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SENDETERMIN Do, 16.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Psyche-Körper-Beziehung Die Macht der Sprache

Aktivieren Sie Ihren "inneren Arzt"! Toll, aber wie soll das gehen? Wissenschaftler erforschen immer genauer wie Sprache, Zuwendung und innere Einstellung die Heilung beeinflussen.

Psychologie wird zu Biologie

Joachim Bauers Spieltrieb ist geweckt: Neugierig nimmt er Gehirne auseinander, bewundert das detaillierte Innenleben. Der Freiburger Neurowissenschaftler zum Interview in eine Manufaktur für anatomische Modelle gekommen. Dort, inmitten von synthetischen Organen und Extremitäten, die verleimt und verschraubt werden, ist eine moderne medizinische Vorstellung sehr greifbar: Der Mensch ist eine Maschine aus Einzelteilen, die funktionieren müssen. Heilen, das heißt für den Arzt vor allem, das jeweils defekte Teil zu reparieren.
Doch es ist komplizierter, wegen dem Ding, das Prof. Bauer so fasziniert: Unser Gehirn ist zwar auch "nur" Biologie: Doch die Verdrahtungen und der Funkenschlag der Gedanken darin beeinflussen unsere Gesundheit, wirken sich direkt auf körperliche Heilungsprozesse aus. Und können unseren "inneren Arzt" aktivieren, so Bauer. Die Schaltzentrale für die "Umwandlung von Psychologie in Biologie" verortet der Neurowissenschaftler im präfrontalen Kortex, im vordersten Bereich des Gehirns: "Das sind neuronale Netzwerke, die die Informationen, die mir jemand zuspielt, aufnehmen." Diese Informationen wirken sich im Zuge ihrer kognitiven und emotionalen Verarbeitung direkt auf Körperprozesse aus: Sie können, so Bauer, wiederum "über neuronale Verbindungen das Immunsystem aktivieren, das Stresssystem dämpfen - was gut ist bei Heilung - und das Motivationssystem mit seinen Glücksbotenstoffen aktivieren."#

Der Mensch als Medikament

Im Präfrontalen Cortex werden also Einflüsse auf unser Seelenleben in physiologische Kettenreaktionen verwandelt. Und das, was besonders auf unsere Psyche wirkt, sind - die anderen: "Das stärkste Medikament für den Menschen", sagt Bauer", ist der andere Mensch. Und zwar aufgrund der Macht der Sprache. Wir haben über das, was wir uns untereinander sagen, eine riesige Heilkraft, oder auch Zerstörungskraft."
Das gilt besonders für machtvolle Personen, die uns beeinflussen - wie Ärzte: Wir glauben meist, was sie uns sagen. Und das hat Folgen, so zeigen Experimente mit dem Placebo-Effekt: Kündigt der Arzt seinem Patienten an, dass er ein Schmerzmittel verabreicht, kann er das Mittel ein Drittel geringer dosieren, als wenn er dem Patient nichts über den Nutzen des Medikaments sagt. Die Erwartung auf Schmerzminderung stimuliert körpereigene Opiate. Andere Placebo-Studien zeigen, dass ein positiver Heilungsverlauf nach Herzoperationen zum großen Teil davon abhängt, wie gut der Patient vorher seine Perspektiven bewertet. Ob er positive Ziele und Zukunftspläne hat. Ähnliches wird bei Krebserkrankungen beobachtet.

Das Gehirn als Bühne

Das Gehirn steuert also Heilung. Man müsse man sich unser Oberstübchen "wie eine große Bühne vorstellen, auf der sich alle Akteure präsentieren": Unser soziales Umfeld, der menschliche gegenüber ist dort neuronal repräsentiert, aber auch unsere eigenen Organe setzen sich dort in Szene.
Das geschieht in der Großhirnrinde in der "Insula", sagt Joachim Bauer, und deutet auf den oberen Schläfenbereich eines Modellkopfs. Die funktionellen Aufgaben der Insula sind noch nicht vollständig geklärt, die Forschung entdeckt immer neue interessante Details: Wenn wir schon körperlich spürbaren Ekel empfinden, oder wenn wir verliebt sind und Schmetterlinge im Bauch haben, so Bauer, dann findet diese emotionale Feuerwerk in der Insula statt, "wo diese inneren Organe im Gehirn quasi nochmal kartiert sind. Und dann die Stimmungszustände, in denen sich unsere Organe quasi befinden, im Gehirn nochmal fühlbar machen." Ein permanenter sensibler Signalaustausch zwischen Umwelt, Psyche und Organen also.

Die "Selbstkräfte" stärken

Joachim Bauer glaubt zwar an den Sinn und die Errungenschaften der modernen Schulmedizin. Doch das machtvolle Wechselspiel zwischen Subjekt und Gegenüber, aber auch Gedanken und Körperorganen gerät da oft aus dem Blick: "Was ich kritisiere ist, dass wir neben diesen schulmedizinischen Effekten, nicht diese unglaublich starken Heileffekte mit dazu nehmen, die aus einer guten Arzt-Patienten-Beziehung ergeben." Daran, konstatiert der Neurowissenschaftler, mangelt es, und so würden auch mögliche Heileffekte nicht genutzt: Denn dem Gehirn positive Impulse und Sinnhaftigkeit zu vermitteln, das ist im Lichte der modernen Forschung bereits Teil der Therapie.
Doch nicht nur Ärzte haben Verantwortung für die Stärkung körpereigener "Selbstkräfte". Joachim Bauer, sieht da jeden Menschen in der Pflicht: "Die große Frage ist doch, inwieweit können wir unser biologisches Schicksal durch die Art wie wir leben, selbst beeinflussen?" Auf der einen Seite, so Bauer, leben wir in einem "realen Korridor", oder Möglichkeitsraum, der durch unsere Gene, durch unsere biologische Grundausstattung und auch Erziehung vorgegeben ist. "Aber innerhalb dieses realen Korridors, der durch biologische und soziale Vorbedingungen gegeben ist, gibt es Spielräume…"
Spielräume der "Selbststeuerung", mit denen wir unseren "inneren Arzt" selbst stärken können. Zum Beispiel, indem wir nicht nur auf defekte Teile unseres Körpers fokussiert sind, wenn es mal klemmt. Sondern auf die stimmige Balance von Körper und Geist achten. Die Wissenschaft ermuntert uns jedenfalls, unser Potential zur Selbstheilung ernst zu nehmen.

aus der Sendung vom

Do, 16.7.2015 | 22:00 Uhr

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