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SENDETERMIN Do, 4.10.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Computer im OP Digitalisierung macht Chirurgie sicherer

Die Leipziger Acquaklinik operiert nach einem Software-System aus vielen ineinander verflochtenen Steuerungsprogrammen. Der Computer führt den Chirurg Schritt für Schritt durch die OP.

Automation in der Chirurgie

Die HNO-Abteilung der Acqua-Klinik in Leipzig gilt als Vorreiter in Sachen digitaler Kontrolle in der Medizin. Prof. Gero Strauss ist der geistige Vater des Projekts. Der sympathische und unprätentiös wirkende Mittvierziger hat kein Problem damit, Teile der „hohen Kunst“ der Chirurgie dem Computer anzuvertrauen: „Ich denke, die beste Überschrift ist Automation. Wir geben das, was man sinnvoll aus der Hand des Chirurgen und des Operations-Teams in die Hand einer Maschine oder Software geben kann, um es sicherer zu machen und effizienter.“

Digitales Patientenmanagement

Frank König, einst Geschäftsführer eines großen Druckmaschinenherstellers in Leipzig, hat seit langem Probleme mit seinen Nasennebenhöhlen. Probleme mit dem Gehör und häufige Infekte sind die Folge. Im Kopfzentrum der Acqua-Klinik in Leipzig wird er an der Rezeption in das System der Klinik eingecheckt. Denn nicht nur die Operation, auch das gesamte Patientenmanagement wird hier von einer Software überwacht. Von der ersten Aufnahme bis zur Nachsorge. Der Chirurg Gero Strauss besucht kurz vor dem Eingriff seinen Patienten Frank König auf seinem Zimmer. Sicherheit ist in der Acqua-Klinik oberstes Gebot. Also wird noch einmal gemeinsam der Operationsplan durchgesprochen. „Es geht vor allem um eine Veränderung an der Kieferhöhle links. Dann haben wir noch ein Narbensegel. Auf beiden Seiten auch im Bereich der Kieferhöhle.“

Das „Navi“ für den Chirurgen

Dann kommt Frank König in den OP-Bereich. Er fühlt sich hier schon fast wie zuhause. So oft war er mit seinen Beschwerden hier. Er kennt die Vorbereitungen genau. Sein Kopf wurde mit einem Tomografen in den Computer eingescannt. Als Navigationshilfe für die Operation. Und die Abfolge der einzelnen Schritte des Eingriffs sind minutiös in der OP-Software abgespeichert. Jeder einzelne Schritt muss von dem OP-Team bestätigt werden. Jetzt meldet die Computerstimme auf Englisch, dass die Anästhesie eingeleitet wird. Wenige Atemzüge aus der Maske des Anästhesisten reichen, um Frank König ins Reich der Träume zu schicken. Dann wird der Patient intubiert. Für die künstliche Beatmung. Jeder Schritt der OP wird von der Software dokumentiert. Automatisch werden Screenshots von den Endoskop-Bildern angefertigt und in den OP-Bericht eingepflegt. In der Klinik von Gero Strauss gibt es über 3.000 dieser Eingriffe pro Jahr. Zum Standard gehört das Markieren der Sicherheitszonen im Kopf der Patienten. Dazu markiert der Chirurg per Mausklick die Grenzen zu besonders sensiblen Strukturen, die bei einem HNO-Eingriff immer in unmittelbarer Nachbarschaft zum OP-Geschehen liegen: Keinesfalls dürfen die Operationsinstrumente in die Augenhöhlen oder ins Gehirn eindringen. Dann wird der Kopf von Frank König eingemessen. Der Zeigestab, den Gero König dazu auf definierte Punkte in Frank Königs Gesicht richtet, ist mit speziellen Tracking-Punkten markiert, die von einer Stereokamera erfasst und per Computer mit dem eingescannten Kopf in Deckung gebracht werden. Grundlage für das Navigationssystem, das dem Chirurgen zeigt, wo er sich mit seinen Instrumenten im Kopf des Patienten befindet.

Das Labyrinth durchgängig machen

Erst jetzt kann die Operation beginnen. Durch die Nase des Patienten taucht Gero Strauss mit seinen Operationsinstrumenten in den Kopf von Frank König ein. Auch diese Instrumente werden von der Stereokamera getrackt. Auf dem Display mit dem eingescannten Kopf des Patienten sieht Gero Strauss so immer, wo sich seine Instrumente befinden. Auf den Millimeter genau. Das Programm des Eingriffs ist klar definiert, erklärt der grauhaarige, dabei jugendlich wirkende Chirurg: „Medizinisch öffne ich einen ineinander weit verzweigten und verschlungenen Raum. Das ist wie ein Labyrinth. Und dieses Labyrinth hat eine wichtige Funktion, nämlich die Nase zu reinigen, zu befeuchten – auch für Abwehrzecke. Aber wehe, wenn es nicht funktioniert. Dann hat man ständig Infekte, man hat ein falsch zusammengesetztes Sekret, das hier oben runterläuft in Richtung Lunge. Und wir müssen diese Öffnung hier wieder schaffen.“ Die knöcherne Barriere zum Gehirn ist an dieser Stelle so dünn wie Papier. Das Navigationssystem warnt den Chirurgen, wenn er hier zu nahe kommt. Vorsichtig schneidet der Chirurg mit seiner Operationszange Narbengewebe aus den Nebenhöhlen in Frank Königs Kopf.

Sicherheitschecks wie in der zivilen Luftfahrt

Gero Strauss und sein Team haben sich in Sachen Sicherheit in einem ganz anderen Technikbereich Rat geholt: „Erster Technikbereich, der uns enorm hilft, ist die zivile Luftfahrt. Also das, was im Cockpit passiert, das ist enorm ähnlich. Ganz viele Einflüsse, ganz viele Störfaktoren. Große Verantwortung. Da haben wir viel zugehört. Haben bis heute auch Berater von der Lufthansa, ehemalige Trainingspiloten aber auch Technikhersteller im Cockpit.“ Zu den wichtigsten Prozeduren gehört das Abarbeiten der Checkliste, das von der Software eingefordert wird. Weil es internationaler Standard werden soll, natürlich auf Englisch.

Wachstumsfaktoren für bessere Heilung

Dann nähert sich der Eingriff seinem Ende. Damit die Schleimhäute sich nach der Operation möglichst gut regenerieren, spritzt Gero Strauss Wachstumsfaktoren in die Nebenhöhlen. Wo nötig, werden mit Heilmitteln imprägnierte Tamponagen eingebracht, die sich nach einigen Tagen im Kopf von Frank König auflösen werden.

Eine halbe Stunde hat die OP gedauert. Der Chirurg diktiert noch ein paar Bemerkungen in den Computer, der automatisch den Operations-Bericht erstellt. So viel Computer im OP. Ist damit das Ende der „digitalen Fahnenstange“ erreicht? Prof. Gero Strauss sagt: Nein – „Das haben schon ganz viele gedacht über ihre eigene Entwicklung. Dass das das Ende der Fahnenstange ist. Es muss mehr geben. Man muss darüber nachdenken, wie weit kann Automation gehen in der Medizin. Die Frage, die dann oft im Raum steht ist: werden es mal irgendwann Roboter sein? Das kann ich ihnen nicht beantworten. Aber dass dort mehr Regelungstechnik hineinkommt, da bin ich mir absolut sicher.“ Die Digitalisierungsgeschichte in der Chirurgie wird also weitergehen. Die Patienten werden davon profitieren. Wenn Dr. Computer den Eingriff begleitet, werden weniger Fehler gemacht.