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SENDETERMIN Do, 17.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Tierwohl Der Preis für Tierwohl

Drei bis fünf Milliarden Euro pro Jahr wird es kosten, die Nutztierhaltung in Deutschland auf ein - nach Tierwohlaspekten - akzeptables Niveau zu bringen. Doch wer genau soll das bezahlen?

An der Universität Stuttgart Hohenheim sind Ernährung und Landwirtschaft Thema in Forschung und Lehre. Harald Grethe leitet hier das Institut für Agrarökonomie. Und er ist auch Vorsitzender des Expertenbeirats der für das Landwirtschaftsministerium 430 Seiten Empfehlungen ausgearbeitet hat, für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft. Für die Erzeuger würden die geforderten Maßnahmen für mehr Tierschutz einen erheblichen Mehraufwand bedeuten: "Wir haben ausgerechnet, dass das zu einem erheblichen Anstieg der Produktionskosten führen würde. 13 bis 23 Prozent der heutigen Produktionskosten in der Tierhaltung, das ist eine Größenordnung, die die Landwirte allein nicht finanzieren können. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die man auch gesamtgesellschaftlich tragen muss."

Prof. Grethe sieht dazu verschiedene Möglichkeiten. Ein wichtiger Bestandteil der Finanzierung sei ein Umbau der europäischen Agrarpolitik so dass dort die Mittel zielorientiert einsetzt werden können für die Förderung von mehr Tierwohl.

Schon heute fließt einen Menge Geld aus Brüssel in die Taschen der Landwirte.
Allerdings gibt es dieses Fördergeld einfach so: 250 Euro für jeden Hektar Land. Ganz gleich ob oder wie er genutzt wird. Dieses Gießkannenprinzip soll gegen eine Förderung sinnvoller Maßnahmen getauscht werden. Die sogenannte "Zweite-Säule-Förderung". So könnten eine halbe Milliarde Euro umgeschichtet werden, um mehr Platz in der Tierhaltung oder abwechslungsreichere Ställe finanziell zu unterstützen.

Portrait von Prof. Grethe

Leiter des Instituts für Agrarökonomie: Prof. Grethe

Beim Deutschen Bauernverband sieht man das skeptisch. Zum einen kritisiert man, dass den Bauern das Geld aus der einen Tasche genommen werde und in die andere Tasche hineingesteckt werde. Eine bloße Umschichtung, die nicht zu mehr Mitteln bei den Landwirten führe. Außerdem biete diese Umschichtung des Geldes in die Zweite-Säule-Förderung keine Möglichkeit, eine sinnvolle Kontrolle auszuüben, sagt zumindest Generalsekretär Bernhard Krüsken: "Die Ökonomen sagen, es muss zielgerichtet gefördert werden. Aber wenn sie sich jetzt die Praxis der Zweite-Säule-Förderung in den verschiedenen Bundesländern anschauen, dann macht hier jedes Bundesland, was es will. Es gibt hier also nicht die Möglichkeit, die Förderung gezielt zu gestalten. Das ist ein Konstruktionsfehler der zweiten Säule und deshalb sehen wir hier den Ansatz nicht."

Harald Grethe und viele andere Agrarexperten sind da anderer Meinung. Außerdem will der Professor von der Uni Stuttgart Hohenheim ein Tierwohlsiegel fördern. Für höherpreisige Produkte, bei deren Herstellung Tierwohl berücksichtigt wird. Allerdings: dieses Siegel gibt es schon. Zertifiziert vom Deutschen Tierschutzbund. Und besonders erfolgreich ist es nicht. Kaum ein Prozent der Verbraucher ist bereit, die höheren Preise zu zahlen.

Harald Grethe glaubt jedoch prinzipiell an diese Maßnahme: "Verbraucherstudien zeigen aber, dass man 20 bis 30 Prozent der Konsumenten erreichen könnte. Unser Vorschlag ist es deshalb, dieses Siegel zu überführen in ein staatliches Tierwohlsiegel, so dass sich der Staat dahinter stellt mit seiner Glaubwürdigkeit. Das würde schon mal viel verändern."

Außerdem müsse man das Siegel intensiv bewerben. Grethe geht von einem Budget von 60 Millionen Euro aus, um das Tierwohlsiegel am Markt zu etablieren.

Handzeichnung mit dem Titel: Initiative Tierwohl

Zur Finanzierung beitragen könnte auch die "Initiative Tierwohl" des Einzelhandels. Der hat sich im Jahr 2015 entschlossen, pro Kilo Fleisch 4 Cent abzuführen. Mit dem Geld werden Landwirte gefördert, die Tierwohlaspekte in der Nutztier-Haltung berücksichtigen. Mehr Platz zum Beispiel, Außenklimabereiche oder der Verzicht auf das Kupieren der Ringelschwänze in der Schweinemast. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, sieht in der Initiative Tierwohl, so wie sie gestartet ist, allerdings keinen sinnvollen Beitrag zum Tierschutz.

"Wir loben, dass gehandelt wird. Wir kritisieren aber scharf, die angewandte Methodik. Ein bunter Strauß von Kriterien, die der Landwirt irgendwie im Stall zusammenstellen kann, um irgendwie mehr Tierwohl zu erreichen. Zum Beispiel kann er auswählen: Rauhfutter oder mehr Platz. Wir wissen, dass es zwingend erforderlich ist beides im Stall zu erreichen, dass die nächsten Schritte gut angesetzt werden können."

Auch Harald Grethe sagt, dass sich die Initiative Tierwohl dringend weiterentwickeln muss: "Eine Herausforderung ist, die noch verbleibenden Marktteilnehmer mit einzubeziehen. Es sind teilweise Lebensmitteleinzelhändler, die noch nicht mit dabei sind, auch die Gastronomie, die Großverbraucher, die müssen mit rein. Und dann muss einfach der Betrag, der da abgeführt wird pro Kilogramm Fleisch deutlich erhöht werden. Wenn das gelingt, dann hat diese Initiative großes Potenzial."

Der Bauernverband mahnt, dass es schließlich auch einen internationalen Wettbewerb gibt. Für Bernhard Krüsken ist der ganze Ansatz fragwürdig. Deutschland könne sich nicht den Luxus einer kostspieligen Tierhaltung leisten. Der gesamte Export gerate damit in Gefahr. Aber auch im Inland, glaubt Generalsekretär Krüsken, werden die Preiserhöhungen nur zu Problemen führen: "Lebensmittelhandel und Verbraucher würden wahrscheinlich aus Preisgründen dazu übergehen, Fleisch oder tierische Produkte aus anderen Mitgliedstaaten oder aus Erzeugungsregionen einzukaufen, in denen die Tierwohlstandards nicht so hoch sind, und das kann nicht der Sinn der Übung sein."

Es sind längst nicht alle Fragen der Finanzierung einer artgerechteren Haltung gelöst. Aber die breite Diskussion darüber hat ja auch gerade erst begonnen.

aus der Sendung vom

Do, 17.9.2015 | 22:00 Uhr

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