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SENDETERMIN Do, 12.11.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Depression Der Feind in meinem Kopf

Eine Depression hat viele Gesichter. Die Krankheit ist so unterschiedlich wie die Menschen, die daran leiden. Jennifer Nitsche fühlt sich erstarrt, wertlos und voller Schuldgefühle.

Depression - die Suche nach der Ursache

Von außen betrachtet ist alles perfekt: Jennifer Nitsche hat eine gesunde Familie, Haus und Garten. Doch sie kann sich über all das nicht freuen. "Ich war einfach unheimlich traurig, und ich hatte permanent ein schlechtes Gewissen, dass ich anderen nicht gut tue. Und auch meiner Familie nicht gut tue." Ihr Sohn Tom ist gerade vier geworden, doch allzu oft findet das Familienglück ohne Jennifer statt. Sie ist in ihrer Krankheit gefangen. Die Depression kam bei ihr nicht plötzlich. Immer wieder gab es Phasen von großer Traurigkeit in ihrem Leben. Jennifer Nitsche kann sich überhaupt nicht an eine leichte und unbeschwerte Zeit erinnern. Sie glaubt, dass die Ursachen ihrer Depression bis in ihre eigene Kindheit zurück reichen. "Meine Mutter, die ist ja jetzt mittlerweile trockene Alkoholikerin, aber da hab ich mir immer viele Gedanken gemacht, dass es ihr gut geht und ihr keine Probleme zu bereiten." Die kleine Jennifer tut alles, um ihrer Mutter keinen Grund zum Trinken zu geben. Sie funktioniert und steht gleichzeitig unter einem enormen Druck. Heute ist Jennifer überzeugt davon, dass die Wurzeln ihrer Krankheit in der Kindheit liegen. Das Gefühl überfordert zu sein, wird sie nie ganz los.

Zusammenbruch - und der Weg zurück ins Leben

Als sie heiratet und bald darauf ein Kind bekommt, wachsen die Anforderungen. "100 Prozent Mutter zu sein, 100 Prozent zu arbeiten, 100 Prozent den Haushalt zu machen, 100 Prozent Ehefrau zu sein, das war ganz viel auf einmal. Dass ich manchmal echt gedacht hab: Ich krieg gleich nen Herzinfarkt oder mein Kopf platzt gleich." Irgendwann bricht sie zusammen. Sie sitzt Zuhause und kann nur noch weinen. Nach ihrem Zusammenbruch sucht Jennifer Nitsche Hilfe in einer Tagesklinik. Von Montags bis Freitags verbringt sie jeden Tag acht Stunden zusammen mit anderen Patienten. Verschiedene Therapien stehen auf dem Programm – und ganz normale Dinge. Jeder hat hier eine Aufgabe. Der Tag bekommt wieder Struktur. Den Erfolg merkt Jennifer an vielen Kleinigkeiten. Langsam findet sie zurück ins Leben. Auch die Gruppentherapie hilft ihr: Jennifer merkt, dass es anderen genauso geht wie ihr. Christoph Marks, Psychiater in der Tagesklinik, kennt das von vielen Patienten: "Der Depressive verbraucht unglaublich viel Energie, um nichts nach außen kommen zu lassen. Und wenn er jetzt spürt, ich muss mich nicht mehr verstecken, ich kann es nach außen bringen, wird er die Erfahrung machen, dass andere Leute in der Regel positiver darauf reagieren." Nach acht Wochen kann Jennifer die Tagesklinik verlassen. Ihr geht es besser, doch ganz gesund ist sie noch nicht.

Das lange Warten auf die Psychotherapie

Zuhause geht der Alltag weiter: Haushalt und Familie – bald will sie auch wieder arbeiten gehen. Doch Jennifer fürchtet, dass sie mit dem Stress alleine nicht klar kommt. Ein Arzt hat ihr Medikamente verordnet, doch Zeit für Gespräche hat er nicht. Sie möchte begleitend eine Psychotherapie machen. Immer wieder greift sie zum Telefon, immer wieder wird sie enttäuscht. Jennifer Nitsche findet keinen Platz, einige Therapeuten haben Wartezeiten von mehr als einem halben Jahr. "So lange kann ich einfach nicht warten." So wie Jennifer Nitsche geht es vielen Patienten. Gerade auf dem Land gibt es nicht genug Therapieplätze. Zum Teil gehen Patienten in die Klinik, weil sie die langen Wartezeiten nicht überstehen. "Das ist nicht nur den Patienten gegenüber verantwortungslos, das ist auch finanzieller Wahnsinn", sagt Christoph Marks. Ein neues Gesetz zur Versorgungsstärkung soll das jetzt ändern, unter anderem sollen Psychotherapie-Sprechstunden eingeführt werden. Doch noch sind die neuen Regelungen nicht umgesetzt. Jennifer Nitsche findet schließlich eine Therapeutin. Einige Monate, nachdem sie aus der Tagesklinik entlassen wurde, ist sie auf einem guten Weg. Es geht aufwärts. Und so schlimm die Depression auch war - Jennifer und ihr Mann können der Krankheit heute sogar etwas Gutes abgewinnen. "Die hat uns irgendwie näher zusammengeschweißt", sagt Jennifer Nitsche. "Ich weiß jetzt, ich kann mich auf ihn verlassen, und ich bin wirklich wichtig für ihn. Sonst hätte er das ja gar nicht mitgemacht."