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SENDETERMIN Do, 20.12.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Übergewicht bei Kindern Dicke Kinder - kranke Kinder!

Immer mehr Kinder sind übergewichtig. Die Zahl hat sich im Vergleich zu vor 20 Jahren verdoppelt. Auf 1,9 Millionen. Odysso zeigt, was Eltern und Kinder tun können.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt eindringlich: „Kinder werden immer dicker!“

Laut einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Imperial College London, veröffentlicht im Lancet am World Obesity Day 11.Oktober 2017, hat sich die Zahl fettleibiger Kinder in den letzten 40 Jahren verelffacht. Vor 40 Jahren war eines von hundert Kindern weltweit fettleibig – heute sind sechs von hundert Mädchen und acht von hundert Jungen mit deutlichem Übergewicht (=fettleibig) unterwegs. 1975 waren weltweit etwa elf Millionen 5- bis 19-Jährige fettleibig (adipös), im vergangenen Jahr lag diese Zahl bereits bei 124 Millionen. Und 213 Millionen Kinder sind bereits übergewichtig. Also tragen fast 340 Millionen Kinder und Jugendliche zu viele Kilos mit sich herum. Wenn der Trend anhält, wird es im Jahr 2020 mehr über- als unterernährte Kinder und Jugendliche geben.

In Deutschland hat die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Laut dem Kinder- und Jugendgesundheitsbericht KiGGS des Robert Koch Instituts (Studie von 2008) gelten in Deutschland fast 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen als übergewichtig und 6,3 Prozent sind adipös.
Auch der 12jährige Levente Toth ist seit zwei Jahren im Dauerkampf mit seinen Pfunden. Levente denkt oft an’s Essen. Er ist ein guter Esser, isst leider viel zu schnell und merkt so nicht, wenn er satt ist. Außerdem sitzt er viel zu viel vor dem Computer, Fernseher und Smartphone. Dabei spürt er bereits ein Handicap, wenn er die Treppen hinaufläuft, kann er seine Beine nicht mehr so hoch bewegen.

Mit dem Gewicht steigt das Risiko für tückische Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ2, Krebs & Co.

Dabei bedeutet Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen viel mehr als zu viel Gewicht auf die Waage zu bringen. Denn die tückischen Folgeerkrankungen durch Übergewicht beginnen schleichend und sind zunächst ohne Beschwerden. Diabetes kann schon bei adipösen Kindern und Jugendlichen auftreten. Weiter zu nennen sind kardiovaskuläre Erkrankungen, die aus den Gefäßveränderungen resultieren. Kinder, die adipös sind, haben häufig erhöhte Blutdruckwerte, Fettstoffwechselstörungen und das führt dann letztendlich zu Herzinfarkt und Schlaganfall schon relativ früh im Leben. Neben der Entstehung der nicht alkoholischen Fettleber gibt es auch noch eine Reihe von Krebserkrankungen. Denn Prof. Dr. Martin Wabitsch von der Uniklinik Ulm weiß, dass erhöhte Fettmasse dazu führt, dass Tumore schneller entstehen und häufiger bei adipösen Menschen auftreten. Rund 20 Prozent der Krebserkrankungen werden auf Adipositas zurückgeführt. Professor Wabitsch ist Leiter der Pädiatrischen Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm. Er ist seit über 30 Jahren in der Adipositas-Forschung, Diagnostik und Therapie tätig. Viele betroffene Kinder und Jugendliche leiden nicht nur an körperlichen Beeinträchtigungen, sondern oft auch unter psychischen Belastungen durch soziale Ausgrenzung und Benachteiligung. Eine Adipositas liegt vor, wenn der Körperfettanteil an der Gesamtkörpermasse für das Alter und Geschlecht gesundheitsgefährdend erhöht ist. Adipositas ist eine Krankheit.

Die Vorbildfunktion der Eltern auf das Gewicht ihrer Kinder ist enorm

Die Gründe für die Entstehung von Übergewicht und Fettleibigkeit sind nach aktuellem Kenntnisstand vielfältig – sie reichen von sozialen bis hin zu genetischen.
Nach dem heutigen Stand der Forschung werden hauptsächlich folgende Faktoren für die Entwicklung von Übergewicht verantwortlich gemacht: Erbanlagen (Gene), ungünstige, falsche Ernährung, mangelnde Bewegung und epigenetische Faktoren.

Epigenetische Faktoren sind Merkmale, die Vater und Mutter an ihre Kinder weitergeben, ohne dass diese fest in ihren Genen verankert sind.

Laut Prof. Martin Wabitsch: „Stammt der Bauchumfang eines Kindes vom Vater und nicht von der Mutter, und der Insulinspiegel oder das Risiko eine Zucker-Regulations-Störung zu bekommen, das bekommt das Kind von der der Mutter und nicht vom Vater“.

Außerdem konnten Prof. Martin Wabitsch und seine Ulmer Kollegen feststellen, dass zum einen die Mütter mit ihrem Gewicht, welches sie vor der Schwangerschaft haben, bestimmen, wie schwer das Kind nachher ist, und wie der Stoffwechsel nachher ist.

Das mütterliche Gewicht vor der Schwangerschaft hat auch einen Einfluss während der Fetalzeit auf das Kind. Man spricht von einer Programmierung des kindlichen Stoffwechsels.

