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SENDETERMIN Do, 13.7.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Chemie Die großen Giftskandale der Vergangenheit

Nach Umweltskandalen sind unaussprechliche Zungenbrecher-Giftstoffe plötzlich in aller Munde. Kleine unvollständige Chronik der 1960er- bis 1980er-Jahre.

Was wurde uns nicht alles schon aufgetischt, bei den Chemie-Skandalen der letzten Jahrzehnte: Für kurze Zeit geistern die meist unaussprechliche Namen chemischer Verbindungen durch die Medien - um nach Abklingen der Skandalberichterstattung wieder in der Versenkung zu verschwinden. Nehmen wir zum Beispiel diese Zungenbrechergifte: "Tetrachlorkohlenstoff" und "Trichlorethylen" – nie davon gehört? Das ist lange her: 1962 versetzen diese Substanzen die Baden-Württemberger in Angst und Schrecken. Der SWR-Abendschau-Reporter berichtet vor einer Schule in Bad Cannstatt über den Tod einer Putzfrau: "Frau G. hat hier mit ihren Kolleginnen in der Schiller-Schule für Sauberkeit gesorgt. Bis zum 14. Mai. Todesursache, das Putzmittel: "Dreck weg, reinigt alles!" In dem Produkt findet sich ein radikaler Giftmix, so ein Experte, der "bei sehr kurzen Einatmungen zu sehr erheblichen, ja tödlichen Leberschädigungen führen kann".
Der Chef der Hinterhof-Herstellerfirma in Bad Cannstatt bleibt stumm, weil - ebenfalls vor kurzem verstorben. Der Vertreter von "Dreck weg!" ist aber noch putzmunter und behauptet, nichts von der verheerenden Wirkung des Putzmittels gewusst zu haben: "Mir war nur wichtig, dass das Mittel gut war und dass die Kundschaft zufrieden war und auch immer wieder danach gefragt hat." So ist das, beim Chemieskandal: Abwiegeln, nix gewusst – solche Statements gehören dazu, wie die Substanzen mit den exotischen Namen.

Nervengift in der Adria

Doch es geht noch schlimmer, als den Schwaben die Putzmittel zu vergiften: Bleitetraethyl – das ist ein Benzinzusatz gegen Motorklopfen – und ein absolut tödliches Nervengift. Diese Substanz bedroht ab 1974 das deutsche Urlaubsglück. Die Sendung "Report" rapportiert die Schlagzeilen der deutschen Zeitungen: "Der Tod lauert in der Adria", "Zeitbombe am Meeresgrund", "Versunkenes Schiff kann die ganze Adria zum toten Meer machen."
Was ist geschehen? Vor Süditalien ist ein Chemiefrachter gesunken: Nahe der Küste liegen nun 900 rostende – und eventuell beschädigte - Fässer mit Bleitetraethyl auf Grund. Tourismus-Manager beschwichtigen: Die Substanz sei nicht wasserlöslich, also bestehe keine Gefahr für die Urlauber. Experten halten dagegen: "0,2 bis 0,3 Gramm können in einem Liter Wasser gelöst sein. Und diese Menge reicht auf jeden Fall aus, um schwere Vergiftungserscheinungen hervorzurufen." Einige Jahre später können die Fässer dann tatsächlich geborgen werden. Wie real die Gefahr tatsächlich war, darüber kann man am Ende nur spekulieren. Noch mal Glück gehabt – das befördert das schnelle Vergessen.

