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SENDETERMIN Do, 16.2.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Delfine im Zoo Delfinarien in der Kritik

Delfine in Gefangenschaft leben meist in viel zu engen Becken, wo sie ihr natürliches Sozialverhalten kaum ausleben können. Aber ist ihre artgerechte Haltung im Zoo überhaupt möglich?

Vor einigen Jahren (2006 und 2007) verstarben im Delfinarium des Tiergartens Nürnberg fünf Jungtiere und ein Muttertier. Das rief damals die Tierschützer auf den Plan. Die Tierschutzorganisation WDC (Whale and Dolphin Conservation) erstritt in einem fünfjährigen Rechtsstreit Einsicht in die Akten des Delfinariums in Nürnberg.

In der Zwischenzeit hatten der Tiergarten und die Stadt Nürnberg für fast 30 Millionen Euro ein neuartiges Delfinarium mit Manatihaus gebaut. In der sogenannten „Delfin-Lagune“ ziehen heute zehn „Große Tümmler“ unter freiem Himmel ihre Runden.

Wie geht es den Delfinen heute?

Mehr Platz und ein Leben unter freiem Himmel mit Sonne und Regen sind für die Delfine von Vorteil, erläutert der Kurator Dr. Lorenzo von Fersen, der verantwortlich ist für die Haltung der Delfine. Ansonsten sieht er keinen großen Unterschied im Vergleich zu früher, was das Verhalten der Tiere anbelangt. Die Geburt des Delfinweibchens Nami vor anderthalb Jahren wertet er allerdings als großen Erfolg: „Die Gruppenkomposition ist jetzt eine andere. Wir haben jetzt einige erfahrene Mütter, ein Beispiel ist die Sunny, die ja jetzt vor anderthalb Jahren die Nami auf die Welt gebracht hat, das hat gut funktioniert, wir haben andere technische Möglichkeiten, früher haben wir nur zuschauen können. Es hat sich viel verändert, so dass wir jetzt auch Kälber großziehen können.“

Mit der neuen Lagune haben die Tierpfleger jetzt einen direkten Einfluss auf die Gruppenzusammensetzung. Das Becken ist in sechs verschiedene Bereiche unterteilt, die mit Gittern abgesperrt werden können. So lassen sich bestimmte Delfine von anderen trennen oder zusammenführen, um zum Beispiel Revierkämpfe unter den Delfinen zu vermeiden – ein Vorteil für die Tiere und die Pfleger.

Keine artgerechte Haltung in Delfinarien

Trotz dieser Verbesserungen bleibt die Frage, ob eine artgerechte Haltung in Delfinarien überhaupt möglich ist. Schließlich sind Delfine Säugetiere, die in freier Wildbahn in Gruppen leben und täglich bis zu hundert Kilometer schwimmen. Auf der Jagd nach Beute tauchen sie große Strecken in die Tiefe. Diese Bedingungen lassen sich im Delfinarium natürlich nicht nachbilden.

Außerdem leben Delfine in wechselnden Gruppen, die sich immer wieder neu formieren. Wer mit wem ist ein ständiges Wechselspiel. Die Wissenschaftler nennen das fission-fusion. Das heißt die Tiere suchen sich immer wieder neue Artgenossen mit denen sie zusammen leben und ihre Zeit verbringen, je nach Alter, Sympathie und Familienstand.

Eine artgerechte Haltung in Delfinarien hält der Meeresbiologe und Verhaltensforscher Karsten Brensing nicht für möglich, weil die Anzahl der Delfine zu gering ist: „Man schafft es nicht, damit eine natürliche Gruppenstruktur zu erzeugen, denn die gibt es einfach nicht. Dazu müsste die Population viel größer sein, wir reden da von mindestens 30-50 Tieren. Dann könnte sich so etwas herausarbeiten, herausstellen.“

Wie groß eine Gruppe sein muss, damit die Delfine ihr natürliches Sozialverhalten ausleben können, dazu gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse. Delfingruppen mit vielen Dutzend bis hundert Tieren leben vorwiegend in der Hochsee. In küstennahen Gebieten sieht es anders aus – da sind soziale Einheiten von fünf bis elf Delfinen in einer Gruppe keine Seltenheit. Das entspricht der Anzahl von Tieren, die auch in Delfinarien anzutreffen ist.

