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SENDETERMIN Do, 20.9.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Nur die wenigsten brauchen Tabletten. Was ist dran am Vitamin D-Hype?

Vitamin D ist wichtig für den Knochenbau. Doch einen Vitamin-D-Mangel haben in Deutschland nur wenige. Sollte man also wirklich Vitamin D-Tabletten einnehmen?

Um es vorweg zu sagen: Die oft gehörten Empfehlungen, zusätzliche Vitamin D-Tabletten zu nehmen, beruhen zum Teil auf falschen Voraussetzungen.

Wofür ist Vitamin D wichtig?

Vitamin D spielt eine wichtige Rolle für den Aufbau und die Regenerierung der Knochen. Das gilt insbesondere in den ersten Lebensmonaten. Um eine gesunde Entwicklung der Knochen zu gewährleisten bekommen Kinder deshalb bis zum zweiten Lebensjahr Vitamin-D-Präparate. Vor allem um Rachitis vorzubeugen.

Wieviel Vitamin D braucht der Mensch?

Eine optimale Vitamin-D-Versorgung ist gewährleistet, wenn der Blutserumwert 20 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) erreicht. Diesen Zielwert vertreten das renommierte US-amerikanische Institut National Academy of Medicine sowie die deutschen Fachgesellschaften.

Doch selbst wenn keine 20 ng/ml erreicht werden, bedeutet das noch keinen Mangel, sondern allenfalls eine suboptimale Versorgung.

Echter Vitamin-D-Mangel besteht nach medizinischen Erkenntnissen erst bei einem Vitamin-D-Spiegel von 12 ng/ml und darunter. Dann ist die Knochengesundheit in Gefahr.

Baby in Praxis von Kinderärztin in Schwetzingen, Projekt: Babypaten

Babys und Kleinkinder bekommen oft Vitamin D, um eine gesunde Entwicklung der Knochen zu gewährleisten und um Rachitis vorzubeugen.

Wie wirkt sich Vitamin-D-Mangel bei Erwachsenen aus?

Hinweise für einen Vitamin-D-Mangel bei Erwachsenen sind entsprechende Erkrankungen des Knochengerüstes, wie Osteoporose und Osteomalazie. Davon sind vorwiegend ältere Menschen betroffen.

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vitamin D Pille gelb

Patienten fordern von ihren Ärzten immer häufiger Vitamin D Präparate

Vitamin D ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe fettlöslicher Vitamine. Maßgeblich ist das Cholecalciferol, auch Vitamin D3 genannt. Es wird im Körper durch UV-Strahlung gebildet. In diesem Text ist immer Vitamin D3 gemeint.

Vitamin D wird zum größten Teil durch Sonneneinwirkung auf unsere Haut gebildet

Der Mensch bildet Vitamin D durch die Einwirkung der UV-Strahlen auf die Haut. Ungefähr 80 bis 90 Prozent des Vitamin D beim Menschen entsteht so. Deshalb ist genügend Aufenthalt im Freien eine wichtige Voraussetzung für eine optimale Vitamin-D-Versorgung. Je nach Hauttyp genügen 5 bis 25 Minuten täglich im Freien, möglichst mit unbedeckten Armen. Auch lichtarme Jahreszeiten führen nicht automatisch zum Vitamin-D-Mangel. Denn Vitamin D ist fettlöslich, das heißt es lagert sich im Fettgewebe ab. So bildet der Körper während des Sommers ein Vitamin-D-Depot, auf das er im Winter zurückgreifen kann.

Den kleineren Teil Vitamin D, nämlich 10 bis 20 Prozent, nimmt der Mensch über die Nahrung zu sich. Vitamin D ist hauptsächlich im Fett der Fische, in Pilzen, in Eigelb und Gemüsen wie Avocado enthalten.

Vitamin D

Vitamin D-Lieferanten: Avocado, Lachs, Sonne

Nur 2 % der Erwachsenen haben einen schweren Vitamin-D-Mangel

Beruflich oder krankheitsbedingt verbringen viele Menschen die meiste Zeit des Tages in geschlossenen Räumen ohne Zugang zu UV-Licht. Die Frage ist, ob damit auch große Teile der Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel haben.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat 2012 bundesweit bei fast 7.000 Erwachsenen und Kindern den Vitamin-D-Spiegel gemessen. Demnach haben 15% der Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel. D.h. einen niedrigeren Wert als 12 ng/ml. Bei dieser Studie handelt es sich allerdings um eine einmalige Messung und somit um eine Momentaufnahme. Dennoch: Ein flächendeckender Mangel an Vitamin D - wie von manchen Seiten behauptet wird - liegt nach dieser Studie nicht vor. 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat 2012 höhere Vitamin D Werte empfohlen

Grund für die Untersuchung waren neue Erkenntnisse zur Knochengesundheit. Demnach treten Stürze und Knochenbrüchen bei einem bestimmten Vitamin-D-Wert seltener auf. Was dafür spricht, dass Vitamin D vor allem bei Osteoporose- und Osteomalazie-gefährdeten Personen eine vorbeugende Rolle spielt. Bei der anschließenden Berichterstattung wurde allerdings nicht berücksichtigt, dass der größte Teil des Vitamin D im menschlichen Körper über das Sonnenlicht erfolgt.

Sonnenlicht

80 bis 90 % des Vitamin D bildet der menschliche Körper selbst, wenn wir uns im Sonnenlicht aufhalten. Je nach Hauttyp genügen 5 bis 25 Minuten täglich im Freien, möglichst mit unbedeckten Armen.

