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SENDETERMIN Do, 13.3.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Energiepolitik Der Braunkohlewahnsinn

Die Stromproduktion aus Braunkohle war 2013 so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr - gleichzeitig ist sie für gut ein Viertel der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich. Daran wird sich vorerst wenig ändern. Die RWE plant mit "Garzweiler 2" sogar eine Ausweitung des Tagebaus.

Immerath: ein Dorf muss weichen

Immerath ist ein 1.500 Seelen Dorf zwischen Aachen und Düsseldorf.

In einem Fischteich der Peitzer Karpfenfischer spiegelt sich das Braunkohlekraftwerk der Vattenfall AG in Jänschwalde mit seinen Kühltürmen, aus dem Wasserdampf aufsteigt.

Mitten im rheinischen Braunkohlerevier gelegen, muss es den Braunkohleplänen der RWE Power AG weichen. Die meisten Bewohner haben ihr Dorf schon verlassen. Ende 2013 wurde die Pfarrkirche St. Lambertus, der "Dom von Immerath" entweiht. Jetzt ist es nur ein imposanter Kirchenbau mit zwei Türmen. Ein großes Loch im linken Turm zeugt davon, dass die Glocken bereits entnommen wurden. Die Kirche ist jetzt Eigentum der RWE Power AG. So wie alleGebäude in Immerath wird sie irgendwann in den nächsten Jahren abgerissen werden.

Ein Bürger hat sich gewehrt

Zurzeit leben in Immerath nur noch eine Handvoll Menschen. Unter ihnen Stephan Pütz. Bis zum Bundesverfassungsgericht hat der Immerather für sein Recht auf Heimat gekämpft. Vergebens. Das Bundesverfassungsgericht lehnte am 17. Dezember 2013 seine Verfassungsbeschwerde ab. "Mit dem Abbau von Braunkohle wird ein gesetzlich hinreichend bestimmtes und ausreichend tragfähiges Gemeinwohlziel umgesetzt" heißt es unter anderem in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Stephan Pütz kann sich jetzt die nächsten Monate und Jahre mit der Suche nach einer neuen Heimat beschäftigen. Die Heimat seiner Kindheit ist bereits im Loch von "Garzweiler 1" verschwunden. Wo einst das elterliche Haus und der Ort Otzenrath standen, ist jetzt nichts. Pütz steht etwa 200 Meter vom Grubenrand entfernt auf einem Feldweg, der ins Nichts führt: "Für mich ist das hier einer der Orte meiner frühesten Kindheit. Weil mein Vater mit mir hier so eine Rundtour gemacht hat, und hier war eine Pferdekoppel. Da sind wir dann immer zum Pferdefüttern hin gefahren. Ja, das sind dann alles so Erinnerungen, die dann letztlich in dieser Kohlegrube verschwinden."

Die Orte verschwinden einfach

Garzweiler, Otzenrath und Holz waren die letzten Orte, die dem Braunkohletagebau "Garzweiler 1" geopfert wurden. Jetzt sollen Immerath und sieben weitere Dörfer verschwinden. Für den Tagebau "Garzweiler 2". "Der Tagebau soll 2045 auslaufen nach derzeitiger Planung", so Pütz, "da ist ja noch nicht mal klar, ob ich diesen Zeitraum erleben werde. Aber wenn das dann soweit ist, dann wird von dem, wo ich meine Fußstapfen hingesetzt habe, nichts mehr übriggeblieben sein."

Braunkohle und Umwelt

Die drei größten Tagebaue in Nordrhein-Westfalen, Garzweiler, Hambach und Inden haben zusammen eine Fläche von über 700 Hektar. Die Löcher sind bis zu 370 Meter tief, wie der Tagebau in Hambach.