Delfine bekommen Psychopharmaka

Wie die Akteneinsicht zeigt, wurde im Tiergarten Nürnberg einigen Delfinen das Psychopharmaka Diazepam verabreicht. Dieses Mittel wirkt in geringen Mengen appetitanregend, in größeren Mengen beruhigend. Letztlich soll damit auch Verletzungen vermieden werden, die sich die Tiere bei Rangkämpfen zufügen. Karsten Brensing, der an der Auswertung der Akten beteiligt war, schließt aus der Art und der Menge von Psychopharmaka darauf, dass die Delfine in Nürnberg an Appetitlosigkeit leiden und übermäßige Aggressionen zeigen, also Verhaltensstörungen, die für Delfine in Gefangenschaft typisch sind. Zudem kommt es auch zum Einsatz von Hormonen, weiß Karsten Brensing: „Eine weitere Möglichkeit Konflikte schon im Entstehen zu bekämpfen oder gar nicht auftauchen lassen ist die, dass man männlichen Tieren, die langsam heranwachsen, weibliche Hormone gibt, da gibt es weniger Aggressionen zwischen den adulten und den jungen Männchen, das ist aber auch wieder eine Anpassung der Tiere an die Haltungsbedingungen und aus meiner Sicht ist das keine artgerechte Haltung.

Kurator Dr. Lorenzo von Fersen dementiert den Einsatz des Psychopharmaka Diazepam nicht; er betont allerdings, dass die Gabe solcher Mittel keine gängige Praxis ist, sondern nur in Ausnahmefällen verabreicht wird, wenn dem Tier damit geholfen werden kann.

Delfin-Show – Spaß oder Stress?

Besucher im Tiergarten Nürnberg erleben die Delfine täglich bei einer 20-minütigen Präsentation. Vor allem die Sprünge, Balance-Akte und Saltos der Tiere sind ein Publikumsrenner.

Doch was so spielerisch aussieht, ist tägliches Training. Einfache Übungen wie das Drehen um die eigene Achse lernen die Delfine schon in kurzer Zeit, schwierige Saltos einstudieren kann bis zu drei Jahre dauern, berichten die Tierpfleger. Beim täglichen Training und während der Vorführungen reagieren die Tiere auf Handzeichen und Pfeifentönen. Und nach jeder Übung erhalten sie Fisch als Belohnung. Dazu der Meeresbiologe Karsten Brensing: „Die Delfine machen nur etwas, weil sie dafür ihr Fressen kriegen, die würden das nicht so machen in freier Wildbahn. Und insofern kriegt man leicht den Eindruck, dass es den Tieren gut geht, aber man beobachtet sie nicht in ihrem normalen Verhalten, sondern man beobachtet sie letztlich fremdgesteuert.“

Doch Sprünge, Saltos und Ballspiele sind für Delfine in Gefangenschaft auch eine willkommene Beschäftigung. Sozusagen eine Alternative zu ihrem Jagdverhalten in freier Wildbahn, weiß Dr. Lorenzo von Fersen: „Also eine Sache haben wir ihnen genommen, sie brauchen keine Nahrung mehr zu suchen. Wir müssen diese Zeit, die sie im Grunde dort mit Nahrungssuchverhalten verbringen, muss man irgendwie ersetzen. Und das ist im Grunde durch diese Übungen gegeben, das heißt wir bieten im Grunde in dem Moment, wo wir immer wieder neue Sachen trainieren, das ist im Grunde eine Herausforderung für das Tier und für die Psyche ist das nur gesund.“

Naturidentische Verhältnisse wird man Delfinen in Gefangenschaft nicht bieten können. Trotzdem sollten die Verhältnisse so angenehm wie möglich sein und dazu gehört die Beschäftigung der Tiere.

