soll helfen. Studien zeigen, dass ein behutsamer Einsatz Isolation im Alter reduzieren kann: zum Beispiel einfache Verabredungs-Portale, beispielsweise in Wohnvierteln. Ziel ist immer, dass am Ende reale Begegnungen stehen. Das funktioniert – zumindest bei halbwegs technikaffinen Senioren. Brauchen wir also mehr solcher Projekte, um die die Alten aus ihren Festungen herausholen? Muss ein „Einsamkeitsministerium“ wie in Großbritannien her?

Beschämende Einsamkeit

Janosch Schobin ist skeptisch gegenüber forciertem Aktivismus „von oben“. Vor allem, wenn Einsamkeit – so der Trend - als schlimme „Krankheit“ betrachtet wird: „Die Leute“ so der Kasseler Soziologe, „richten sich in ihrer Einsamkeit ein, finden darin auch Würde.“ Der Vereinsamung liege ja oft ein Rückzug aus der Gesellschaft zugrunde, weil man schlechte Erfahrungen gemacht hat. „Und wenn man diese Menschen zurückgewinnen will, dann muss man diese Seite auch verstehen, was der Person passiert ist.“ Das Angebot „Ich helfe Dir, weil Du krank bist!“, sei dann nicht die richtige Weise, auf Leute zuzugehen.

Schobin interviewte in mehreren Kulturkreisen einsame Menschen. Hierzuland war sein Eindruck, dass Einsamkeit, beschämend, stigmatisierend ist: „Ich habe bei den Interviews immer gefragt: Wem würden sie das erzählen? In Deutschland würde man sich das oft nicht trauen. In anderen Ländern, Lateinamerika, sei das dagegen kein Problem, „da würde man es den Nachbarn, den Freunden erzählen.“ Dort fand Schobin auch mehr Toleranz gegenüber Menschen, die Ihr Einsamsein kultivieren – zum Beispiel jahrelang trauernde Witwen. Sie werden nicht genötigt, doch endlich wieder „normal“ zu werden, sondern werden akzeptiert wie sie sind – in ihrer Exzentrik, ihrem Rückzug.

Einsamkeit entstigmatisieren

In unserer sehr rationalisierten Gesellschaft ist der Spielraum für solche Abweichungen geringer. Und die Ansprüche höher, vor allem an die Mitmenschen: „Ein wichtiger Eindruck, den ich mitgenommen habe,“ bilanziert der Forscher, „ist, dass man Menschen auch ertragen können muss. Wir müssen auch eine Toleranz dafür haben, dass Leute ungeschliffen und schwierig im Umgang sind, wir müssen weniger Ansprüche an soziale Kompetenz stellen.“

Eine in dieser Hinsicht entspanntere Gesellschaft kann sich auch leisten, positive und würdige Deutungen für Einsamkeit zuzulassen. Auf dieser Basis können Initiativen gegen den schleichenden sozialen Tod im Alter ansetzen: Mit viel Verständnis und Angeboten, möglichst auf kommunaler Ebene. Damit alte Menschen der Welt nicht schon zu Lebzeiten verloren gehen.

Buch

Thomas Hax-Schoppenhorst (Hrsg.)

Das Einsamkeits–Buch. Wie Gesundheitsberufe einsame Menschen verstehen, unterstützen und integrieren können.

Verlag:
Verlag Hogrefe, 2018
Genre:
Sachbuch
Länge:
536 Seiten
Bestellnummer:
978-3-456-85793-0

Buch

Manfred Spitzer

Einsamkeit - die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich

Verlag:
Droemer HC, 2018
Genre:
Sachbuch
Länge:
320 Seiten
Bestellnummer:
978-3-426-27676-1