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SENDETERMIN Do, 11.9.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Psychosoziale Betreuung Die Heilkraft der Beruhigung

Wie sehr spüren Frühchen, ob ihre Eltern Zuversicht oder Angst ausstrahlen? Der Gefühlshaushalt der Eltern ersetzt nicht moderne Medizintechnik, könnte aber für die Kinderentwicklung Impulse setzen: Zuversicht und Ruhe kurbeln innere Heilungskräfte an.

Arzt-Patienten-Kommunikation

In gläsernen Inkubatoren regt sich gefährdetes und zerbrechliches Leben. Die Frühchenstation der Uniklinik Marburg ist ein Maschinenpark der medizinischen Überwachungstechnik. Mütter betrachten mit sorgenvollen Mienen ihre Kindern in den Glasbehältern, wissend, dass Kleinigkeiten hier über Wohl und Wehe entscheiden können. Viele Eltern sind von der Situation überfordert, vor allem, wenn sich die Frühgeburt nicht angekündigt hat, völlig überraschend kam. "Es ist immer noch schwierig," sagt eine junge Mutter, während ihre Hand durch eine Luke hindurch ihr Kind berührt, "manchmal kann man es noch gar nicht so realisieren."

Wie sehr spürt das Kind, ob die Mutter Zuversicht oder Angst ausstrahlt? Der Gefühlshaushalt der Eltern ersetzt nicht moderne Technik, könnte aber für die Kinderentwicklung starke Impulse setzen. Auch deshalb leistet sich die Marburger Frühchenstation eine Psychologin. Mirjam Wege nimmt Eltern, besonders Mütter von sehr gefährdeten Frühgeborenen an die Hand. Vor neun Monaten zum Beispiel Dajana Immel. Die junge Mutter fühlte sich damals völlig überrollt: Mathilda, ihr erstes Kind, kam überraschend in der 24. Woche. Nichts war so, wie sie sich das Muttersein vorgestellt hatte: "Keiner kann einem sagen, es geht gut" erinnert sich Dajana I. "ihr Kind überlebt das. Das war halt sehr schwer." Auch die Situation, hier auf Station zu sein, die immer piepsenden Maschinen, das sei anfangs unerträglich gewesen.

Sicherheitsgefühl auf Kind übertragen

Schon zwei Tage nach der Geburt sprach die Psychologin sie damals in der Intensivstation für Frühchen an. Mirjam Wege weiß, wenn Eltern sehr verunsichert sind, "kann es vorkommen, dass die Eltern sagen: ich trau mich gar nicht, mein Kind anzufassen, es ist so klein und zerbrechlich, ich habe Angst etwas kaputtzumachen." Als Psychologin versucht sie diese Schwelle möglichst schnell zu überbrücken, "indem wir ihnen Unterstützung geben und sie ermuntern, die Kinder zu berühren und so schnell wie möglich einen Kontakt, auch einen körperlichen Kontakt herzustellen." Durch Information und Zuwendung das Sicherheitsgefühl und die Zuversicht der Eltern stärken, das helfe ihnen, sich der Situation zu stellen und selbstbewusster mit ihrem Kind umzugehen. Die junge Mutter Dajana I. meint auch, dass sie die Gespräche mit der Psychologin gestärkt hat, dass diese anfängliche Unsicherheit verschwunden sei.

Wie sehr spüren Frühchen, ob ihre Eltern Zuversicht oder Angst ausstrahlen?

Die psychosoziale Betreuung soll zusätzlich zur medizinischen Überlebensapparatur positive Erwartungen und Zuversicht fördern: Bei den Eltern und indirekt auch bei den fragilen Frühgeborenen. Hilft das tatsächlich beim wachsen und gedeihen?

Hilfe durch den kleinen Prinz

In einer Studie haben die Ärzte an der Marburger Uniklinik auch versucht, direkt auf die Kinder einzuwirken. Dazu wurden Tonaufnahmen über Lautsprecher in die Inkubatoren der Kinder geleitet. Bei einer Versuchsgruppe lasen die Mütter ihren Kindern aus der Geschichte des "kleinen Prinzen" vor. Alternativ bekam eine Gruppe Frühchen auch Wiegenlieder vorgespielt. Dabei wurden jeweils die physiologischen Werte der Kinder gemessen. Es zeigte sich: Herzfrequenz, Atmung, und Aktivitätslevel der Frühchen sanken während sie den Liedern zuhörten, vor allem aber beim hören der Mutterstimme.

Prof. Rolf Felix Maier, Leiter der Kinderklinik, bewertet diesen Versuch so, "dass sich diese Stimulation beruhigend und damit auch günstig auf diese Kinder auswirkt." Er hoffe ebenso, "dass das nicht nur ein vorübergehender Effekt ist, sondern dass sich dieser Effekt auch auf das spätere Leben dieser Kinder positiv auswirkt."

Der Kopf hilft heilen

Zuversicht, Beruhigung - warum hat dieser psychische Zustand heilsame Wirkung? Vereinfacht gesagt, öffnet das Sicherheitsgefühl die körpereigene "Notfall-Apotheke": Jetzt ist eine günstige, gefahrlose Rahmensituation, signalisiert das Gehirn - und setzt so Energie für Heilungsprozesse frei: Gewebe regenerieren, Immunzellen zur Abwehr losschicken. Auch wenn das eine sehr vereinfachte Sicht auf unsere inneren Selbstheilungskräfte ist: Es wächst jedenfalls auch in sehr technischen Medizinbereichen das Interesse daran, welchen Einfluss die Schaltzentrale im Kopf auf Heilungsprozesse hat - und wie sich die dafür notwendigen Kräfte stimulieren lassen.

In der Frühchenstation wird die Stelle der Psychologin bisher durch Spenden finanziert, doch es soll eine dauerhafte Einrichtung werden. Auch die Beschallungs-Therapie wird nun allen Eltern angeboten. Warum auch nicht: Im Gegensatz zu dem Maschinenpark auf der Station kosten diese kleinen Kniffe, um Selbstheilungskräfte zu befördern, nicht viel.

aus der Sendung vom

Do, 11.9.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.