Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 1.12.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kommunikation Darknet: Fluch oder Segen?

Im versteckten Bereich des Internets handeln Kriminelle. Gleichzeitig ist es der Ort für geschützte Kommunikation – und damit für manche Menschenrechtler überlebenswichtig.

Das böse Darknet

BKA Chef Holger Münch beklagt die Online-Marktplätze im Darknet. Sie gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Hier werden Waffen, Drogen oder gefälschte Ausweise, gestohlene Kreditkartendaten, oder auch Dienstleistungen angeboten, die die Durchführung von Cybercrime ermöglichen oder erleichtern. Und nur wenige Täter werden geschnappt, kommen vor Gericht. Ist das Darknet also nur ein Tummelplatz für Dealer und Mörder?

Internet für freie Bürger

Als das Internet erfunden wurde, sollte es ein Ort der Freiheit sein: die Verknüpfung von freien Bürgern, ohne Kontrolle des Staates, ohne Überwachung durch Geheimdienste. Was ist davon geblieben? Sind die Menschen im Internet nur noch Kunden, Nummern, pervertiert sogar durch die Kriminellen im Darknet?

TOR Netzwerk

Für Jens Kubieziel jedenfalls nicht. Der Informatiker lehrt an der Universität Jena und berät Firmen in Sachen Datensicherheit. Mit Hilfe der TOR Software und des TOR Netzwerks können Nutzer im Darknet anonym agieren.

Anders als bei der normalen Internetnutzung, wird die Information bei TOR über viele, zufällig ausgewählte Server, irgendwo in der Welt geleitet. Selbst die NSA hat sich daran die Zähne ausgebissen. Nach Jens Kubieziel war das auch von Entwicklern von TOR so gewollt, auch wenn Kriminelle das heute nutzen: Die Entwickler von TOR hatten damals ganz eindeutig Menschenrechtler, Oppositionelle im Blick, die natürlich ein enormes Risiko eingehen, wenn sie Informationen ins Netz stellen. Und für die es ganz wesentlich erleichtert, wenn sie hier Informationen bereitstellen, ohne dass sie selbst erkannt werden.

Darknet: Schutz für Andersdenkende

Tatsächlich haben Aktivisten des Arabischen Frühlings 2011 das Darknet und das TOR Netzwerk benutzt. Ein Vorbild für Oppositionelle auch in anderen diktatorischen Systemen. Beispiel Russland. Nach den großen Demonstration gegen die Wiederwahl Putins 2012 setzte die Kreml-Führung verstärkt auf staatliche Kontrolle des Internets und die gezielte Überwachung der Opposition. Erklärtes Ziel ist es, auch das TOR Netzwerk zu knacken.

Russland: Darknet im Visier des Staates

Andrej Soldatow sieht dieses Vorhaben dagegen mehr als kritisch. Der Journalist und Geheimdienstexperte lebt in Moskau, gilt als einer der besten Kenner des russischen Internets. Für ihn sind die russischen Überwachungsgesetze nichts als eine weitere Machtansage des Kreml: Seid vorsichtig, denkt drei Mal nach, wenn ihr irgendetwas in sozialen Netzwerken postet, selbst bei E-Mails und bei der Geschäftspost lesen wir mit.

In seinem aktuellen Buch „The Red Web: The Struggle between Russia's digital Dictators and the new Online Revolutionaries“ (2016) erklärt Soldatow jedoch, dass selbst der russische Inlandsgeheimdienst FSB es nicht geschafft hat, TOR zu knacken.

Segen und Fluch und Segen

Doch die Russen sind seit vielen Jahrzehnten gewöhnt, mit staatlicher Bevormundung „umzugehen“. Der Zugang zum TOR Netzwerk ist der Ausweg. Bereits heute ist die Zahl russischer TOR-Nutzer auf Platz 2 nach den USA. Völlige Kontrolle durch Geheimdienste und Polizei, egal ob in Diktaturen oder in den Demokratien Europas, würde freie Kommunikation in aller Welt gefährden. Darum werden wir sie also hinnehmen müssen: die „dunkle“ Seite des Internets. Einfach weil das Ende des Darknets auch das Ende einer geschützten Kommunikation wäre – die viele Menschen mit ihrer Freiheit, manche sogar mit ihrem Leben bezahlten.

Buch

Andrei Alexejewitsch Soldatow, Irina Borogan

The Red Web. The Struggle Between Russia’s Digital Dictators and the New Online Revolutionaries

Verlag:
PublicAffairs
Genre:
Sachbuch
Länge:
384 Seiten
aus der Sendung vom

Do, 1.12.2016 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.