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SENDETERMIN Do, 11.6.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Biolandwirtschaft Deutscher Ökolandbau vor dem Aus?

Das Ziel der rot-grünen Bundesregierung, bis 2010 zwanzig Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch zu bewirtschaften, wurde nicht ansatzweise erreicht. Der Ökolandbau stagniert und liegt heute gerade mal bei 6,3 Prozent. Woran liegt das?

Bioboom geht an deutschen Ökobauern vorbei

Hubert Merz ist Bio-Landwirt aus Überzeugung. Seit 1991 baut er in Neulußheim biologisches Gemüse, Kartoffeln und Getreide an. Vom boomenden Biomarkt in Deutschland profitiert er jedoch kaum – und das hat System. Denn woher die Ware kommt, ist den Einkäufern großer Supermarktketten weitgehend egal, weiß Hubert Merz. Die meisten Handelsketten unterstützen den Bio-Anbau in Deutschland nicht, sondern kaufen vielmehr da ein wo es gerade günstig ist, so seine ernüchternde Bilanz. "Bio" muss vor allem billig, jederzeit und in jeder Menge verfügbar sein. So kommt es, dass das Geschäft andere machen: Biokartoffeln aus Ägypten, Bioäpfel aus Polen, Möhren aus Südeuropa.
Acht Euro die Stunde zahlt Hubert Merz seinen Erntehelfern, auch ohne Mindestlohn. Im Vergleich zu anderen Ländern in Ost- oder Südeuropa ist er damit nicht konkurrenzfähig. In Spanien oder Süditalien ist 1,50 Euro Stundenlohn üblich. Die höheren Löhne in Deutschland verteuern natürlich die Produkte, und das ist ein gravierender Wettbewerbsnachteil. Gerade in der Bioproduktion, wo sehr viel Handarbeit erforderlich ist. Gegen einen Mindestlohn hat Hubert Merz nichts einzuwenden aber er findet, dass der flächendeckend in ganz Europa eingeführt werden müsste, um Chancengleichheit herzustellen.

Ärgernis EU-Ökoverordnung

Auch die EU-Ökoverordnung sorgt für Ärger. Die schreibt vor, wie Bioprodukte hergestellt sein müssen. Dafür gibt es dann das EU-Biosiegel. Kontrolliert wird das Ganze in den EU-Staaten aber sehr unterschiedlich. Nach Einschätzung von Bio-Landwirt Merz heißt das für die Verbraucher, dass Ökoprodukte aus Südeuropa nicht unbedingt mit deutschen Ökoprodukten vergleichbar sind. Dr. Jürn Sanders vom Thünen-Institut kennt das Problem. An der Agrar-Forschungseinrichtung des Bundes hat seine Arbeitsgruppe die EU-Ökoverordnung betriebswirtschaftlich bewertet. Eine der Schwachstellen ist das Kontrollsystem. In dem Bericht heißt es, dass die Kontrollhäufigkeit in den EU-Mitgliedsländern sehr unterschiedlich ist. Auch die Sanktionen die bei Regelverstößen drohen, sind nicht zu vergleichen. Und das, obwohl doch die EU-Ökoverordnung für alle gleich sein sollte. Die Unterschiede lassen sich nur mit unterschiedlichen Kulturen erklären und damit, dass einzelnen Ländern bei der Umsetzung der Verordnung in nationales Recht gewisse Spielräume zugebilligt worden sind. Das verzerrt aber natürlich den Wettbewerb.
Die EU plant eine Revision der Verordnung, mit der diese Unterschiede weitgehend verschwinden und das Kontrollsystem verbessert werden soll. Allerdings sind in der Novelle auch Dinge geplant, die den Biobauern das Leben noch schwerer machen.

Null Toleranz-Politik

Ein Beispiel: Bisher galten für Pestizidrückstände in Bioprodukten sehr niedrige Grenzwerte. In Zukunft dürfen sie gar keine Rückstande mehr aufweisen, so der Plan der EU.

