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SENDETERMIN Do, 1.6.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Desinfektionsmittel Was ist nötig im Haushalt?

Dem Putz- und Hygienewahn vieler Deutschen hält der Innenraumschadstoffexperte Holger Gries entgegen: Desinfektionsmittel im Haushalt sind tabu, es sei denn, eine kranke, infektiöse Person lebt mit im Haus.

"Ohne es zu wissen, kann auch die eigene Familie Erkältungs- und Grippeviren ins Haus bringen", belehrt eine Frauenstimme aus dem Fernseher. Familie Strube aus Kassel ist kurz vor dem Sandmännchen in den Werbespot einer Putzmittelfirma geraten. Erneut tönt die Stimme: "Auf einem scheinbar sauberen Kinderhochsitz können sich mehr Bakterien tummeln als auf dem Fußboden." Dazu sieht man einen Haufen ekelig und gefährlich wirkender Keime auf einem überdimensionierten Schmutzfilm voller blinkender Bakterien, die sich auf besagtem Kinderstuhl tummeln. Werbung wie diese macht Angst. Auch Familie Strube fühlt sich von krank machenden Keimen bedroht. Zum Glück gibt es Spezialreiniger die solche Bakterien töten. Doch schaden sie wirklich nur den Bakterien? Holger Gries hat daran so seine Zweifel. Der Sachverständige für Innenraumschadstoffe, Baubiologe und Umweltberater besucht die Kasseler Familie um zu sehen, welche Putzmittel sie verwenden.

Antibakterieller Küchenreiniger – völlig überflüssig

Holger Gries beginnt seinen Putzmittel-Check in der Küche. Dort stößt er auf einen antibakteriellen Küchenreiniger. Es ist das Putzmittel aus der Werbung, das Frau Strube einige Tage später gekauft hat. Holger Gries: "Das Produkt hat eine desinfizierende Wirkung, das halte ich für diesen Bereich für völlig überflüssig. Sie wollen aus Ihrer Küche ja keinen Operationssaal machen. Außerdem können Stoffe entstehen, die der menschlichen Gesundheit nicht unbedingt zuträglich sind."

Die allermeisten Bakterien sind harmlos

Das Fernseh-Team besucht das Gießener Institut für Hygiene und Umweltmedizin. Dessen Leiter, Professor Thomas Eikmann hält den zunehmenden Gebrauch von Spezialputzmitteln gegen Bakterien für überflüssig: "Es gibt viele Bakterien, gerade auf der Haut, die ganz ungefährlich sind und die überwiegende Mehrheit von Bakterien haben gar kein krankheitsmachendes Potential." Ganz im Gegenteil. Über 400 Bakterienarten bilden zum Beispiel unsere Darmflora und ohne sie könnten wir nicht leben. So helfen uns diese Darmbakterien etwa bei der Verdauungsarbeit. Eine allzu keimfreie Umgebung kann unser Immunsystem sogar durcheinander bringen. Doch deshalb das Putzen einzustellen sei auch quatsch, meint der Professor, denn Sauberkeit sei nach wie vor der beste Schutz gegen die krankmachenden Keime. Nur brauche man tatsächlich keine besonderen Putzmittel. Bereits mit ganz kostengünstigem herkömmlichen Putzmittel erreiche man genügend antibakterielle Wirkung für die notwendige Haushaltshygiene.

Antibakterielle Müllbeutel – im Zweifel Umweltunverträglich

Zurück bei Famile Strube. Holger Gries inspiziert die Mülleimer unter der Spüle und hat dort Müllbeutel mit antibakterieller Beschichtung entdeckt: "Solche antibakteriellen Müllbeutel haben gar keine Wirksamkeit bezüglich des Mülls der da rein kommt und falls sie eine Wirksamkeit haben dann sind sie wahrscheinlich noch umweltunverträglich." Der Experte für Innenraumschadstoffe hat einen Tipp für Frau Strube: "Als ganz besonders ökologische Alternative nehmen Sie eine alte Zeitung vom Vortag und schlagen den Mülleimer damit aus."

Boden-Putzen mit Chlorverbindungen

Es folgt ein Blick ins Kinderzimmer. Hier spielen die Kinder auf dem Boden. 99,99 Prozent der Bakterien sollen laut Etikett durch den Allzweckreiniger entfernt werden mit dem Moritz Strube den Fußboden wischt. Holger Gries ist von dem antibakteriellen Reiniger jedoch alles andere als begeistert: "Das ist ein Reinigungszusatz mit Desinfektionsmittelzusatz. Dieser Reiniger enthält Chlorverbindungen und bei Wischen großer Oberflächen, wie dem Fußboden können unter Umständen Raumluftbelastungen mit Chlor entstehen." Giftige Chlor-Gase im Kinderzimmer klingt für die Strubes ganz schön gefährlich.

