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SENDETERMIN Do, 17.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gänsemast Das Leiden osteuropäischer Mastgänse

Wer Mastgänse im Discounter für zehn Euro kauft, muss sich im Klaren sein: diese Preise sind quersubventioniert. Durch tierquälerische erzeugte Daunen und Stopfleber.

Der Markt fordert mehr Gänsedaunen, als die Schlachtbetriebe liefern können. Die Bekleidungsindustrie, vor allem aber die Bettenhersteller brauchen abertausende Tonnen des hochwertigen Dämmstoffes. Jedes Jahr. Der Engpass wird mit Daunen gefüllt, die aus illegalen Praktiken stammen. Aus Lebendrupf. Dabei werden den Mast-Gänsen ein bis zweimal vor der Schlachtung die Daunen ausgerissen. Der Lebendrupf ist in der EU zwar schon seit 1999 verboten. Er wird aber in Osteuropa in vielen Ländern weiterhin praktiziert.

Wir fahren nach Ungarn. Der wahrscheinlich größte Gänseproduzent weltweit. In Budapest sind wir mit einer Mitarbeiterin der Tierschutzorganisation Vier Pfoten verabredet. Nina Yamal. Die junge Wissenschaftlerin hat sich seit Jahren mit Gänsezucht in Ungarn beschäftigt. Sie und ihr Kollege, der unser Dolmetscher ist, werden uns im Land begleiten.

Es geht durch die Puszta, die berühmte Steppenlandschaft Osteuropas. Aus der einst idyllischen bäuerlichen Region ist ein riesiger Mastbetrieb geworden. Links und rechts von uns sehen wir eine Gänsefarm nach der anderen. Dreißig- bis vierzigtausend Tiere pro Betrieb sind hier keine Seltenheit. Die Tiere verbringen den ganzen Tag in Schlamm und Kot. Schon vom Auto aus erkennen wir am spärlichen Federkleid der Brust: Diese Tiere sind erst vor kurzem gerupft worden.

Eine große Anzahl an Gänse auf einer Farm.

Bis zu viermal wird eine Gans in ihrem Leben gerupft.

Nina Jamal zeigt uns Aufnahmen, die Vier Pfoten in einer anderen Farm versteckt gedreht hat. "Diese Tiere wurden drei- bis viermal gerupft. Und das traurigste ist, je öfter man rupft, desto mehr Geld verdient man. Beim vierten Rupf bekommt man feinere Daunen." Kolonnen von Wanderarbeitern rupfen die Tiere. Oft reißt die Haut der Gänse, wenn ihnen die Federn ausgerissen werden. Ein leidvolles Leben bis zur Schlachtung. Wir sehen geschundene Kreaturen, gerupft, mit gebrochenen Flügeln im Schlamm.

Die Tierschützerin macht Beweisfotos. Plötzlich kommen zwei Männer mit Stöcken bewaffnet auf unser Auto zu. Die Situation droht zu eskalieren. Der Farmer und sein Sohn wollen nicht, dass wir die gerupften Gänse filmen. Zunächst sieht es heikel aus. Doch dann kommen wir ins Gespräch. Wir fragen, warum der Züchter seine Tiere rupft. Roland von vier Pfoten dolmetscht: "Der Farmer hat hohe Kosten, er muss Futter kaufen und alles am Laufen halten, deshalb muss er die Gänse lebendig rupfen! Sonst kann er seine Rechnungen nicht bezahlen. Manchmal findet er es aber auch schlimm, wenn die Rupfkolonnen nicht gut arbeiten weil ein zwei Leute dabei sind, denen es völlig egal ist, ob die Tiere leiden."

Bei Hungerit, einem der größten Gänseproduzenten in Ungarn, wollen wir ein Interview zu illegal gerupften Gänsen. Wir werden aber abgewimmelt. Dafür finden wir Hungerit-Stopfleber im Eingangsbereich. Auch das Stopfen ist EU-weit als Tierquälerei verboten. Nina Yamal zeigt uns auf ihrem Laptop, wie es bei dieser verbotenen Mästung der Gänse zugeht. Bis viermal täglich werden die Tiere zwangsernährt. Mais und Schweineschmalz wird dabei per Schlauch in sie hineingepumpt, bis ihre kranke Leber um das Siebenfache an Gewicht zunimmt.