Frau im weißen Kittel hält Pipette und Laborgefäß

Laut EU dürfen bald gar keine Pestizidrückstände mehr vorhanden sein

Hubert Merz fragt sich wie das gehen soll, wenn direkt neben seinem Bio-Zwiebelfeld konventionell gedüngt und gespritzt wird. Eine Abdrift ist gar nicht zu vermeiden. Ganz speziell in Baden-Württemberg nicht, wo die landwirtschaftlichen Flächen wie ein Flickenteppich aufgebaut sind: Bioflächen und konventionell bewirtschaftete Äcker im Patchwork-Muster. Hubert Merz ist verärgert. Warum, so fragt er, sollen Ökobauern für etwas haften was konventionelle Bauern ausbringen, zur Verfügung gestellt von der Industrie. Das müsste doch eher umgekehrt sein. Die Pestizidhersteller müssten eigentlich haften für die Abdrift und die Schäden die dem Ökolandbau entstehen. Der Biolandwirt ist sich sicher: Das ist genau der falsche Weg, den die EU da vorschlägt. Und wenn diese Verordnung so kommt wie sie jetzt auf dem Tisch liegt, dann ist das der Tod vieler Ökobauern, so seine Befürchtung. Dabei sind die Bedingungen in Deutschland sowieso schon schlecht.

Flächenkonkurrenz

Seit das Geschäft mit Mais als Energielieferant für Biogasanlagen brummt, gibt es keine bezahlbaren Anbauflächen mehr. So mancher Bio-Landwirt hat deshalb aufgegeben oder wieder auf konventionellen Anbau umgestellt. Die "Flächenkonkurrenz ist eine Folge der Energiepolitik und des "Erneuerbare Energien Gesetzes" (EEG), das Biobauern benachteiligt. Zu diesem Ergebnis ist auch Jürn Sanders Arbeitsgruppe gekommen. Danach sieht die Zukunftsperspektive der Biobauern nicht rosig aus, da es kaum möglich ist Betriebe durch Zupacht von Flächen weiterzuentwickeln. Ein wichtiger Punkt warum dem Ökolandbau in Deutschland die Puste ausgeht. Hubert Merz fürchtet, dass das bei diesen Rahmenbedingungen auch nicht besser wird. Immerhin. So räumt er ein, sind die Fördermaßnahmen für den Ökolandbau in Baden-Württemberg relativ gut und stabil. In anderen Bundesländern wurden sie teilweise ausgesetzt oder geändert, je nach politischer Färbung der jeweiligen Regierung. So schafft man keine Anreize für konventionelle Bauern auf "Bio" umzusteigen.

Ausblick

Dabei, so findet er, wäre für den Ökolandbau wesentlich mehr drin, wenn die Leistung der Biobauern für Gesellschaft und Umwelt entsprechend honoriert würde. Das sehen auch die Forscher vom Thünen-Institut so, denn die so genannten "öffentlichen Leistungen" des Ökolandbaus werden eben nicht in dem ihnen zustehenden Maße anerkannt. Wir produzieren ja nicht nur gesunde Lebensmittel, erklärt Hubert Merz, sondern wir stehen mit unserer Produktionsweise auch für Nachhaltigkeit, für Gewässerschutz, für eine saubere Umwelt. Deswegen hält er es für ratsam, dass Politik und Verbraucher den Ökolandbau unterstützen. Denn, so sein Resümee, wenn man mal alles auf die Rechnung setzt, ist der Ökolandbau heute schon günstiger als konventionelle Landwirtschaft. Und so hofft er, dass der Ökolandbau wieder mehr in den Fokus der Politik gerät und die Weichen wieder anders gestellt werden. Denn für ihn gibt es zur Bio-Produktion keine Alternative.

aus der Sendung vom

Do, 11.6.2015 | 22:00 Uhr

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