Neues Forschungsprojekt – Wie gestresst sind Delfine?

Am Delfinarium in Nürnberg zeigt man sich problembewusst. Dr. Lorenzo von Fersen und seine Mitarbeiter setzen zunehmend auf Forschung. In einem Projekt untersuchen Wissenschaftler, wie gestresst die Tiere sind. Dazu messen sie den Wert des Stresshormons Cortisol im Speichel. Dieser eine Wert sagt zwar nichts über das Wohlbefinden der Tiere aus. Trotzdem sind die Messungen wichtig, erläutert die Tierärztin Dr. Katrin Baumgartner. Sie ist für die medizinische Versorgung der Tiere zuständig: „Immer mehr wird diskutiert über Wohlbefinden, wie misst man Wohlbefinden bei Tieren, man spricht dann immer von diesen Welfare-Indicators, also da sieht man natürlich zum einen muss man sich das Tier als großes Ganzes ansehen. Den Sanierungszustand, das Alter des Tieres, wie verhält sich das Tier , wie ist die Futteraufnahme, die Nachzuchtrate, all diese Dinge , aber dann als objektives kommt natürlich die Verhaltensbeobachtung, ganz ganz was wichtiges, denn dann kann man auch wirklich messen, wie das Tier sich im Laufe des Tages verhält und als Zusatz ist dieses Cortisol eine große Hilfe; aber eben als Zusatz. Man kann’s als Wert allein nicht nehmen, ein Wert allein ist oft nicht gut, aber es gibt uns nochmal einen Anhaltspunkt über das Wohlbefinden der Tiere.“

Der Cortisolwert allein reicht nicht aus, um das Wohlergehen der Tiere beurteilen zu können, meint auch Verhaltensforscher Karsten Brensing. Dennoch hält er den Cortisol-Wert für sinnvoll, wenn es um die Beurteilung von Kurzzeit-Stress geht. Zum Beispiel, wenn die Tiere aus dem Becken geholt und umgesetzt werden oder durch Baumaßnahmen beeinträchtigt sind.

Delfinarium Nürnberg setzt auf Forschung

In einem weiteren Forschungsprojekt am Tiergarten Nürnberg geht es um ein bislang unerforschtes Sinnesorgan der Delfine. Winzige Tasthaare auf dem Oberschnabel dienen zur Nahrungsermittlung. Damit können die Tiere über Elektrorezeption angeblich ihre Beute aufspüren. Wie das funktioniert ermitteln Tierpfleger und Wissenschaftler in Nürnberg mit speziellen Apparaturen. Es handelt sich um Grundlagenforschung. Und diese Untersuchungen sind nur mit Tieren in Gefangenschaft möglich, weil die Tiere für die Versuche Monate lange trainiert werden müssen. Der Kurator Dr. Lorenzo von Fersen setzt auch deshalb auf Forschung, weil die Ergebnisse langfristig den bedrohten Delfinpopulationen in freier Wildbahn zugutekommen sollen.

Ob die Forschungsergebnisse tatsächlich zum Erhalt der Artgenossen in freier Wildbahn beitragen, wird erst die Zukunft zeigen. Fakt ist, dass Delfine durch Überfischung, Lärm und Meeresverschmutzung stark gefährdet sind. Dieses Dilemma hat seine Ursachen im Umgang des Menschen mit der Natur. Zoobesucher sollen deshalb durch das Erleben der Tiere im Delfinarium ein besseres Bewusstsein für die Problematik der Tiere im Freiland erhalten. Aber dafür müssen ihre Artgenossen ein Leben in Gefangenschaft verbringen.