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SENDETERMIN Do, 29.7.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Der Kopf entscheidet, ob wir abnehmen

Diäten-Check

Untersuchungen haben gezeigt, dass nur eine von 200 Personen durch eine Diät erreicht, was sie erreichen möchte, nämlich abzunehmen und das Gewicht zu halten. Diäten gehen davon aus, dass die Art und Menge der Nahrungsmittel das Hauptproblem sind. Und so machen Diäten selbst aus normalen Essern Menschen, die Angst vor dem Essen haben. Dem Essen wird die Schuld für das Übergewicht zugeschoben. Dabei sind nicht die Speisen das eigentliche Problem, sondern die Art wie man isst.

Essen erzeugt einen angenehmen Zustand

Portrait Beatrix SS.

Beatrix S. ist an vielen Diäten gescheitert

Beatrix S. ist übergewichtig und will abnehmen. Immer wieder hat sie es mit Diäten versucht, doch die halfen ihr nur vorübergehend. Die Kilos kamen wieder und meistens waren es mehr als zuvor. Mit guten Ratschlägen, dass sie dieses nicht essen oder auf jenes verzichten soll, kann Beatrix S. nur wenig anfangen. Es nervt sie, wenn andere ihr Essverhalten kontrollieren. Sie wird dann ärgerlich, weil sie das Gefühl hat, dass die anderen beobachten, was sie isst. Die Konsequenz: „In Situationen, in denen man mit Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern zusammen ist, isst man das Vernünftige. Und man geht nach Hause und isst aus lauter Frust die Nahrungsmittel, die man nicht hätte zu sich nehmen sollen.“

Kein Wunder, denn Essen erzeugt Befriedigung und einen angenehmen Zustand, den wir immer wieder erreichen möchten. Das ist völlig normal und ist bei allen Menschen so. Problematisch wird es aber, wenn wir auf seelische Bedürfnisse mit Essen reagieren, wie Beatrix S.: "Man überlegt sich jetzt nicht, ich muss jetzt essen, sondern man geht einfach hin und isst. Man nimmt Mengen zu sich und ärgert sich eigentlich danach, dass man so viel gegessen hat, weil man genau weiß, das tut einem nicht gut. Und das sind im Nachhinein sicherlich Situationen, Stress-Situationen, die man hat, Ärger oder Frust, vielleicht auch wegen irgendwas, wenn Krankheiten in der Familie auftreten."


Trostfunktion bei seelischen Problemen

Ein Mädchen isst einen Döner Kebab

Essen als Ersatzhandlung

Die Psychotherapeutin Doris Wolf weiß, dass diese psychische Dimension durch Diäten fast immer sträflich außer Acht gelassen wird: „Wenn ich mir angewöhnt habe, auf Gefühle wie Trauer, Wut oder Anspannung mit Essen zu reagieren, dann habe ich natürlich ganz viele Situationen, wo ich esse. Das heißt, ich esse nicht nur wenn ich Hunger habe, wirklich körperlichen Hunger, sondern ich esse auch dann, wenn’s mir seelisch schlecht geht. Und die Folge davon ist, dass ich viel mehr Kalorien zu mir nehme, als wenn ich nur bei körperlichem Hunger esse.“

Doch offenbar gibt es außer der Trostfunktion noch einen weiteren entscheidenden Grund dafür, dass mancher bei seelischen Problemen unvernünftig viel in sich hineinstopft. Seelische Dauerbelastung wie chronischer Stress, Frust, Depression oder psychische Traumatisierungen können den Hirnstoffwechsel verändern. Die Folge: In Belastungssituationen bekommt das Gehirn Probleme, seinen Energiebedarf aus den vorhandenen Körperreserven zu decken.


Die Falle der Hirnstoffwechselstörung

Forscher der Medizinischen Klinik der Universität zu Lübeck haben in einer Stress-Studie die Hirnreaktionen schlanker und übergewichtiger Menschen untersucht. Die Probanden wurden dabei in eine Situation versetzt, die sie als stressig empfanden. Sie wurden nervös, unruhig und gereizt. Das Gehirn versucht jetzt möglichst schnell wieder zur Ruhe zu kommen, indem es die gestellte Aufgabe bewältigt, so dass sich Erleichterung und Zufriedenheit einstellen. Vielen Übergewichtigen aber genügt das nicht. Um die Stress-Reaktion zu dämpfen, schüttet ihr Gehirn jetzt Hungerhormone aus, die den Appetit anregen, um die Unterversorgung auszugleichen. Professor Achim Peters erläutert, dass in einem solchen Streitfall mit dem hohen Bedarf das Gehirn aufgrund einer Schwäche die Energie aus dem Körper nicht abfordern kann. Und weil es dem Gehirn nicht gelingt, seinen Bedarf zu decken, gibt es einen Plan B aus, und der heißt: jetzt sofort essen, in dieser akuten Situation. Damit wird nicht der Energiebedarf des Gehirns gedeckt, sondern auch die unangenehmen Gefühle, die damit verbunden sind, gelindert.

