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SENDETERMIN Do, 25.2.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Erziehung Egalia - Geschlechtsneutrale Erziehung

Im Stockholmer Kindergarten Egalia werden alle Kinder gleich behandelt. Egal ob Junge oder Mädchen. Genderwahn oder sinnvolle Erziehung zu mehr Freiheit?

Im Stockholmer Kindergarten Egalia werden alle Kinder gleich behandelt. Egal ob Junge oder Mädchen. Genderwahn oder sinnvolle Erziehung zu mehr Freiheit?
Es geht nicht nur ums Geschlecht
Bin ich Männlein oder Weiblein? Eine Frage, die sich Kinder im Alter von zwei drei Jahren nicht stellen. Denn für sie ist klar, dass es Mädchen und Buben gibt. Doch was bedeutet es eigentlich Mädchen oder Junge zu sein. Muss jeder Junge wie ein Junge behandelt werden und jedes Mädchen wie ein Mädchen? Im Stockholmer Kindergarten Christiansgorden hat man sich mit der Frage beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen: Alle Kinder sollen gleich behandelt werden. Damit sie die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu entfalten. Was das in der Praxis heißt, erklärt eine der Begründerinnen der Idee "Egalia", die Kindergartenleiterin Lotta Rajalin und zeigt ein paar Beispiele aus dem Alltag der Kinder: "Hier haben wir einen großen Konstruktions- und Spielbereich. Die Kinder können entscheiden, ob sie etwas mit Bauklötzen bauen, mit Autos spielen oder sich mit Puppen beschäftigen. Wir haben Puppen mit verschiedenen Hautfarben, unterschiedlichen Alters und Geschlechts. All das können die Kinder kombinieren und damit spielen. Zum Beispiel einen Lastwagen mit Perlenkette oder ein tanzender Roboter. Das soll zeigen: Alles ist möglich, auch eine Roboter-Ballerina."

Eine Idee wird umgesetzt

Lotta Rajalin kam 1998 auf die Idee, Egalia zu gründen. Videoaufnahmen aus ihrem Kindergarten zeigten ihr, dass die Erzieher Jungs und Mädchen unterschiedlich behandelten. Die Kinder konnten also nicht so sein, wie sie wirklich sind meint Lotta Rajalin: "Es geht vor allem um Erwartungen. Wenn du von einem Jungen erwartest, dass er wild ist und laut, dann verhält er sich auch so. Wir wollen ja alle so sein, wie es von uns erwartet wird. Wenn von dir als Mädchen erwartet wird, dass du lieb und schön bist und du dafür gelobt wirst, dann verhältst du dich weiter so. Deswegen ist es wichtig, dass du sein kannst was du bist und nicht das wirst, was die Gesellschaft von dir erwartet." Um das Egalja Konzept umzusetzen brauchte es viel Detailarbeit. Auch in der Sprache. Wenn irgend möglich vermeiden die Erzieher die Nennung des Geschlechts. Manchmal ist das leicht, indem sie einfach Namen nennen, statt er oder sie zu sagen. Aus dem Klempner Björn wird dann eben Björn. Doch für das Konzept brauchten sie auch völlig neue Lösungen. Rajalin nimmt ein Bilderbuch in die Hand: "Das ist das erste Kinderbuch in dem der geschlechtsneutrale Fürwort HEN benutzt wurde. Das hat einen Sturm in Schweden ausgelöst." HEN bedeutet so viel wie ES und kann im schwedischen statt er oder sie verwendet werden. So wird das Geschlecht nicht genannt. Allerdings würden die Kinder in keinster Weise angewiesen so zu sprechen; die Regeln gelten nur für die Erzieher/innen, betont die Pädagogin.

Protest gegen das Konzept

Soviel Gleichheit war einigen dann doch zu viel. Der Egalia-Kindergarten ist auch in Schweden nicht unumstritten. Dabei ist in Schweden die Gleichstellung der Geschlechter Staatsphilosophie. Es gibt sogar eine Ministerin für Chancengleichheit. Das Ziel: Der Zugang zu Macht, Ressourcen und Chancen soll gleich zwischen Frauen und Männern verteilt werden. Egalia und der Kindergarten Christiansgorden setzen diese Ziele konsequent in der Kindererziehung um, so Lotta Rajalin: "Viele glauben, wir wollten die Mädchen zu Jungs machen und Jungs zu Mädchen, aber das tun wir nicht. Wir wollen die Kinder nicht verändern, aber wir wollen ihre Sicht erweitern. Sie sollen lernen, dass sie Zugang zu allem haben können, was das Leben bringt." Nicht Gleichmacherei sei das Ziel sondern Gleichwertigkeit und Toleranz.

Was sagen die Eltern?

Bei den Eltern ist Christiansgorden auf jeden Fall beliebt. Es gibt mehr Anmeldungen als Betreuungsplätze. Für eine Mutter ist Egalia sogar der beste Start ins Leben. Ihre Tochter solle nicht irgendwelchen Erwartungen gerecht werden, bloß weil sie ein Mädchen sei. Sie selbst sei auch so erzogen worden. Bloß gab es damals noch keine Kindergarten wie Egalia. Ein Vater findet es gut, dass das Konzept Egalia den Kindern beibringe, mit offenen Augen in die Welt zu gehen. Tatsächlich fällt es schwer, ein Argument gegen die Arbeit in Christiansgorden zu finden. Schließlich sollte es in einer modernen Gesellschaft selbstverständlich sein, dass alle Kinder die gleichen Chancen bekommen. Doch die Aufmerksamkeit, die das Kindergartenkonzept Egalia bekommt zeigt, dass es noch nicht so weit ist.