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SENDETERMIN Do, 27.4.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Mein Diesel Wie belastend bin ich? (Teil 1)

Jährlich sollen 70.000 Deutsche vorzeitig sterben durch Feinstaub und Stickoxide aus Diesel-PKW. Autor und Diesel-Fahrer Frank Wittig klärt die Frage: „Wie schädlich bin ich für die Umwelt?“

Ich mag meinen Skoda Superb Elegance sehr gerne. Er ist sehr komfortabel, gut verarbeitet und günstig im Verbrauch. Aber er ist ein Diesel. Mit Dieselabgasen und die sind schädlich. Ich möchte herausfinden, wie schädlich ich eigentlich bin und werde dazu zu verschiedenen Fachleuten fahren. Mal sehen, wie das ist am Ende der Recherche: ob ich weiter zu meinem Diesel stehe oder ob ich doch ein anderes Auto brauche.

Diesel und Herz

Meine erste Station mache ich bei Prof. Thomas Münzel, dem Leiter der Kardiologie an der Mainzer Uniklinik. Von ihm will ich wissen, wie er als Herzspezialist die Gefährlichkeit von Dieselabgas einstuft.

Zunächst bezieht er sich nur auf das Problem mit dem Feinstaub: „Je kleiner der Feinstaub, desto größer die Gefahr, dass er ins Blut gelangt und sich an den Gefäßwänden ablagert und Entzündungsreaktionen hervorruft und die Gefäßverkalkung stimuliert.“

„Und die Folgen?“, will ich wissen.

„Die Folgen liegen auf der Hand: es entsteht Bluthochdruck, es entsteht Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche und vor allem auch mehr Herzrhythmusstörungen.“

Das zweite große Thema beim Dieselabgas ist ja NO2, Stickstoffdioxid. Was hat der Kardiologe dazu zu sagen?

„Wichtig ist das NO2 vor allem in Kombination mit Feinstaub synergistisch Entzündungsprozesse in den Gefäßen stimuliert. Und vor allem auch die Bildung freier Radikale anheizt. Ein Problem, das man auch kennt bei Diabetes, chronischem Rauchen, Übergewicht oder Bluthochdruck.“

Nicht gerade ermutigend: die Einschätzung des Kardiologen.

Diesel und Lunge

Bevor der Feinstaub allerdings zu einem Problem in den Gefäßen werden kann, muss er durch die Lunge. Um in Erfahrung zu bringen, welche Probleme hier auftreten können fahre ich (mit dem Zug!) nach München zum Helmholtzinstitut für Umwelt und Gesundheit. Denn hier gibt es eine Abteilung für Lungenbiologie. Dr. Tobias Stöger will mir zeigen, wie man die Auswirkungen des Dieselabgases auf die Lunge hier erforscht. Proben mit Lungenzellen werden hier in einer kleinen Aerosolkammer einer genau definierten Belastung mit Dieselstaub ausgesetzt. Tobias Stöger legt einen Schalter um und sofort strömt Nebel aus einer Düse in die Kammer. Dann zeigt mir der Wissenschaftler Mikroskopaufnahmen. Zunächst von einer unbelasteten Probe. Beim Thema Feinstaub – lerne ich – geht es vor allem um die Fresszellen, die in den Lungenbläschen für Sauberkeit sorgen. „In jedem Lungenbläschen wohnen ein paar von den Fresszellen und die haben die Aufgabe, die Oberfläche zu putzen“, sagt Stöger schmunzelnd. Dann wechselt der Lungenfachmann zu einer Gewebeprobe, die in der Aerosolkammer mit Dieselstaub belastet wurde: Der Unterschied ist mehr als deutlich. Viele der Fresszellen sind mit Dieselstaub geradezu vollgestopft. „Und was passiert letztlich in der Lunge, wo ist das Problem?“, will ich wissen. Tobias Stöger erklärt: „Das Problem ist, dass dadurch Entzündungszellen in die Lunge einwandern und schließlich entzündliche Reaktionen hervorrufen.“ Ganz ähnlich gelte das auch für Stickstoffdioxid: „Stickstoffdioxid kennen wir als stark scharfriechendes Gas, das ein Reizgas ist. Das führt in der Lunge ähnlich wie Feinstaub zu einer Entzündungsreaktion.“ Das möge für einen gesunden Menschen in der Regel keine wirkliche Gefahr darstellen. Aber für vorbelastete Menschen, die an chronischen Lungenleiden wie Asthma litten, sei das durchaus problematisch.“

Wie geht es den Betroffenen?

Und wie geht es den Hauptbetroffenen? Denen, die den Dieselabgasen ständig ausgesetzt sind. Wie hier in Mainz an der „Großen Bleiche“. Der erste, der uns zu einem Interview in sein Appartement lässt, ist der Biologie-Student Nico Bürger.

Von seinem Balkon im dritten Stock hat man einen „schönen Blick“ auf die Verkehrsader. Bekommt er eigentlich was mit von den Abgasen? Er windet sich ein wenig. Ganz wohl ist ihm bei dem Thema offensichtlich nicht: „Man spürt es schon unter der Woche, wenn viele Autos fahren und man steht hier am Balkon, da spürt man schon, dass die Luft etwas dicker ist.“ Aber körperliche Beschwerden durch die Abgase konnte er bisher nicht entdecken. Außerdem will er hier auch nicht ewig wohnen: „Ja, ich bevorzuge es dann schon weiter draußen, außerhalb der Stadt, etwas weg von den Autos. Das wäre schon besser für die Gesundheit.“

Einen Steinwurf entfernt – auf der anderen Seite der Straße – wohnt seit zweieinhalb Jahren die Juristin Magdalen Herzog. Aber auch sie hat noch keine Gesundheitsprobleme: „Körperlich weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Da wüsste ich nicht, woran ich es festmachen kann. Aber was ich merke ist, dass die Wohnung unwahrscheinlich staubig ist, dass ich ständig Staub wischen muss.“

„Aber wenn sich der Staub in ihrer Wohnung niederlegt“, sage ich etwas uncharmant, „dann legt der sich natürlich auch in Ihre Lunge.“

„Ja aber das merke ich jetzt körperlich noch nicht. Aber naheliegend ist es auf jeden Fall.“ Wenn sie einmal Kinder habe, wolle sie auf das Land ziehen. Aber jetzt – als junger Mensch in der Stadt – sein die Lage doch sehr praktisch.

Gesunde halten das eine Zeit lang ohne Probleme aus

Bei meinen Recherchen bin ich auf eine Animation der Stickoxid-Belastung in London gestoßen. Die zeigt genau, wie sich die Werte vor allem in den großen Straßenschluchten und ganz besonders über den Kreuzungen gefährlich hoch in den roten Bereich auftürmen. Schon etwas abseits der Hauptverkehrsadern sinken die Werte in den ungefährlichen blau-grünen Bereich. Mein Fazit für heute: Für die Leute, die hier an der Straße leben, ist das wirklich eine Belastung. Auch wenn ein gesunder Mensch das sicher über viele Jahre aushalten kann, ohne dass er sofort krank wird, muss man versuchen, die Belastung zu reduzieren, soweit es geht. Da trifft es sich gut, dass ich schon einen Termin habe bei meinem Skoda-Händler für ein Update. Dann wird die Schummel-Software entfernt und mein Auto wird sauberer.