Chemie-GAU in Seveso

1976 gibt es allerdings einen Riesenknall, der nicht in Vergessenheit geraten wird: Da wird mit einem Schlag ein ganz fieses Zeug prominent – Tetrachlordibenzodioxin, TCDD, eine besonders giftige Variante des Dioxins. Nach einer Explosion in einer Chemiefirma in Seveso bei Mailand verseuchte die Substanz – die schon im Vietnamkrieg als berüchtigtes "Agent Orange"-Entlaubungsmittel eingesetzt wurde - ein dicht besiedeltes Gebiet. Die Firmenleitung beschließt bei einer internen Krisensitzung konsequente Desinformation, so schildert es ein Mitarbeiter: "Dass Dioxin gebildet wurde, wird nicht erwähnt!" Das hilft aber nichts: Die Fernsehberichte zeigen vergiftete Weiden mit totem Vieh, Hunderte Menschen mit der Dioxinvergiftung Chlorakne. Schwangeren wird zur Abtreibung geraten und ganze Dörfer werden abgerissen. Seveso schreibt sich nachdrücklich ein, ins Langzeitgedächtnis der Giftskandale.

Krank durch Holzschutzmittel

Aber der Gift-Flash kündigt sich nicht immer mit lautem Knall an. Manchmal kommt er auch ganz hinterhältig daher: Pentachlorphenol, PCP, ist ein aromatischer Kohlenwasserstoff, farblos, gut wasserlöslich. Das macht Holzschutzmittel effektiv – und Menschen krank. 1978 kommt‘s raus. In einem Fernsehbericht wabern die giftigen Nebel durchs gediegene holzvertäfelte Wohnzimmer: "Pentachlorphenol-Dämpfe, hier durch unsere Trickaufnahme sichtbar gemacht, können bis zu zehn Jahren aus behandeltem Holz entweichen und sich in Tapeten und Teppichen, in Vorhängen und Möbelstücken festsetzen." Atemnot, Herzrasen, Zusammenbrüche, auch Depressionen werden diagnostiziert. Die Produkte sind für Innenanstriche bestimmt, obwohl den Herstellern die toxische Wirkung seit langem bekannt ist, so bilanziert die Staatsanwaltschaft nach zehn Jahren Ermittlungen gegen Manager der Herstellerfirmen.

Der Hamburger Dioxinskandal

1979 kommen Behörden einem weiteren Skandal auf die Spur: Pestizid-Abfälle mit Chlorkohlenwasserstoffen verseuchen rund um das Hamburger Werk von Böhringer Ingelheim die Böden – seit Jahrzehnten. Der Betriebsleiter behauptet zwar vor laufender Kamera: "Wir können heute mit Sicherheit ausschließen, dass aus der laufenden Produktion Emissionen nach draußen gelangen." Tatsächlich wird zwei Jahre später auch noch das üble Seveso-Dioxin nachgewiesen. Studien belegen, dass Arbeiter des Unternehmens vermehrt an Krebsarten erkranken, die damit in Verbindung gebracht werden. 1984 schließt das Werk auf behördliche Anweisung. Die Sanierung des Geländes dauert wahrscheinlich noch – bis etwa 2050.

Sandoz: Roter Rhein nach Giftmix

1986 – im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe – brennt sich noch eine weitere Großkatastrophe ins kollektiver Gedächtnis: Der ohnehin schon stark belastete Rhein bekommt eine weitere Giftinfusion: gleich zwei Dutzend toxische Substanzen. Nach einem Feuer in dem Schweizer Chemieunternehmen Sandoz schwemmt Löschwasser einen Giftmix von mindestens 20 Tonnen in den Rhein – der sich daraufhin knallrot färbt. Auf einer Länge von mehreren hundert Kilometern sterben Fische, in manchen Orten bricht die Trinkwasserversorgung zusammen. Die Sandoz-Verantwortlichen verharmlosten den Vorfall mehrere Tage, ein Sprecher sagt etwa "es ist eine außerordentlich empfindliche Fischsorte zu Schaden gekommen". Sehr empfindlich reagieren allerdings die Bürger: Mit Großdemonstrationen zum Schutz des Rheins. Immerhin: Die Katastrophe führt zur Intensivierung des Gewässerschutzes in Deutschland.
Und dennoch: Die Liste der Gifte mit den unaussprechlichen Namen, die bei Skandalen kurz Furore machen, wird seitdem länger und länger. Und wir? Wir haben uns längst daran gewöhnt: Das ist nun mal der "Preis des Fortschritts" - und die hohe Kunst des Verdrängens.