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SENDETERMIN Do, 15.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Alternative Heilmethoden Was bringt die Colon-Hydrotherapie?

Von Verstopfung bis Depression - der XXL-Einlauf soll angeblich viele Krankheiten heilen. Wir haben recherchiert, was dran ist an der Colon-Hydrotherapie?

Im Wartezimmer der Heilpraxis Moser in Gutach im Schwarzwald sitzt Sabine Prescher. Sie hatte schlimme Hautprobleme. Ekzeme im Gesicht. Sie ist begeistert von der Colon-Hydrotherapie. Nach der vierten Darmspülung haben sich ihre Beschwerden gebessert.
"Es hat ´ne Weile gedauert, also es war jetzt nicht von heute auf morgen, aber die Kombination aus einer veränderten Ernährung und einer Colon-Hydrotherapie: unglaublich, also innerhalb von kürzester Zeit war das dann auch als Verbesserung zu sehen."
Im Raum nebenan bereitet Claudia Moser die Colon-Hydrotherapie vor. Wasser wird angewärmt, sterile Schläuche an ein Gerät angestöpselt, das an der Wand montiert ist und entfernt an einen Heizkörper erinnert. Vor sieben Jahren hat sich die Arzthelferin als Heilpraktikerin selbständig gemacht. Die Darmspülung empfiehlt sie bei vielen Beschwerden: Allergien, Migräne, Rheuma, Haut- und Verdauungsproblemen. Eine intensive Spülung des Dickdarms könne viele dieser Leiden kurieren oder lindern, sagt sie.
Claudia Moser will natürlich wissen, wie sich die Symptome bei ihrer Kundin, mit der sie mittlerweile befreundet ist, entwickelt haben. Und gibt Ratschläge für die weitere Behandlung: "Also ich würde ja schon empfehlen 6 - 10 Sitzungen - sagt man ja grundsätzlich, wenn man so eine Grundreinigung haben möchte."
Die Anbieter der Colon-Hydrotherapie glauben, dass sich im Darm alte Stuhlreste ablagern - sie nennen sie Schlacken - und den Körper vergiften. Claudia Moser erläutert mit einem "Einfüllstutzen" in der Hand den Vorgang der Therapie:

"Ja ich habe hier so ein Kunststoffröhrchen, das wird dann in den Po eingeführt. Und dann lasse ich Wasser laufen, in den Dickdarm und die Behandlung dauert etwa 40 Minuten. Und die Idee ist, dass einfach, dass stagnierte, verkrustete Stuhlreste, die sich über die Jahre ansammeln gelöst werden, durch das Wasser."
Bern Galle ist Gastroenterologe an der Mainzer Uniklinik, Spezialist für das Magen-Darm-System und derzeit der Präsident der Deutschen Gastroenterologischen Gesellschaft. Er ist sich sicher, dass die Colon-Hydrotherapie auf einer falschen Annahme beruht: "Es gibt eine klare Haltung der wissenschaftlichen Medizin. Die Darmreinigung ist nicht notwendig. Der Darm reinigt sich selbst. Da gibt es keine Rückstände. Der Darm ist ein durchlaufendes System, da gibt es keine Nischen, wo Reste zurückbleiben. Schlacken im Darm gibt es nicht. Und damit ist auch eine Hilfestellung von außen zur Beseitigung von Rückständen nicht notwendig."

Eine Heilpraktikerin massiert den Bauch

Spülung und Darmmassage: keine anhaltende Wirkung in Studien nachweisbar

Mit der Kritik an der Colon-Hydrotherapie hat sich Sabine Prescher nicht beschäftigt. Die Idee der Darmreinigung hat sie von Anfang an überzeugt. Ihre Heilpraktikerin, Claudia Moser bietet unterstützend zur Spülung die Darmmassage an. Sie drückt ihrer Patientin vorsichtig auf den Unterleib und folgt dabei der Lage des Dickdarms.
In Studien konnte die Colon-Hydrotherapie keine anhaltend positiven Wirkungen erbringen. Auch eine dauerhafte Veränderung der Darmflora, die von Therapeuten immer wieder versprochen wird, ließ sich nicht nachweisen. Und im Sichtrohr des Spül-Apparats tut sich lange Zeit nichts. Dann schwimmt doch ein Bröckchen vorbei. Keine Schlacke, sondern Zeichen für "Renovierungsarbeiten", sagt der Fachmann:
"Der Darm ist eines der Systeme im Körper, die sich am stärksten kontinuierlich erneuern. Und die Zellen, die dann produziert werden und altern gehen dann über den Darm verloren. Und es ist aus gastroenterologischen Sicht ärgerlich, wenn mit diesem Begriff Schlacke eine Leistung angeboten wird, die der Patient nicht braucht."
Claudia Moser, die Colon-Hydro-Therapie in ihrer Praxis seit sieben Jahren anbietet, kennt die Kritik an dem Verfahren. Doch die ist für sie gar kein Problem.
"Ja ich sage einfach: es ist wissenschaftlich nicht anerkannt. Es ist leider sehr oft bei naturheilkundlichen Verfahren. Damit kann ich damit ganz gut leben. Für mich zählt einfach der Vorher-Nachher-Effekt: Wenn ich sehe, einem Patient geht es nach der Behandlung deutlich besser, dann zählt das für mich."
Doch beobachtete Einzelfälle sind natürlich kein wissenschaftlicher Beweis. Die aufwändige Prozedur hat ein erhebliches Potenzial, Placeboeffekte hervorzurufen. Und viele der positiven Patientenberichte sind auf angenehme Empfindungen während der Behandlung zurückzuführen.
Auch Sabine Prescher war nach anfänglicher Skepsis überrascht vom positiven "Erlebnis Darmspülung": "Das ist eigentlich recht angenehm. Ich hab mir das anders vorgestellt. Es ist schon ein bisschen so eine Hemmschwelle, das Thema Darmreinigung. Aber es ist wirklich recht angenehm. Und durch die Massage fühlt es sich gut an."

Der Gastroenterologe Galle, Direktor der 1. Medizinischen Klinik der Mainzer Uniklinik, legt die Verhältnisse aus der Sicht des Fachmannes dar: "Die Füllung des Dickdarms mit Wasser und die anschließende Entleerung ist - wie auch der normale Stuhlgang am Ende erleichternd. Das heißt, es ist eine Situation der Anspannung, die gefolgt ist von einer Situation der Entspannung. Das empfindet der Patient als befriedigend. Da die Prozedur aber risikobehaftet ist, sei es durch eine Verletzung des Darms oder durch eine Beeinflussung des Kreislaufes, und ein Nutzen dieses Verfahrens nicht belegt ist, steht das in keinem Verhältnis."
Tatsächlich trifft man in Internetforen sehr schnell auf Probleme mit der Colon-Hydrotherapie. Am häufigsten ist von Krämpfen und Kreislaufproblemen die Rede.
Aus Sicht der Wissenschaft ist Colon-Hydrotherapie Unsinn. Vielleicht hat bei Sabine Prescher die Umstellung der Ernährung gegen die Hautprobleme geholfen. Vielleicht aber auch die Erfahrung, von ihrer Freundin zugewandt und warmherzig behandelt zu werden.

aus der Sendung vom

Do, 15.1.2015 | 22:00 Uhr

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