Dicke Eltern haben meist dicke Kinder. Aus Zwillings- und Adoptionsstudien ist klar, dass es genetische Anlagen für das Übergewicht gibt – diese machen mindestens 50 Prozent aus. Aber das alleine ist es nicht! Den Rest kann man aktiv beeinflussen.

Denn die Lebensbedingungen unter denen die Kinder aufwachsen, entscheiden, ob ein Kind dann mit seinen Anlagen übergewichtig wird oder nicht! Und dabei sind die Eltern die Vorbilder!

Auch die Zeit, die Kinder vor dem Fernseher, Computer, Tablet oder Smartphone verbringen dürfen, entscheidet über ihre Körpermaße und es ist wissenschaftlich erwiesen: Sitzen Kinder am Tag mehr als drei Stunden vor einem Bildschirm, steigt ihr Risiko dick zu werden um 80 Prozent.
Familie Toth versucht immer öfter die Mahlzeiten gemeinsam – in gemütlicher Runde – einzunehmen und so das Essen bewusst zu genießen.

Adipositas-Behandlung: je früher, desto besser!

So musste bei Levente Toth dringend etwas passieren. Seine Mutter war in ihrer Teenagerzeit selbst übergewichtig, daher weiß sie, was das bedeutet. Sie will, dass ihr Sohn lernt, wie man mit dem Essen richtig umgeht. Daher nimmt Levente seit einem halben Jahr erfolgreich an der Uniklinik Ulm an einem einjährigen ambulanten Schulungsprogramm, namens „Obeldicks“, für adipöse Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern teil. Zur Therapie gehören Ernährungsberatung, Verhaltenstherapie sowie eine Bewegungstherapie und natürlich regelmäßige Kontrolluntersuchungen.

Die Spiele der Bewegungstherapie fördern die Ausdauer und helfen Kalorien zu verbrennen. Hauptziel ist es, dass die Kinder wieder Spaß und Freude an Bewegung haben. So bekommen sie eine andere Körperwahrnehmung. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl und motiviert. Erste Erfolge zeigt die Waage. Levente ist jetzt „nur“ noch übergewichtig. Kein Wunder, denn er geht nun viermal die Woche zusätzlich in’s Fitness-Studio. Seine Eltern unterstützten ihn dabei und sind ihm ein sportliches Vorbild.
Levente gibt nicht auf, mit eiserner Disziplin ist er auf einem guten Weg. Auch wenn es anstrengend ist, spürt er, dass es sich lohnt, und er seinem Ziel näher kommt.

Eine Steuerfreiheit für Obst und Gemüse kann Übergewicht stoppen

Eine neue Studie der Universität Hamburg zeigt: Gesunde Ernährung scheitert bisher auch am Preis. Daher fordern Experten ein Mehrwertsteuersystem „Ampel Plus“ das heisst Obst und Gemüse werden gar nicht besteuert und ungesunde Lebensmittel würden höher besteuert werden. Genauer gesagt: Grün 0 Prozent bei Obst und Gemüse; Gelb 7 Prozent (bisheriger Steuersatz auf alle Lebensmittel in Deutschland auch für ungesunde Produkte mit viel Fett und Zucker); Rot 19 Prozent bei Produkten mit viel zugesetztem Zucker, Salz oder Fett wie Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten. Ergebnis der Studie: Der Anteil stark übergewichtiger Menschen würde nicht weiter ansteigen, sondern sogar um zehn Prozent sinken. Daher muss auch die Politik gute Bedingungen schaffen, um eine gesunde Ernährung für alle zu erleichtern.

„90 Prozent aller Lebensmittel, die in Deutschland gezielt an Kinder vermarktet werden, entsprechen nicht den Anforderungen der WHO an ausgewogene Kinderprodukte“ sagt Foodwatch-Kampagnenleiter Oliver Huizinga.

In der Verantwortung betreffend der Fettleibigkeit bei Kindern sind viele – Eltern, Lebensmittelindustrie und Politik!

Empfehlungen der WHO um die Fettleibigkeit in der Kindheit zu beenden:

- Behörden in aller Welt müssten Familien besser über gesunde Ernährung aufklären
- Junge Mütter animieren, mindestens 6 Monate lang ausschließlich zu stillen
- in Schulkantinen gesünderes Essen anbieten
- mehr Sportmöglichkeiten für Kinder schaffen
- zur Schule zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, muss sicher sein
- Steuern auf gesundheitsschädliche Produkte (Zucker- und Fettsteuer) sind erfolgreich – dies habe zum Beispiel der Kampf gegen das Rauchen gezeigt

Buch

M. Wabitsch, J. Hebebrand, W. Kiess, K. Zwiauer (Hrsg.)

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen – Grundlagen und Klinik

Verlag:
Springer Verlag, 2005
Genre:
Sachbuch

Buch

Thomas Reinehr, Michael Dobe, Mathilde Kersting

Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter: Die Schulungsprogramme OBELDICKS Light und OBELDICKS für übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche

Verlag:
Hogrefe-Verlag, 2010
Genre:
Sachbuch

Buch

Wieland Kiess, Hans Hauner, Martin Wabitsch, Thomas Reinehr

Das metabolische Syndrom im Kindes- und Jugendalter: Diagnose – Therapie – Prävention

Genre:
Sachbuch