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SENDETERMIN Do, 19.4.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Die Versprechen der personalisierten Medizin

Meine Therapie, mein Medikament

Seit einiger Zeit macht ein neues Schlagwort im Gesundheitswesen die Runde: „Personalisierte Medizin“. Aber ist das tatsächlich etwas Besonderes? Haben Ärzte nicht schon immer versucht, ihre Patienten persönlich zu behandeln? Nur bedingt! Bluthochdruck als Krankheitssymptom zum Beispiel, kann viele verschiedene Ursachen haben. Starre Blutgefäße oder ein Engpass in der Niere. Bei der Wahl der Medikamente beziehen sich die Ärzte aber häufig gar nicht auf diese Ursachen, weil sie in der Regel unbekannt sind. Die Ärzte gehen nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ vor, so lange, bis das passendste Medikament gefunden ist. Mit der personalisierten Medizin soll sich das ändern. An der Uniklinik Greifswald wurde ein ambitioniertes Studienprojekt gestartet. 6.000 Bluthochdruck-Patienten sollen untersucht werden. Eine von ihnen ist Ruth H.

Volkskrankheit Bluthochdruck

Drei Kanülen mit Blut liegen auf einer Matratze

Umfangreiche Blutabnahme: Für die individuelle Medizin wird das Patientenblut aufwändig analysiert.

Ruth H. hat seit dreißig Jahren Bluthochdruck. Die Folgen sind ein schwaches Herz, Wasser in der Lunge, geschädigte Nieren. Seit fünf Jahren ist sie an der Dialyse. Der Grund für den Hochdruck? Bisher unbekannt. Tapfer spricht die 65-jährige über ihre Krankheit: „Es wird vermutet, dass es vom Herz kommt, es wird vermutet, dass es von den Nieren kommt, aber warum, weiß keiner wirklich. Ich werde ja auch medikamentös behandelt wegen des Blutdrucks. Aber er bleibt trotzdem nicht gleich, sondern er schwankt immer wieder. Und das macht es einfach schwierig. Und da hoffe ich, dass ich durch die Studie noch etwas mehr Aufschluss bekomme.“

Das erhoffen sich auch der Sozialmediziner Prof. Wolfgang Lieb und der Kardiologe Dr. Marcus Dörr. Sie gehören zu den Wissenschaftlern, die die ambitionierte Studie mit dem Namen Gani-Med durchführen. Um die dringend benötigten Fortschritte bei der Behandlung der Volkskrankheit Bluthochdruck zu erreichen. Der Kardiologe Dörr sagt zum Ziel der Studie: „Bei den meisten Patienten ist es so, dass man die wirkliche Ursache des Bluthochdrucks gar nicht kennt. Man behandelt aber trotzdem alle Patienten mit ähnlichen Methoden, mit gleichen Medikamenten. Nun ist es so, dass verschiedene Patienten unterschiedlich auf die Medikamente reagieren: Da ist die Spannbreite von gutem Ansprechen über gar keine Reaktion – oder sogar schwere Nebenwirkungen. Diese Unterschiede näher zu beleuchten und aufzuklären, das ist die Aufgabe der personalisierten Medizin.“

Gezielte Heilung durch personalisierte Medizin?

Zwei Mediziner sitzen vor einem Laptopbildschirm und

Forschen für das Ganimed-Projekt: Sozialmediziner Prof. Wolfgang Lieb und der Kardiologe Dr. Marcus Dörr.

Es ist fast grotesk, denn eine sehr grundlegende Tatsache wird bei der pharmazeutischen Therapie bisher oft nur unzureichend gewürdigt: Die Menschen unterscheiden sich voneinander. Nicht nur äußerlich, im Gesicht, in Größe und Gewicht, auch in Alter und Geschlecht, in ihrem Lebensstil, den Ernährungsgewohnheiten und im Stoffwechsel. Und Menschen unterscheiden sich in ihren Genen, also in in der Veranlagung für Fehlfunktionen und Krankheiten. Das alles beeinflusst die Wirkung von Medikamenten. Die personalisierte Medizin versucht, dem Rechnung zu tragen, erklärt Prof. Lieb: „Patienten, die ein klinisch einheitliches Krankheitsbild haben, wie den Bluthochdruck oder die Herzinsuffizienz, können in Wahrheit ganz unterschiedliche Krankheitsmechanismen haben und Krankheitsursachen. Und durch unsere umfangreichen Untersuchungen möchten wir versuchen, diese Subgruppen herauszuarbeiten. Damit wir die Patienten zielgenauer behandeln können.“