Sich in Stress-Situationen mit Essen zu beruhigen, haben Übergewichtige oft über Jahre gelernt. Sie stecken in der Falle dieser Hirnstoffwechselstörung fest. Kalorien zählen, hilft da nicht weiter. Doch was kann man tun? Prof. Achim Peters meint: „Das, was man mal gelernt hat, kann man ja wieder umlernen oder neu lernen. Das weiß jeder, der einmal eine falsche Vokabel gelernt hat. Und so besteht die Hoffnung, dass man auch dieses Verhaltenslernen, das ja mal über Jahre stattgefunden hat, wieder rückgängig machen oder durch anderes Verhalten ersetzen kann.“


Eine Handlungsalternative ist gefragt

Einen solchen Weg lehrt die Psychotherapeutin Doris Wolf auch ihre Klienten. Da wir immer wieder negative Gefühle haben werden, müssen Übergewichtige lernen, durch eine Verhaltensänderung die Fixierung aufs Essen zu lösen. Dazu schlägt sie den Betroffenen vor, sich erst einmal bewusst zu machen, in welchen Situationen sie essen und welche Gefühle sie dabei haben: „Ist es wirklich Hunger, oder sind es Gefühle wie Ärger, Stress oder Anspannung?“ Erst dann, wenn diese Verknüpfung klar sei, dass man esse, um sich beispielsweise zu trösten, könne man darangehen, eine Handlungsalternative zu suchen.

Der erste Rat der Expertin: zwei Listen schreiben. In der einen sollte stehen, welche Nachteile das Übergewicht hat. In der anderen, welche Vorteile mit dem Abnehmen verbunden sind. Das hilft, die eigene Motivation klar zu sehen. Ein zweiter Rat ist, ein Ernährungsprotokoll zu führen: Alle Nahrungsmittel notieren oder mit dem Handy fotografieren. Abends kann man in Ruhe die Notizen oder die Bilder anschauen und überlegen, wie die Ausreißer zustande kamen. Viele sehen so zum ersten Mal, was sie im Laufe eines Tages gegessen haben.


Hunger ist kein seelisches Verlangen

Ein Stück Erdbeertorte mit Schlagsahne

Lust auf Süßes

Besonders wichtig sei es, sich klar zu machen, dass Hunger nicht gleich Verlangen ist. Hunger ist der körperliche Hunger: Wenn jemand fast alles essen würde, um satt zu werden. "Seelisches Verlangen dagegen heißt: Ich bräuchte jetzt etwas. Ich bräuchte jetzt Gummibärchen, ich bräuchte jetzt Schokolade. Und wenn ich dieses seelische Verlangen habe, dann muss ich für mich entscheiden, diesem Verlangen nicht nachzugeben. Und da habe ich verschiedene Möglichkeiten", so die Psychotherapeutin Wolf.

Ein Anfang kann sein, anstatt zu essen erst einmal ein Glas Wasser zu trinken – auch das kann beruhigen. Ein nächster Schritt könnte sein, den Essimpuls auf später zu verschieben und genau auf die Körpersignale zu achten. Erst wenn körperlicher Hunger zu spüren ist, sollte man sich eine bewusste Auszeit nehmen, um dann mit Genuss zu essen. Die schwierigste Phase – so Doris Wolf – sei, wenn das Verlangen auftauche, wenn der Körper mit jeder Zelle sage, ich brauche jetzt unbedingt die Schokolade und man muss dann dagegen handeln und sich sagen: "Es ist nicht die Schokolade, sondern dahinter steht zum Beispiel, dass mir langweilig ist, oder dass ich traurig bin, und ich suche mir eine Lösung dafür - die habe ich mit der Schokolade nicht."

Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Die Änderung des Denk- und Essverhaltens benötigt Zeit. Doch mit professioneller Hilfe und Geduld kann jeder auch eingeschliffene Gewohnheiten ablegen.