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SENDETERMIN Do, 19.2.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Neuromythen Die Wahrheit übers Gehirn

Können wir Multitasking? Lernen wir im Alter schlechter? Und nutzen wir wirklich nur 10 Prozent unseres Gehirns? Der Hirnforscher Henning Beck erklärt, warum diese "Weisheiten" über unsere grauen Zellen allesamt Mythen sind.

Obwohl das Gehirn nur zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmacht, verbraucht es etwa ein Viertel der täglich zugeführten Energie aus der Nahrung. Dies entspricht circa 130 Gramm Glucose am Tag. "Trotzdem ist unser Gehirn ein sehr energiesparendes Organ", sagt Henning Beck. "Deshalb geht uns auch niemals ein Licht auf. Das wäre reine Energieverschwendung."
Unser effizienter Kopf besteht aus unterschiedlichen Bereichen. Der Präfrontale Cortex im Großhirn ist die planende und emotional wertende Instanz. Hier werden Ziele gesetzt, Entscheidungen getroffen und Handlungen initiiert. Schwierige Herausforderungen können so gelöst werden. Dennoch wären wir eigentlich noch zu viel mehr fähig.

Nutzen wir wirklich nur zehn Prozent unseres Gehirns?

Es heißt doch immer, wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns. Stimmt das? "Im Gehirn bleibt nichts ungenutzt", so der Hirnforscher. Das ist so wie beim Schuhschrank meiner Schwester. Am Anfang hat sie zehn Paar Schuhe. Doch weil es Winter ist, kommen Sandalen, Ballerinas und Espandrillos erst einmal weg. Für den Winter benutzt sie eher Stiefel, Boots und Fellschuhe. Die aber zu 100 Prozent. So ähnlich ist es auch im Gehirn. Was nicht gebraucht wird, das kommt weg. Und nur das, was übrig bleibt, das nutzen wir auch zu 100 Prozent."

Können wir Multitasking?

Dafür sind im Gehirn etwa 160 Milliarden Zellen im Einsatz. Die eine Hälfte sind Nervenzellen und die andere Hälfte Gliazellen. Diese sind für die Entwicklung des Nervensystems verantwortlich. Und auch dafür, dass neue Synapsen gebildet werden. An diesen Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen werden Reize wie etwa Gedanken weitergeleitet. Je häufiger eine Synapse genutzt wird, umso aktiver wird sie. Es können sich sogar neue bilden. Können wir deshalb Multitasking - also mehrere Dinge gleichzeitig erledigen?
Henning Beck winkt ab: "Echtes Multitasking ist nicht möglich, denn unser Gehirn kann maximal zwei Sachen gleichzeitig unternehmen. Ich kann zum Beispiel jonglieren und etwas erklären. Wenn jetzt eine dritte Aufgabe hinzu kommt, dann geht das nicht mehr. Und genau so ist das auch im Gehirn. Was wir tatsächlich machen, wenn wir mehrere Dinge gleichzeitig tun: Wir springen schnell zwischen zwei Aufgaben hin und her."

Comicdarstellung: Veränderung ist auch im Alter möglich

Ist Lernen im Alter unmöglich?

Trotzdem ist unser Hirn vielschichtig. Als emotionales Gehirn wird das limbische System bezeichnet. Es besteht aus mehreren Teilen. Die Amygdala steuert vor allem die Angst. Ein weiterer Bereich ist der Hypothalamus. Er reguliert die Hormone. Der Hippocampus ist die Schaltstelle zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis. Er ist besonders wichtig für’s Lernen. Doch das geht ja nur bis zu einem gewissen Alter, oder?
"Alte Menschen können ebenfalls noch lernen. Aber anders, denn alte und junge Gehirne denken unterschiedlich. Das müssen sie auch, denn sie nutzen verschiedene Wege um Neues zu lernen: Junge Gehirne denken schneller und lernen effizienter. Doch dafür nutzen sie noch die langen Denkwege und müssen kurze Denkrouten erst im Lauf der Zeit optimieren. Alte Gehirne denken etwas langsamer. Doch die effizienten, kurzen Denkwege haben sie mit der Zeit schon ausgebildet."

Wir können uns bis ins hohe Alter verändern

Lernen kann der Mensch so lange er lebt, weil die Verknüpfung neuer neuronaler Netzwerke nie aufhört. Auch, was wir als Persönlichkeit bezeichnen, ist nichts anderes als ein spezifisches neuronales Muster. Wie wir den Informationsfluss leiten, lässt sich trainieren. Aus einem alten Griesgram kann dann immer noch ein glücklicher Mensch werden.
Unsere Zivilisation ist durch diese enorme Lernfähigkeit erst möglich. In unserem Gehirn finden sich aber auch Relikte aus der Steinzeit. Der evolutionär älteste Teil ist der Hirnstamm: "Der Hirnstamm ist wie das Untergeschoss eines Hauses, in dem die wichtigsten Versorgungsleitungen zusammenlaufen. Hier werden die entscheidenden Versorgungsleitungen des Rückenmarks gebündelt und neu verschaltet", erklärt Henning Beck. Daher ist der Hirnstamm so etwas wie eine Steuerzentrale. Essentielle Lebensfunktionen wie Herzschlag, Atmen und Sexualität werden von hier aus gelenkt. Es gibt die Vorstellung, dass die Impulse aus dieser Region sich immer wieder gegen den "vernünftigen" Präfrontalen Cortex durchsetzen.

Gibt es Bereiche im Kopf, die gegeneinander kämpfen?

Daher kommt auch der Gedanke, dass einige Bereiche im Gehirn unterschiedliche Interessen haben und sich gegenseitig bekämpfen. "So ist es nicht. Im Gehirn gibt es keinerlei Kämpfe", sagt Henning Beck. "Vielmehr ist jeder Teil des Gehirns essentiell und keiner kommt ohne den anderen aus. Das ist wie ein Zusammenspiel in einer perfekten Mannschaft. Und das ganz ohne Trainer."

aus der Sendung vom

Do, 19.2.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.