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SENDETERMIN Do, 16.12.2010 | 22:15 Uhr | SWR Fernsehen

Der elementare Dreckvergleich

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Feuer, Wasser, Luft und Erde - nach der alten griechischen „Vier- Elemente-Lehre“ die Grundstoffe allen Seins. Aber auch die Grundstoffe allen Drecks! Und Dreck gibt es überall – obwohl Sauberkeit bei uns als Tugend gilt. Doch immer mehr Menschen finden nichts dabei ihre Zigarettenkippen wegzuwerfen, ihren Müll einfach illegal zu entsorgen oder die Häufchen ihrer Vierbeiner einfach liegen zu lassen. Viele Städte ärgert das und sie versuchen, mit Bußgeldern ihre Bürger zu mehr Sauberkeit zu erziehen. Was aber tun die Städte selbst für saubere Luft und sauberes Wasser? Wir haben für unseren elementaren Dreckvergleich in Stuttgart und Mainz einmal ganz genau hingeschaut...

Element Erde

SWR-Reporter Thomas Niemietz auf dem Mainzer Bahnhofsvorplatz

Wie sieht es mit einem Quadratmeter Bahnhofs-Vorplatz-Erde aus?

Die Erde ist der klassische Aufbewahrungsort für Schmutz. Nicht nur für den klassischen Staub wie im Wohnzimmer, sondern auch für Zigarettenkippen, Kaugummireste und die Zeitungsbeilagen vor unserer Haustür. Subjektiv finden wir zwar sowohl in Mainz als auch in Stuttgart saubere Viertel, aber es gibt auch weniger aufgeräumte Ecken.
Der Müll der neben dem Papierkorb landet, ist nicht leicht zu messen. Die Straßenreinigung befreit den Boden zwar täglich von Dreck – und zwar in der Größenordnung von LKW-Ladungen, aber dieser - im Fachjargon "Kehricht" genannte - Müll ist eine bunte Mischung aus ganz verschiedenem Unrat. Er besteht aus Sand, Splitt, Staub, Ästen, Pappbechern und den schon genannten Zeitungsbeilagen.

Ganze 3,7 Tonnen davon kehrte die Stadt Mainz im Jahr 2008 zusammen. Das entspricht einer Menge von 19 Kilogramm pro Einwohner. In Stuttgart waren es fünf Tonnen Kehricht, das entspricht nur acht Kilogramm Kehricht pro Einwohner. Dabei hat Stuttgart zwar dreimal so viele Einwohner wie Mainz, aber nur etwa doppelt so viel Fläche. Das heißt, es existiert weniger Straßenoberfläche pro Einwohner. Also fällt im Winter weniger Streugut an und damit landet weniger Kehricht auf den Straßen. Also können wir kein aussagekräftiges Ergebnis festhalten.

Das Urteil der Einwohner

Wir haben in einer Stichprobe knapp 50 Bewohner der beiden Hauptstädte gebeten, die Sauberkeit ihrer Heimatstadt mit einer Schulnote zu beurteilen. Der Stuttgarter bewertet seine Umgebung durchschnittlich mit der Note 2,4. Der Mainzer mit der Note 2,7. Die Begründungen sind ähnlich. Bemängelt wurde die Sauberkeit der Bushaltestellen, die Kaugummis auf dem Boden, überlaufende Papierkörbe und nicht gereinigte Autobahnausfahrten.

Hundehaufen und Pizzakartons

Sperrmüll auf dem Bürgersteig

Das Problem mit dem wilden Sperrmüll

In beiden Städten nennen die Bewohner auch Stadtteile, in denen einzelne Bürger anscheinend nicht die gleiche Auffassung von Sauberkeit haben wie sie selbst. In Mainz sind das Teile der Neustadt und in Stuttgart Teile von Bad Cannstatt. An beiden Orten finden wir wilden Sperrmüll. Wir starten ein Experiment: Welche Stadtreinigung ist schneller? Wir beobachten jeweils einen illegalen innerstädtischen Mini-Müllberg und melden ihn den zuständigen Stellen. Die Entsorgungsbetriebe der Stadt Mainz geben auf der eigenen Homepage an, in 81 Prozent der gemeldeten Fälle weniger als drei Tage für die Entsorgung zu benötigen. In Stuttgart gibt es ebenfalls eine Müll-Hotline. Allerdings ist diese bei allen unseren Versuchen besetzt. Eine freundliche Mitarbeiterin, die wir über Umwege am Telefon erreichen, erklärt uns, dass wir die Polizei benachrichtigen müssen. Die alarmierten Behörden klingen nicht besonders zuversichtlich, wollen sich aber trotzdem um das Problem kümmern. Wir werden sehen.

