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SENDETERMIN Do, 7.11.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Risiko Blackout Die Illusion vom Notstrom

Ein totaler Blackout ist ein Horrorszenario für Katastrophenschützer. Notstromaggregate gibt es in Deutschland zu wenige - und auch der Treibstoffnachschub ist ungewiss.

Bei lokalen Stromausfällen rückt das Technische Hilfswerk (THW) und hilft kurzerhand mit Notstromaggregaten aus. Ein großflächiger Blackout ist aber etwas ganz anderes: Die vorhandenen Ersatzstromanlagen reichen laut Experten nicht annähernd dafür aus, um auch nur Kernbereiche der sogenannten kritischen Infrastruktur zu sichern - also die Systeme, die etwa unsere Sicherheit, die Verkehrsregelung oder den S-Bahnverkehr aufrechterhalten.

Lebensgefahr in Pflegeheimen

Der Branddirektor im Regierungspräsidium Karlsruhe, Jürgen Link, wirbt seit Jahren dafür, das Blackout-Risiko ernster zu nehmen. Denn Link weiß, wie knapp Notstromaggregate sind. Nicht nur bei den Kommunen und Kreisen, sondern auch beim THW, was der Bund finanziert. Der THW-Landesverband Baden-Württemberg habe gerade einmal elf größere Netz-Ersatzanlagen frei verfügbar, sagt Link. Und das bei 44 Stadt- und Landkreisen. „Das ist nicht viel!“.

Wer nicht selbst Vorsorge treffe, könne in einem großflächigen Blackout nicht auf Hilfe hoffen. Die größten Sorgen machen Katastrophenschützern Pflegeheime und Dialysezentren. Denn anders als Krankenhäuser müssen diese keinerlei Notstromaggregate vorhalten. Die Frage ist, wie bei einem länger anhaltenden Blackout tausende Patienten, die auf lebenserhaltende Systeme angewiesen sind, versorgt werden können.

Dialysegerät

Lebenserhaltende Maßnahmen sollten auch bei länger anhaltenden Stromausfällen möglich sein.

Zu geringe Akku-Leistung

Eine der großen Unbekannten im Fall eines Blackouts ist die Kommunikation. Wie lange werden Einsatzzentralen die Kräfte vor Ort noch erreichen, wenn Treibstoff beschafft oder Menschen in Not versorgt werden müssen? Auch der brandneue Digitalfunk für Polizei und Feuerwehren ist derzeit nicht sonderlich zuverlässig.

Bei einem Stromausfall in Lübeck im Jahr 2018 versagte bei einer Funkvermittlungsstelle die Notstromversorgung. Dabei erfuhr die Öffentlichkeit, dass die 5.000 Basisstationen des Behördenfunks mit Akkus ausgestattet wurden, die einen Stromausfall ganze zwei Stunden überbrücken konnten. Derzeit läuft eine „Nachhärtung“ des Systems. Das Ziel: eine Standzeit von 72 Stunden.

Zu wenig Treibstoff für Notstromaggregate

Was nützen Notstromaggregate, wenn sie in einem Blackout nicht mit Treibstoff versorgt werden können?  Ein gravierendes Problem, das jüngst das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) auf den Plan gerufen hat. Kaum eine der 14.500 Tankstellen in Deutschland ist notstromversorgt. Dr. Wolfram Geier, Abteilungsleiter für Risikomanagement beim BKK, warnt vor einem kompletten Zusammenbruch der Treibstoffversorgung bei einem langanhaltenden Stromausfall.

Betroffen wären nicht nur Notstromgeneratoren, sondern auch Einsatzfahrzeuge für Katastrophenschutz, Rettungsdienste oder Polizei. Das BBK fordert deshalb, die Treibstoffversorgung im Vorhinein für einen möglichen Stromausfall zu regeln. Das heißt, Verteilsysteme aufbauen, Lieferverträge schließen und schon heute definieren, wohin genau Treibstoff in einem Blackout geliefert werden soll.

Viele Große Kondensatoren und Stromleitungen

Wegen einer unterbrochenen Stromleitung musste auch das Umspannwerk abgeschaltet werden. (Symbolbild)

Strom - eine Frage der nationalen Sicherheit

Strom ist der Treibstoff der modernen Zivilisation. Kriegsszenarien zielen deshalb auf den Angriff auf die Elektrizitätsversorgung ab – entsprechend ist die Verteidigung des Stromnetzes zu einer Frage der nationalen Sicherheitspolitik geworden. Von der Öffentlichkeit kaum registriert, treibt die Bundesregierung ein nationales Konzept zur Blackout-Vorsorge voran.

Dieses enthält nach Auskunft des Risikomanagers beim BKK drei Module:

  • ein Notstromkonzept,
  • eine Strategie zur Treibstoffversorgung
  • und Absprachen zur Erhöhung der technischen Netzsicherheit.

Geier ist zuversichtlich, dass der Bund künftig mehr für die Blackout-Vorsorge investieren wird: „Damit werden wir über deutlich mehr Notstromaggregate und Notstromversorgungssysteme verfügen, als wir das zum jetzigen Zeitpunkt tun.“

Rettungsinseln im Netz

Unser Stromnetz ist so aufgebaut, dass bei massiven Störungen ein Totalabsturz droht. Sogenannte Inselnetze könnten helfen, diesen Automatismus zu durchbrechen. Damit das technisch möglich wird, muss das Inselnetz fähig sein, den benötigten Strom selbst zu produzieren. Zudem muss es die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch unabhängig vom Übertragungsnetz regeln können.

Am Institut für Kern- und Energietechnik (IKET) in Karlsruhe befasst sich der Ingenieur Dr. Sadeeb Simon Ottenburger mit Inselnetzen: „Der schlagende Vorteil ist, dass wir viele kleine Zellen haben, die man dosiert vom Netz nehmen kann. Wir hätten keinen großflächigen Blackout mehr.“ Andererseits könnten autarke Inselnetze auch Krankenhäuser, Wasserwerke, Raffinerien oder zentrale Tanklager mit Strom versorgen. Dort wären Notstromaggregate dann überflüssig.