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SENDETERMIN Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ein Beruf in der Kritik Heilpraktiker: Überaus beliebt, äußerst umstritten

Heilpraktiker werden immer beliebter, obwohl es kein anerkannter Ausbildungsberuf ist, der zudem auf einem Gesetz aus dem Dritten Reich basiert. Kritiker fordern nun schärfere Regeln.

Mehr Freiheiten als Ärzte

Dietmar Falkenberg ist Vorsitzender des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker in Baden-Württemberg und seit 30 Jahren Heilpraktiker. Als solcher darf er fast so viel wie ein Arzt. Doch es gebe Grenzen, zum Beispiel gesetzliche Einschränkungen: "An einen Arzt überweisen müssen wir, wenn invasive Diagnostik wie zum Beispiel CT oder MRT erforderlich ist, wenn stark wirksame Medikamente, die unter der Verschreibungspflicht stehen, benötigt werden, oder spezielle Untersuchungstechniken, die uns gesetzlich Vorenthalten sind. Und bei Zahn- und Kiefererkrankungen oder Infektionskrankheiten, die meldepflichtig sind." Ansonsten ist es Heilpraktikern aber beispielsweise gestattet mit Blut zu arbeiten und Spritzen zu setzen. Sie dürfen Knochenbrüche, offene Wunden, Krebs und viele weitere schwerwiegende Erkrankungen behandeln - auch psychische Leiden. In der Wahl ihrer Behandlungsmethoden sind sie völlig frei.

Zweifelhafter Heilberuf

Das ruft immer wieder Kritiker auf den Plan. Sie werfen Heilpraktikern unter anderem vor, dass gängige Behandlungsverfahren wie zum Beispiel Homöopathie nicht wissenschaftlich bewiesen seien und dass viele Heilpraktiker sich als Arztersatz sähen. Die "Homöopathen ohne Grenzen", eine weltweit tätige Vereinigung aus Heilpraktikern und homöopathischen Ärzten etwa, behauptet, Aids, Malaria und Ebola behandeln zu können. Auf der afrikanischen Homepage bezeichnen sie es als ihre Mission, die Leiden von HIV-Patienten zu lindern. Dort findet sich ein Video, in dem eine HIV-Kranke über eine Art Wunderheilung berichtet, nachdem sie homöopathische Mittel genommen habe.

"Der Gesetzgeber ist schuld"

Portrait von Dr. Dr. Benedikt Matenaer

Kritisch gegenüber Heilpraktikern: Anästhesist Dr. Benedikt Matenaer

Der Anästhesist Dr. Benedikt Matenaer ist einer der vielen Kritiker von Heilpraktikern, obwohl er ihnen früher einmal positiv gegenüber stand und selbst eine Akupunktur-Ausbildung hat. Doch je mehr er sich mit dem Heilpraktikerwesen befasste, desto größer wurden seine Bedenken: "In meiner täglichen Praxis erlebe ich es leider immer wieder, dass Heilpraktiker ihre Verfahren als wirkliche Alternative begreifen - das ist sehr gefährlich." Der Mediziner vom St. Agnes-Hospital in Bocholt macht den Heilpraktikern selbst gar nicht mal einen direkten Vorwurf: "Das Schlimme ist, dass Heilpraktiker oftmals gar nicht in der Lage sind bedrohliche Situationen zu erkennen, weil sie keine definierte Ausbildung haben." Daran sei der Gesetzgeber schuld. "Der Staat lässt mit dem Heilpraktikergesetz zu, dass Menschen ohne eine definierte und vor allem vom Staat kontrollierte Ausbildung am Menschen tätig werden."

Fast jeder kann Heilpraktiker werden

Das Heilpraktikergesetz stammt noch aus dem Dritten Reich und regelt die Zulassung. Die Anforderungen sind minimal. Anwärter müssen mindestens 25 Jahre alt sein, einen Hauptschulabschluss und ein Führungszeugnis vorweisen - dann können sie beim Gesundheitsamt eine medizinische Prüfung ablegen. Ein Berufspraktikum wird nicht verlangt und eine praktische Prüfung gibt es ebenso wenig, wie eine Ausbildungsordnung. Zudem, kritisiert Matenaer, werden Heilpraktiker nicht kontrolliert: "Wir Ärzte haben eine entsprechende Ausbildung, wir werden kontrolliert, wir haben ein Standesrecht. Das gibt es alles bei Heilpraktikern nicht und das ist ein unhaltbarer Zustand."

Bundesländer fordern Reformen

Zweifelhafte Qualifikation, zu viel Eigenverantwortung und zu wenig Kontrolle. Immer mehr Skeptiker verlangen deshalb, dass der Beruf des Heilpraktikers abgeschafft werden soll. Zumal er eine deutsche Besonderheit ist. Weltweit einmalig. Heilpraktiker Dietmar Falkenberg sieht das anders: "Es gibt immer wieder Interventionen von Seiten der Ärzteschaft, die wohl ein Stück weit auch neidisch sind auf die Freiheiten, die wir haben." Die Freiheitsgrade der Heilpraktiker sind mittlerweile aber auch den meisten Bundesländern zu hoch. Vom Sozialministerium in Baden-Württemberg erfahren wir, Zitat: "Von Seiten der Länder gab es verschiedene Vorschläge für eine Reform, die Bundesregierung war dazu aber bislang nicht bereit." Beim Bundesgesundheitsministerium sieht man allerdings derzeit keinen Handlungsbedarf: "Es gibt wichtigere Themen", heißt es dort.

Heilpraktiker wollen frei bleiben

Heilpraktikern, wie Dietmar Falkenberg, ist das gar nicht so unrecht: "Was wir uns nicht wegnehmen wollen, ist die Freiheit der Entscheidung, die Freiheit der Methode in der Diagnostik und der Therapie. Weil darauf aufbauend basieren letzten Endes unsere Erfolge." Aber genau die sind ja umstritten. Solange sich am Heilpraktikerwesen nichts ändert, wird das wohl auch so bleiben. Umso wichtiger ist es, dass sich Heilpraktiker wirklich als Ergänzung zur Schulmedizin sehen - so wie Dietmar Falkenberg. Und dass Patienten bewusst ist, worauf sie sich bei einer Behandlung einlassen.

aus der Sendung vom

Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.