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SENDETERMIN Do, 18.5.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Die körpereigene Apotheke Mit Colibakterien gegen Blasenentzündung

Bei langwierigen Blasenentzündungen können Bakterien aus dem eigenen Darm helfen: sie werden entnommen, speziell aufbereitet und als Medikament verabreicht – bei vielen Frauen mit Erfolg.  

Eine Autovaccine - übersetzt: "Eigenimpfstoff" – hat mit einer klassischen Impfung wenig zu tun. Der Körper bekommt nicht einen Fremdstoff in geringer Dosis verabreicht, um dagegen spezifische Antikörper zu bilden. Sondern er wird mit aufbereiteten Kolibaktieren aus dem eigenen Stuhl oder Urin konfrontiert. Das Immunsystem soll dadurch auf genau diese Keime "aufmerksam" gemacht werden und dann wieder gerichtet Abwehr organisieren können. Bei chronischen Erkrankungen wie Blasenentzündung oder ständigen Atemwegsinfekten wird das Immunsystem durch die Autovaccine "hochgefahren". Bei einer überschießenden Immunantwort des Körpers auf eigentliche harmlose Reize – etwa bei Allergien oder Neurodermitis – soll die Behandlung mit Autovaccinen das Immunsystem "runterregulieren". Letztlich geht es dabei immer darum, dem Körper zu helfen, sich selbst zu reparieren und wieder eine gesunde Barrierefunktionen gegen die tägliche Keimflut aufzubauen.

Von der Stuhlprobe zum Arzneimittel

Der Weg von der Stuhlprobe bis zum Heilmittel geht dabei über mehrere Etappen: Da die Bakterien im Stuhl nicht gleichmäßig verteilt sind, wird ein kleiner Teil der Stuhlprobe zunächst in einer Verdünnungslösung aufgeschwemmt und homogenisiert. Dann wird die gewonnene Bakterienprobe auf eine Nährlösung aufgetragen und in Petrischalen vermehrt. Mit der Zeit wachsen unterschiedliche Bakterienkolonien, die sich in Form und Farbe unterscheiden. Kolibakterien sind dabei nicht gleich Kolibakterien. Es gibt mehr als hundert unterschiedliche Stämme, die verschiedene Eigenschaften haben. Nur die guten, gesunderhaltenden Kolibakterien werden dann ausgewählt und zum Arzneimittel weiterverarbeitet. Und zwar in abgetöteter Form. Aus ihren Zellbestandteilen wird schließlich eine klare, geruchlose Lösung hergestellt. Die lässt sich von den Patienten per Nasenspray oder Spritze einnehmen. Ein aufwändiges Verfahren, das deutschlandweit nur an einem einzigen Standort praktiziert wird: Beim Arbeitskreis für mikrobiologische Therapie im hessischen Herborn.

Therapie mit Tradition

An Autovaccinen wird schon seit langem geforscht. Auch Alexander Fleming beschäftigte sich mit der Heilkraft körpereigener Bakterien. Doch dann entdeckte er 1928 zufällig das Penicillin – das erste Antibiotikum. Und dessen Erfolg in der Behandlung von bakteriellen Infekten verdrängte den Einsatz der Autovaccine für lange Zeit. Doch mittlerweile werden immer mehr Bakterien resistent gegen Antibiotika. Ihr massenhafter Einsatz geht mit der Chronifizierung vieler Krankheiten einher – sie nutzen immer nur kurzfristig, die Entzündungen kommen wieder. Dagegen zielen Autovaccine darauf, die Patienten langfristig immunologisch zu stärken. Und könnten so eine Antwort auf die immer bedenklicher werdenden Antibiotikaresistenzen sein.

Erfahrungswissen, noch keine großen Studien

Große Studien mit zufällig ausgewählten Teilnehmern und einer Kontrollgruppe, die nur ein Placebo erhält, stehen nach wie vor aus. Das Wissen rund um Autovaccinen konzentriert sich beim Arbeitskreis für Mikrobiologische Therapie in Herborn. Dieser zählt bundesweit etwa 600 Ärzte als Mitglieder, der Arbeitskreis besteht seit mehr als 60 Jahren. Ärzte wie Patienten berichten von überzeugenden Erfolgen. Auch der Berufsverband der deutschen Urologen verweist auf die guten, weltweiten Erfahrungen der Therapie mit Bakterien – wünscht sich aber eine objektive Erfolgskontrolle.

Noch keine Kassenleistung

Wohl auch deshalb ist eine Behandlung mit Autovaccinen bislang nicht in den Erstattungskatalog der Krankenkassen aufgenommen, sie ist eine Privatleistung.
Das Medikament – die aufbereiteten Kolibaktieren - kostet etwa 100 Euro, dazu kommt etwa noch mal der gleiche Betrag für die Erstuntersuchung - abhängig auch davon, mit welchem Satz der Arzt abrechnet. Und eine solche Therapie dauert: Von der Erstuntersuchung bis zur fertigen Autovaccine vergehen sechs bis acht Wochen. Bei einer akuten Erkrankung sind Autovaccine keine Hilfe. Aber langfristig können sie dem Körper helfen, sich selbst wieder besser zu regulieren.

aus der Sendung vom

Do, 18.5.2017 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.