Und noch ein dunkles Kapitel wollen wir beleuchten. Arzneimittel in der Gänsemast. Der Besitzer des Betriebes, den wir jetzt besuchen, möchte unerkannt bleiben. Doch wir dürfen uns in der Anlage umschauen. Und finden neben kranken Tieren stapelweise leere Chemiekanister. Der Farmer hat uns erzählt, dass er häufig Medikamente einsetzt. Auch ein Antibiotikum, das in der Humanmedizin verwendet wird. Nina Jamal ordnet diese Praxis für uns ein: "Er verwendet das prophylaktisch für den Fall, dass die krank werden. Das ist das traurigste. Denn es bedeutet, dass die Tiere Wunden haben und es beweist, dass die Tiere leiden beim Rupfen. Und natürlich ist es besser, wenn eine Farm das überhaupt nicht anwendet."

Zwei gerupfte und geschlachtete Gänse.

In der Schlachterei Pannon Lud werden 20.000 Gänse am Tag getötet.

Bei der Fahrt zu unserer letzten Station in Ungarn haben wir ein besonders ungutes Gefühl. Wir dürfen in der Schlachterei Pannon Lud Aufnahmen machen. Der Direktor ist ein Österreicher, Kurt Weiss. 20.000 Gänse werden hier pro Tag getötet. Zusammengepfercht in Kisten kommen sie aus dem ganzen Land. Kopfüber werden die Tiere in ein Transportband eingehängt. Panisches Schnattern und Flattern überall. Bilder wie aus einem Albtraum. In der Nutztierverwertung leider nicht ungewöhnlich. Die Mastgänse werden in einem Wasserbad elektrisch betäubt und dann angestochen, damit sie ausbluten.

Auch gerupft wird maschinell. Im nackten Zustand zeigt sich die Quälerei, die diese Tiere erleiden mussten. Wir sehen gebrochene Flügel und Blutergüsse. Schlachthofleiter Kurt Weiss hat aber andere Sorgen: "Der Unterschied zwischen früher und heute ist, dass man nicht am Tier im Wesentlichen mehr verdient hat, wie jetzt, sondern am - will ich mal sagen - Nebenprodukt, obwohl man das nicht so sagen darf. Man verdiente an den Federn, weil man die Federn mehrfach verkaufen konnte. Und an der Leber, die für einen wesentlich höheren Preis, weil sie eine Delikatesse ist, verkauft werden konnte.”

Früher? Wie unsere Recherchen zeigen, ist diese Mehrfachverwertung auch heute noch gängige Praxis. So ist es möglich, dass die Mastgänse für weniger als zehn Euro vorwiegend in Deutschen Märkten landen. Kurt Weiß nennt Lidl, Aldi und generell die großen Ketten als Abnehmer.

Dann fahren wir zurück nach Deutschland. Wir lassen Stichproben aus Gänsen im Bremerhavener Tela-Labor für Lebensmittelsicherheit testen. Eine Gans aus Ungarn, eine deutsche Dittmarscher-Gans - ein ökologischer Mastbetrieb - und eine aus Polen. Wir wollen wissen, wie es mit der Keimbelastung und den Antibiotikarückständen aussieht.

Laborleiter Dr. Helle sieht Qualitätsunterschiede auf den ersten Blick: "Also man sieht, die Unterschiede sind ganz eindeutig. Die Dittmarscher Gans ist deutlich fetter unter der Haut. Hat eine gesündere Farbe. Ich bin selbst überrascht, das man das so deutlich unterscheiden kann von den Gänsen die gezielter Mast ausgesetzt sind.”
Der erste Eindruck bestätigt sich bei einer genaueren Analyse des Gänsefleischs. Die deutlich teurere deutsche Gans aus artgerechter Haltung zeigt keine auffälligen Werte, bestätigt Norbert Helle: "Ja, die deutsche Gans war komplett einwandfrei. Natürlich haben wir ganz normal Keime in sehr geringer Zahl gefunden, aber keinerlei problematische Keime. Allerdings haben wir in der polnischen und in der ungarischen Gans Staphylokokken nachweisen können. Das sind nicht ganz unproblematische Keime.”
Staphylokokken und Antibiotikarückstände fanden sich in den osteuropäischen Gänsen. Diese Kombination legt nahe, dass es sich um antibiotikaresistente Keime handelt. Derade resistente Staphylokokken sind als tödliche Krankenhauskeime bekannt. In verantwortungsloser Mast werden sie regelrecht gezüchtet.

Preislich sind die Gänse aus Osteuropa ein echter "Knüller”. Doch dafür müssen die Tiere zu Lebzeiten zahlreiche Qualen erleiden. Denn für unsere Discounterpreise, rechnet sich die reine Gänsemast nicht. Tierquälerei und reichlich Medikamente gehören mit dazu, wenn wir uns den köstlichen Braten für ein paar Euro leisten.

aus der Sendung vom

Do, 17.9.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.