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SENDETERMIN Do, 12.11.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Depression Eine Depression kann jeden treffen

Michael Freudenberg ist Psychiater. Sein Beruf ist es, depressiven Patienten zu helfen. Doch das schützte ihn nicht davor, selbst an einer Depression zu erkranken.

"Das Schlimmste ist die Hoffnungslosigkeit"

Seit fast 30 Jahre arbeitet Michael Freudenberg als Oberarzt einer psychiatrischen Station. Jeden Morgen um neun Uhr bereitet er sich auf die Visite vor. Etwa die Hälfte der Patienten auf seiner Station leidet unter Depressionen. Freudenberg weiß, warum diese Krankheit so unerträglich ist. "Selbst bei einer Krebserkrankung haben viele Patienten noch Hoffnung - entweder Hoffnung, die Krankheit zu überwinden oder aber auch Hoffnung auf einen relativ gnädigen Tod", sagt er, "als Depressiver haben Sie keine Hoffnung mehr." Bei der Visite nimmt sich der Arzt Zeit. Vertrauen, Verständnis und intensive Gespräche - darauf kommt es ihm an, beim Umgang mit seinen Patienten. Vielen depressiven Menschen können die Ärzte helfen - manchmal dauert es einige Wochen, manchmal auch Monate.

Viele Depressive versuchen, eine Fassade aufrecht zu erhalten

Doch die Behandlung der Patienten nur ein Teil seiner Arbeit. Dazu kommen Bürokratie und Verwaltung. Personalabbau, Überstunden und Stress. Jahrzehntelang hat Michael Freudenberg das mitgemacht, doch irgendwann wurde es ihm zu viel. Der Arzt entwickelt dieselben Symptome wie seine depressiven Patienten: "Ganz plötzlich wachte ich morgens relativ früh auf und grübelte. Die Gedanken kreisten und das Ganze steigerte sich dann bis zu einer echten Schlaflosigkeit." Was Michael Freudenberg bei sich selbst registriert, kennt er sehr gut aus den Schilderungen seiner Patienten. Doch er will nicht wahrhaben, dass bei ihm auch dieselbe Ursache dahinter steckt. Mehrere Monate vergehen, bis er sich selbst eingesteht, dass er an einer Depression leidet. Er kann sich nicht mehr konzentrieren und ist hoffnungslos. Doch wie so viele depressive Menschen schafft er es mühsam, bei der Arbeit, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Michael Freudenberg will sich nichts anmerken lassen. Der Psychiater ist da keine Ausnahme.

Wer an Depressionen leidet, braucht Hilfe

Portrait von Michael Freudenberg.

Oberarzt und Psychiater Michael Freudenberg

Als er schon tief in der Depression steckt, reist er zu einem Fachkongress nach Berlin. Obwohl er es eigentlich besser wissen müsste, hofft er, dass die Depression irgendwann von selbst verschwindet. Tatsächlich aber wird sein Zustand bei dem Kongress immer schlechter. Michael Freudenberg leidet unter Angst-Attacken. Er möchte niemandem begegnen und versteckt sich schließlich hinter einer Säule. "Von dieser Säule aus konnte ich viele Vorgänge in der Halle beobachten und konnte gucken, wer auf mich zukommt." Zwei Stunden vergehen, bis Michael Freudenberg es schließlich schafft, die Veranstaltung zu verlassen. Schwer depressiv läuft er danach durch Berlin. Er trägt sich sogar mit Suizidgedanken - all seine Erfahrung und sein Wissen nutzen dem Psychiater in dieser Situation gar nichts. Er ist gefangen in der Erkrankung - so wie jeder andere Patient auch. "Der Experte ist vielleicht noch ein bisschen für andere Menschen da, für andere Patienten, aber man selbst macht die gleichen Fehler wie jeder andere Depressive auch."

Der Psychiater kämpft gegen das Stigma der Depression

Michael Freudenberg sieht ein, dass er Hilfe braucht. Er lässt sich behandeln, nimmt Medikamente und beginnt eine Psychotherapie. So überwindet er schließlich die Depression. Nach einer Auszeit kehrt er in die Klinik zurück. Heute spricht er offen über die Erkrankung. Michael Freudenberg ist sicher nicht der einzige Psychiater, der an einer Depression litt. Im Gegenteil: Seine Berufskollegen sind doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie der Bevölkerungsschnitt. Anonyme Umfragen haben das ergeben. Und doch ist Freudenberg der einzige Psychiater, der offen zu seiner Krankheit steht. "Eine Depression ist immer noch mit Stigma verbunden", sagt er. "Und dieses Stigma können wir weiter mildern, wenn wir erklären: Es ist eine normale Erkrankung und jeder kann betroffen sein, auch ich."

Das Leben nach der Depression

Drei depressive Episoden hat Freudenberg erlebt. Immer wieder ist er danach an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Manchmal hat er seinen Patienten erzählt, dass er sehr genau weiß, wie sie sich gerade fühlen. Er ist dadurch kein schlechterer Psychiater geworden - im Gegenteil: Er kann glaubhaft vermitteln, dass eine Depression zu behandeln ist. Dass Hoffnung und Lebensmut zurückkehren. Mittlerweile ist Michael Freudenberg pensioniert, doch für depressive Patienten engagiert er sich weiterhin. Und er achtet darauf, dass er sich nicht zu viel zumutet. Der Sport hilft ihm dabei, er sorgt für den nötigen Ausgleich.

aus der Sendung vom

Do, 12.11.2015 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.