Wir fragen Professor Eikmann nach den Zusatzstoffen in den Spezialreinigern, die für die antibakterielle Wirkung verantwortlich sind. Er findet solche Mittel problematisch: "Wiederholtes, häufiges Putzen ist sicherlich besser als wenn man gar nicht oder nur selten putzt. Aber auf der anderen Seite kann man durch Mittel, die bestimmte Chemikalien in höheren Konzentrationen enthalten, sich selbst in gewisser Weise gefährden." Professor Eikmann rät deshalb, im Haushalt nur milde herkömmliche Putzmittel zu verwenden. Auch von Reinigern, die viele Duftstoffe enthalten rät er ab. Denn durch Duftstoffe ausgelöste Allergien kommen häufig vor.

Hygienespüler für die Wäsche?

Und was ist mit Bakterien in der Wäsche – Für viele ist das der blanke Horror! Holger Gries: "Hygienespüler sind völlig überflüssig, moderne Waschmittel arbeiten bereits bei niedrigen Temperturen durch die Eiweiß spaltenden Enzyme. Auch der PH-Wert trägt dazu bei, dass eine zusätzliche Desinfektionslösung gar nicht notwendig ist. Im Sinne einer Minimierung von Umweltbelastungen sollte man von daher voll darauf verzichten." Und wer auf Nummer Sicher gehen will, der sollte im Krankheitsfall bei sechzig Grad waschen, das überlebt kein Erreger.

Desinfektionssprays wirken nicht dort wo sie sollen

Als letztes wirft Holger Gries einen Blick ins Badezimmer. Dort findet er Desinfektionssprays und Pumpzerstäuber. Holger Gries: "Ganz generell muss man sagen, dass das Badezimmer und die Toilette klassischerweise zu den saubersten Bereichen des Hauses gehören. Das zeigen auch neueste europäische Untersuchungen." Besonders Sprays sind zum Desinfizieren denkbar ungeeignet. Denn sie wirken gar nicht dort, wo man das eigentlich haben will. Der Experte: "Das sieht man selbst; schätzungsweise landet ein Drittel der Wirksubstanz auf der Fläche, die ich bearbeiten möchte, ein Drittel geht in die Raumluft und das andere Drittel in Ihre Nase und Ihre Lungen. Moritz Strube ist überrascht. Doch der Experte erklärt: "Desinfektionsmittel enthaltenen oft Chlorverbindungen und die könnten die Atemwege schädigen."

Desinfektionsmittel richtig anwenden

Professor Eikmann hält Desinfektionsmittel im Haushalt nicht generell für überflüssig: "Desinfektionsmittel, so wie wir sie im Krankenhaus oder in Arztpraxen einsetzen, sind im Haushalt nur in besonderen Situationen sinnvoll einzusetzen, etwa wenn ich einen Angehörigen habe, der eine infektiöse Erkrankung hat. Dann macht es natürlich Sinn, diese auch dort einzusetzen, um damit die anderen Familienmitglieder durch diese Infektion nicht zusätzlich zu gefährden." Doch wenn schon Desinfektionsmittel zum Einsatz kommen sollen, so sollte dies auch richtig durchgeführt werden. Von Sprays könne man abraten, so Eikmann. Generell sollte man nur flüssige Desinfektionslösungen benutzen und immer Handschuhe tragen.

Holger Gries zeigt wie man richtig desinfiziert: "Und dann, ganz wichtig, wird die Fläche immer von außen nach innen (kreisförmig) gewischt, um nicht eine mögliche Verschmutzung, die hier in der Mitte vorliegt noch weiter zu verteilen. Also immer Desinfektionsmittel von außen nach innen verteilen. Die Fläche möglichst gesättigt benetzen und das Tuch gleich in einer Kunststofftüte entsorgen." Das Fazit der Fachleute ist eindeutig: Wer seine Gesundheit nicht unnötig gefährden will, sollte auf den regelmäßigen Einsatz von antibakteriellen Spezialputzmitteln verzichten. Familie Strube verbannt sie künftig ganz aus dem Haushalt.

aus der Sendung vom

Do, 1.6.2017 | 22:00 Uhr

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