Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 24.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Saatgut Der Kampf ums Saatgut

Die Grundlage unserer Nahrung wird immer mehr zum Milliardengeschäft für wenige Globalplayer. Statt um Vielfalt und Nahrungsmittelsicherheit geht es heute um Macht und Gewinne. Aber es formiert sich Widerstand.

Böse Überraschung

Im Frühjahr 2014 lagen endlich die Zahlen auf dem Tisch. Eine Studie im Auftrag der Grünen des Europäischen Parlaments hatte die Abhängigkeit der europäischen Landwirtschaft von multinationalen Saatgutkonzernen untersuchen lassen. Ergebnis: 95 Prozent des Gemüsesaatguts werden mittlerweile nur noch von fünf Konzernen verkauft. Allen voran der amerikanische Saatguthersteller und Chemiemulti Monsanto mit 24 Prozent, gefolgt von Dupont (USA) und Syngenta (Schweiz). Beim Mais sind es ebenfalls nur fünf Unternehmen, die 75 Prozent des gesamten Saatguts im EU-Markt liefern. Bei Zuckerrüben acht Firmen, die 99 Prozent kontrollieren.
Über viele Jahre haben diese Unternehmen nach und nach kleine und mittelständische Saatgutfirmen aufgekauft. Heute beherrschen sie den Markt und stellen die Weichen unserer Nahrungserzeugung.

Vielfalt die Monokulturen schafft

Nie zuvor gab es eine derartige Vielfalt an unterschiedlichen Sorten. Bedauerlicherweise konzentrieren sich die Züchtungsbemühungen dabei nur ganz wenige Arten. Vor allem auf Reis-, Weizen- und Maissorten, mit denen allein über 50 Prozent der weltweit verbrauchten Nahrungskalorien produziert werden. Denn mit diesen Nutzpflanzen lässt sich das größte Geschäft machen. Das erinnert an den pharmazeutischen Markt, indem große Konzerne vor allem in bereits vorhandene Wirkstoffgruppen investieren, weil sie von besonders vielen Menschen nachgefragt werden. Genauso werden auch im Saatgutmarkt immer neue Sorten im Bereich der lukrativsten Nutzpflanzenarten entwickelt, während der Großteil unserer Artenvielfalt, die über Jahrtausende entwickelt wurde, nicht mehr weiter vermehrt wird und von der Bildfläche verschwindet. In den letzten zwanzig Jahren sind 75 Prozent aller Kulturpflanzen verloren gegangen (Quelle: Food and Agriculture Organization oft the United Nations). Die Basis unserer Ernährung wird so immer weiter reduziert.

Hochleistungssaatgut

Mehrere Säcke Saatgut sind übereinander gestapelt.

Heute kommt überwiegend sogenanntes Hochleistungssaatgut zum Einsatz. Es handelt sich um Pflanzen, die bei intensivem Einsatz von Mineraldüngern hohe Erträge liefern können. Hierauf liegt der Schwerpunkt des züchterischen Engagements, denn hohe Erträge generieren bei den Landwirten eine hohe Nachfrage nach den betreffenden Sorten. Außer den Mineraldüngern ist für den hohen Ertrag bei vielen dieser Sorten ein spezielles Züchtungsverfahren verantwortlich. Die Rede ist vom sogenannten Hybridsaatgut. Durch die Kreuzung von sehr homogenen Inzuchtlinien können prächtige Tochterpflanzen gezüchtet werden, die außerordentlich positive Eigenschaften wie zum Beispiel hohe Erträge generieren. Nachteil: Dieser Effekt tritt nur in der ersten Generation auf. Sät man den Mais der Tochterpflanze erneut aus, erhält man wieder die kümmerlichen Pflanzen der elterlichen Inzuchtlinien. Da bedeutet für den Landwirt ganz konkret, dass er das Hybridsaatgut jedes Jahr neu kaufen muss.
Landwirte geraten durch die Verwendung dieses Hochleistungssaatguts also in doppelter Weise in eine Abhängigkeit, weil sie sowohl das Saatgut, als auch die dazu erforderliche Agrochemie jedes Jahr neu zukaufen müssen. Es verwundert deshalb nicht, dass alle großen Saatgutkonzerne gleichzeitig multinationale Chemiekonzerne sind.

David gegen Goliath

Die Bioanbieter haben die Machtkonzentration auf dem Saatgutmarkt zu spät erkannt. Besonders im Gemüsebereich besteht eine sehr große Abhängigkeit von konventionellem Saatgut.
Wer aber zum Beispiel genetisch manipuliertes Saatgut ablehnt, muss auf eigenes Saatgut zurückgreifen können. Saatgutinitiativen wie "Kultursaat", "Sativa" oder "Dreschflegel" entwickeln mittlerweile zusammen mit vielen anderen Unterstützern neue Biosorten. Diese Arbeit findet nicht in der Petrischale statt, sondern auf dem Acker, wo die Pflanzen mit den sich verändernden Klimabedingungen konfrontiert werden und außerdem lernen müssen, sich ohne Agrarchemie gegen Unkraut und Schädlinge durchzusetzen.
Nur so entsteht Nahrungsmittelsicherheit! Denn über 70 Prozent unserer Nahrungsmittel wird weltweit von Kleinbauern produziert, die nicht auf teure Agrarchemie zurückgreifen können. Deshalb ist es entscheidend, Pflanzen zu züchten, die mit den Bedingungen vor Ort klar kommen ohne am Tropf der Agrochemie zu hängen.

Reformbedürftiges Zulassungsverfahren

Biosaatgut muss allerdings wie jegliches Saatgut in der EU ein Zulassungsverfahren durchlaufen. Dabei prüft das Bundessortenamt die Qualität der neuen Sorte, sowie ihre Unterscheidbarkeit zu bereits bestehenden Sorten. Für letztere ist eine sehr hohe Homogenität der Pflanzen und Früchte im äußeren Erscheinungsbild erforderlich.
Dies ist gerade für viele Biosorten ein Problem, da es sich hier nicht um einheitliche Hybridsorten handelt. Auch wenn die Früchte von guter Qualität sind, ist zum Beispiel nicht jede Gurke gleichlang und nicht jede Kartoffel gleichgroß.
Eine Reform des europäischen Zulassungsverfahrens ist deshalb dringend notwendig. Bisher konnte man sich in Brüssel auf keine entsprechende Novelle einigen. Das Bundessortenamt testet deshalb im Alleingang mit drei weiteren EU-Ländern seit Juli 2015 ein vereinfachtes Zulassungsverfahren für Getreidepopulationen, das vielen Biosorten helfen würde.