Einteilung der Patienten in Gruppen

Die Studie Gani-Med soll 6.000 Probanden mit Bluthochdruck erfassen. Er ist die Ursache zahlreicher Volkskrankheiten, die jährlich Milliarden Euro verschlingen wie Schlaganfall, Nierenschwäche, Herzinfarkt. Die 6.000 Probanden werden medizinisch engmaschig überwacht. Dabei werden bis zu 7.000 Messwerte pro Person erhoben. Eine Rasterfahndung mit dem Ziel Patienten mit gleichen Profilen aufzuspüren und in verschiedenen Gruppen zusammen zu fassen. Das Blut der Probanden gehört zu den wichtigsten Informationsquellen bei dieser medizinischen Großfahndung. Die aufbereiteten Blutproben landen in einem Massenspektrometer. Ein High-Tech-Apparat, der das komplexe Gemisch von Eiweißmolekülen im Blut auseinanderdividiert und nach Gewicht sortiert. Denn das Spektrum der Blutproteine enthält wertvolle Informationen über den Gesundheitszustand der Probanden.

Ziel der Studie: Individuelle Behandlungsmethoden

Diese so genannte „Proteomanalyse“ – davon sind die Greifswalder Forscher überzeugt – wird eine überschaubare Zahl typischer Grundmuster bei den Blutproteinen liefern. Eiweißmuster, die charakteristisch sind für die verschiedenen Untergruppen der Bluthochdruckerkrankung. Man wird damit nicht nur die Patienten in Untergruppen aufteilen können, der Kardiologe Marcus Dörr geht davon aus, dass die Eiweißmuster auch medizinisch auswertbare Informationen bereitstellen: „Man geht davon aus, dass diese verschiedenen Subgruppen von Proteommustern auch darauf hindeuten, dass die Patienten auch unterschiedliche Krankheitsmechanismen für die Erkrankung haben. Wir erhoffen uns, dass man aus diesen speziellere Informationen über die Erkrankungen erhalten, so dass wir sie auch spezifischer behandeln können.“

Auch Thomas Krogul macht bei Gani-Med als Proband mit. Allerdings ist er soweit völlig gesund. Er gehört zur gesunden Kontrollgruppe, deren Eiweißspektrum in Blut und Urin zum Vergleich ebenfalls gecheckt wird. Hat er keine Angst, dass bei ihm dadurch zufällig eine böse Krankheit entdeckt wird? „Angst würde ich das nicht nennen. Es ist eigentlich ganz interessant. Es kann ja auch gut sein, wenn der Arzt später sagt, „hören sie mal zu, da liegt was bei ihnen im Argen“ oder „da müsste man mal was machen“. Weil man dann ja auch mit dem Arzt zusammen tätig werden kann. Und wenn es unentdeckt bleibt, dann kann es ja auch zum Nachteil sein.“

Ein Kühlroboter speichert Millionen von Daten

Haltung mit vielen Kanülen voller BLutproben wird von Roboterarmtransportiert

Modernster Kühlschrankroboter: eine halbe Millionen Bioproben beherbergt die Datenbank.

Die Bluthochdruckstudie Gani-Med wird Millionen von Daten speichern und analysieren. Um die Bioproben zu verwalten und zu konservieren verfügt Gani-Med über den derzeit modernsten Kühlschrankroboter. Er fasst 500.000 Bioproben, die bei minus 80 Grad aufbewahrt werden. Damit die Proben bei Bedarf zu jeder Zeit wieder gefunden und mit weiteren Tests überprüft werden können, speichert der Kühlroboter den Barcode von jedem Probenbehälter.

Wenn ein Teilnehmer irgendwann erkrankt, können die Forscher in seinen Proben nach frühen Vorzeichen dafür suchen. „Und wenn uns das gelingt, dann wird es uns wahrscheinlich auch möglich sein, Krankheitsprozesse zu einem früheren Zeitpunkt zu detektieren und zielgenauer zu behandeln“, erklärt Sozialmediziner Wolfgang Lieb. Wenn sich die personalisierte Medizin wie geplant entwickelt, dann werden wir in Zukunft kopfschüttelnd auf die heutige Medizin zurückblicken, und denken: Wie konnte man nur so viele Medikamente verschreiben und gleichzeitig so wenig verstehen, wie und warum und wogegen sie eigentlich wirken.