Element Wasser

Stuttgart und Mainz liegen beide an nicht unbedeutenden deutschen Flüssen. Trotzdem sind sie nur sehr schwierig miteinander vergleichbar. Der Neckar führt wesentlich weniger Wasser und ist seiner Charakteristik nach ein aufgestautes Gewässer. Der Rhein führt vergleichsweise viel Wasser und ist größtenteils frei fließend. Trotzdem haben wir eine Probe des Neckars nach Mainz gebracht, um sie im Rheinwasseruntersuchungszentrum analysieren zu lassen. In dem Institut werden täglich verschiedene Parameter des Rheinwassers untersucht. Unter anderem wird auch der Chloridgehalt des Wassers ermittelt. Dabei schneidet der Neckar mit knapp 80 Milligramm pro Liter ab.

Der Chloridanteil liegt damit doppelt so hoch wie der des Rheins. Die Untersuchungen führt der Leiter der Untersuchungsstation, Michael Engel, durch. Er erklärt, der Chloridgehalt beider Gewässer sei für den Menschen völlig unbedenklich. Der Chloridgehalt unseres Blutes liegt bei 9.000 Milligramm pro Liter. Für andere Lebensformen ist der optimale Wert allerdings 20 Milligramm. Für uns Menschen ist vielmehr ausschlaggebend, welche anderen Bestandteile in den Gewässern gefunden werden. Dabei ist die Anzahl der E. coli-Bakterien eine der entscheidenden Größen. Beide Gewässer weisen hier immer wieder gesundheitsgefährdende Konzentrationen auf. Das ist auch der Grund, warum weder im Rhein noch im Neckar das Baden erlaubt ist. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eher gering ist, durch das Baden krank zu werden.

Element Luft

Der elementare Dreckvergleich im Segment Luft ist sehr eindeutig. Wir nehmen als Vergleichsparameter den Faktor Feinstaub. Dieser wird täglich an mehreren Stationen in beiden Städten gemessen. Mainz hat den erlaubten Höchstwert von 50 Mikrogramm pro Liter Luft im vergangenen Jahr an der Messstation Parcusstrasse 32 Mal überschritten. Erlaubt sind 35 Überschreitungen. Für Stuttgart ist das ein seit Jahren nicht einzuhaltendes Ziel. Die Messstation am Neckartor lag im vergangenen Jahr 100 Mal über dem erlaubten Grenzwert. Daran konnten bisher auch geänderte Durchfahrtsregelungen und Umweltzonen nichts ändern. Bis Ende März läuft nun ein neuer Versuch, das Problem in den Griff zu bekommen. Eine Art flüssiger Kleber wird auf die Straße aufgesprüht, um den Feinstaub am Boden festzukleben. Der flüssige Kleber wird mit CMA abgekürzt, das bedeutet Calcium-Magnesium-Acetat. In anderen Ballungsräumen hat diese Methode bereits eine merkliche Besserung gebracht. Dennoch bleibt Mainz im elementaren Dreckvergleich der Luftverschmutzung klarer Sieger.

Element Feuer

Das Feuer ist das Element der Leidenschaft. Wie leidenschaftlich sind die Stadtbewohner beim Thema Sauberkeit? Natürlich kommen wir spätestens an dieser Stelle nicht mehr um das Thema Kehrwoche herum. In Stuttgart hat sie Tradition. Bereits 1492 findet sich im Stadtrecht eine entsprechende Verordnung in der es heißt: „Damit die Stadt rein erhalten wird, soll jeder seinen Mist alle Wochen hinausführen, (…) jeder seinen Winkel alle vierzehn Tage, doch nur bei Nacht, sauber ausräumen lassen und an der Straße nie einen anlegen.“ Heute heißt das Kehrwoche. Die ausgeprägte Erwartungshaltung der Nachbarschaft zur Einhaltung der Kehrwoche ist sicher eine schwäbische Besonderheit. Aber auch in Mainz wird „die Gass’“ gefegt. Das ist das Ergebnis einer stichprobenartigen Umfrage. Dabei gaben etliche Mainzer an, auch sie würden vor ihren Häusern freiwillig für Sauberkeit sorgen

Das Ergebnis des Müllvergleichs

Thomas Niemietz fügt einen weiteren Strich für Mainz auf seiner Strichliste hinzu

Welche Stadt ist schmutziger?

Nach 14 Tagen steht der beobachtete Müll in Stuttgart noch immer. Weder der Anruf bei der Straßenreinigung, noch die anonyme Anzeige bei der Polizei brachten ein Ergebnis. In Mainz dagegen verschwand der beobachtete Fernseher nach drei Tagen. Allerdings wurde dieser vermutlich nicht von der Straßenreinigung entsorgt - der Müll neben dem Gerät war nämlich auch 14 Tage nach dem Versuch noch an Ort und Stelle. Beim Thema Müll und schnelle Müllentsorgung erhalten also beide Städte einen extra Minuspunkt im elementaren Dreckvergleich. Rechnen wir alle Punkte zusammen, steht ein Verlierer fest. Die nach unseren Ermittlungen dreckigere elementare Umgebung befindet sich in Stuttgart. Rein optisch teilen wir allerdings den Eindruck, dass Stuttgart sauberer ist. Also ein dicker Punkt für die Optik in Stuttgart.

aus der Sendung vom

Do, 16.12.2010 | 22:15 Uhr

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Sendezeit

Donnerstags um 21.00 Uhr im SWR Fernsehen.