Dirk Jansen vom BUND

Dirk Jansen vom BUND

Stromgewinnung aus Braunkohle ist ein gigantisches Vorhaben. Dirk Jansen vom BUND steht am Rande des Tagebaus Garzweiler. Das Loch reicht bis zum Horizont. Der BUND hat ebenfalls versucht den Ausbau zu "Garzweiler 2" zu stoppen. Der Umweltschützer erklärt warum: "Das Grundwasser muss abgepumpt werden. Was riesengroße ökologische Folgen- und Ewigkeitsschäden bedingt." Dazu käme der Landschaftsverbrauch. Wälder werden vernichtet und es bleibe die bange Frage: Kann sich die RWE die Renaturierung überhaupt leisten?

Braunkohlekraftwerke sind CO2-Schleudern

Seit Jahrzehnten lebt die RWE in einem wirtschaftlichen Paradies. In seinen Kraftwerken verfeuert Deutschlands größter Stromkonzern seinen eigenen Brennstoff, wie hier in Neurath. Die RWE gilt deswegen auch als dreckigstes Unternehmen Deutschlands. Gesamtemissionen der Kraftwerksblöcke hier: 28 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Für Dirk Jansen ökologischer Wahnsinn: "Hier wird die Kohle aus Garzweiler verfeuert. Zu ganz schlechten Wirkungsgraden. Die Altkraftwerke hier hinter uns kommen auf Wirkungsgrade von 30 - 35 Prozent. Selbst die neuen Blöcke nur auf 45 Prozent. Kraftwärmekopplung, also auch die Nutzung der entstandenen Wärme findet hier auf der grünen Wiese nicht statt. Diese Kraftwerke heizen nur die Atmosphäre an. Sie sind eigentlich nur Dinosaurier dieser Energiestruktur und haben in einem zukunftsfähigen Energiesystem nichts zu suchen." Doch wer will schon ein Kraftwerk abschalten, das er erst vor kurzem für 2,6 Milliarden Euro errichtet hat? Und: Wer will auf Kraftwerke verzichten, die längst abgeschrieben sind und den Strom fast umsonst produzieren? Deswegen wird weiter gebaggert.

Das Ende vom Paradies?

Für das Geschäftsjahr 2013 meldet die RWE einen Nettogesamtverlust von 2,8 Milliarden Euro.

Strommast

Kein Kommentar von RWE

Grund dafür sei unter anderem die schwierige Ertragslage für den konventionellen Strom. Im Klartext: Mit Braunkohlestrom ließ sich 2013 nicht mehr so viel Geld machen wie zuvor. Uns gegenüber wollte man nicht vor die Kamera treten. Stattdessen wird schriftlich über den derzeitig niedrigen Großhandelsstrompreis geklagt.


Rettungsanker Netzausbau

Da kommt der Netzausbau gerade recht. Denn dank neuer Stromtrassen lassen sich neue Märkte im In- und Ausland erschließen. Schon jetzt geht ein guter Teil des Braunkohlestroms in die Niederlande. Nur 20 Kilometer vom Tagebau entfernt, am Ortsrand des niederrheinischen Osterath, soll ein Umspannwerk erweitert werden. "Argumentiert wird, dass die ganze Trasse hier und der Konverter nur der Energiewende dient, und der Konverter der Netzintegration der erneuerbaren und der Windenergie dient", so BUND-Mann Jansen. "Wenn man das Kleingedruckte liest, dann heißt das aber, dass vor allem hier der Braunkohlestrom eingespeist werden soll, um nach Süddeutschland transportiert zu werden."

Braunkohlewahnsinn

Die RWE kann es sich nicht leisten auf Braunkohle zu verzichten. Denn so viel ist klar: Braunkohletagebau und -nutzung ist kein Geschäft, das man so eben stoppen kann. Auch wenn es eigentlich niemand mehr haben will. Das hat Stephan Pütz zu spüren bekommen. Er steht am neu gebauten Aussichtspunkt des Tagebaus "Garzweiler 1", blickt in die Grube: "Man hat im Prinzip noch die Erinnerung an die Orte. Man kennt das alles. Aber irgendwie blockiert die Vorstellung den Gedanken, dass das, was man da in Erinnerung hat, dasselbe ist. Da macht der Kopf nicht richtig mit."
Immerath wird verschwinden. Opfer der Unfähigkeit eines Konzerns, für die Zukunft zu planen.