Die höhere Zufuhrempfehlung der DGE war zwar richtig, ging aber sozusagen von „Kellerkindern“ aus, die nie ans Tageslicht kommen und deshalb so gut wie kein Vitamin D bilden. Das wurde in den Schlagzeilen über Vitamin-D-Mangel selten berücksichtigt.

Die große Werbekampagne für Vitamin D-Präparate

In den letzten 10 Jahren wurden immer mehr Studien zu Vitamin D veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen dem Vitamin-D-Status im Blut und gewissen Krankheiten herstellen. Demnach soll Vitamin D vor Alzheimer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und sogar vor Krebs schützen. Obwohl entsprechende Wirkungen beim Menschen nicht nachgewiesen sind, laufen auch PR-Kampagnen der Vitamin-D-Hersteller in diese Richtung. Entsprechende Schlagzeilen sind die Folge. Wolfgang Becker-Brüser ist Arzt, Apotheker und Herausgeber des Arzneimitteltelegramms. Er kritisiert, dass viele der Studien zu Vitamin D schlecht gemacht sind und allenfalls zu Hypothesen führen und zu Annahmen, die nicht belegt sind.

Verschiedene Packungen mit Vitamin-D-Präparaten

Angstkampagnen schüren die Furcht der Menschen vor einer Unterversorgung mit Vitamin D und kurbeln die Umsätze der Hersteller von Vitamin D an.

Doch ein höherer Zielwert?

Immer mehr Mediziner propagieren bei Erwachsenen neuerdings einen höheren Zielwert. Auch die amerikanische Society of Endocrinology. Sie hat den Zielwert um ein Drittel heraufgesetzt, nämlich auf 30 ng/ml. Grund ist eine zunehmende Zahl von Labor- und Tierstudien zu Vitamin D, die postulieren, dass Vitamin D vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt, vor Diabetes, Demenz, Alzheimer, ja sogar vor Krebs.

Doch keine dieser Wirkungen konnte bislang durch entsprechende Studien beim Menschen belegt werden. Trotzdem verschreiben immer mehr Ärzte Vitamin D-Präparate, oft auch deshalb, weil die Patienten danach verlangen.

Angstkampagnen - Die Thesen des Jörg Spitz

Mit der Flut von Publikationen nehmen auch die Informationsveranstaltungen zu. Pharmafirmen, die selbst Vitamin D herstellen, veranstalten Vorträge für Ärzte, Apotheker und Heilpraktiker. Einer der populärsten Referenten ist Prof. Jörg Spitz. Vor seiner Emeritierung war er als Nuklearmediziner tätig - er ist somit kein Experte für Vitamin. Dennoch nutzt er seine Status als Wissenschaftler und verbreitet die Botschaft vom Vitamin-D-Mangel.

Spitz ist überzeugt, dass 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel haben - weil wir uns zu viel in geschlossenen Räumen aufhalten und zu wenig ans Tageslicht kommen. Dieses Manko könne man nur mit Vitamin-D-Pillen beheben. Auch Spitz beruft sich auf einen Vitamin-D-Zielwert von 30 ng/ml Blutserumspiegel. Den niedrigeren Wert von 20ng/ml, der als Standard gilt, erkennt er nicht an.

Spitz behauptet auch, ein normaler Mensch brauche in Wahrheit 8.000 i.E. (internationale Einheiten) Vitamin D pro Tag - 10-mal mehr als die National Academy of Medicine (NAM) empfiehlt. Diese habe sich hinsichtlich der Zufuhrempfehlung verrechnet. 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) kann allerdings keinen Berechnungsfehler des NAM erkennen. Ebensowenig Anke Ehlers vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Sie warnt sogar: eine 10fach höhere Zufuhrempfehlung könnte ernste Konsequenzen für die Verbraucher haben. Eine andauernde Überdosierung, die eine Vitamin-D-Supplementierung von 4.000 i.E. übersteigt, kann Muskelschwäche, Verdauungsstörungen, Nierensteine hervorrufen und  bis zu akutem Nierenversagen führen.

Heute setzen auch viele Labore höhere Zielwerten für Vitamin D ein

Eine wichtige Rolle beim Vitamin-D-Hype spielen auch die medizinischen Labore, die bei Untersuchungen das Blut von Patienten analysieren. Selbst Werte unter 30 ng/ml deklarieren sie als Mangel. Diese Laborberichte sind mit ein Grund dafür, dass sowohl die Messungen des Vitamin-D-Spiegels, als auch die ärztlichen Verschreibungen von Vitamin-D-Präparaten in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind - obwohl die medizinische Grundlage dafür dünn ist.

Fazit: Wer soll Vitamin D einnehmen?

Keinen Zweifel gibt es darüber, dass es Personengruppen gibt, denen Vitamin D als Supplementierung empfohlen werden kann.

  • Dazu gehören ältere Personen, die wenig ans Tageslicht kommen. Mit dem Alter nimmt die Fähigkeit, Vitamin D zu bilden ab.
  • Pflegebedürftige, die keine Möglichkeit haben, nach draußen zu gehen. Ihnen fehlt die Möglichkeit Vitamin D über das Sonnenlicht zu bilden.
  • Auch vollverschleierte Frauen gehören dazu.
Zwei vollverschleierte Frauen sitzen auf einer Bank

Vollverschleierte Frauen, aber auch ältere Menschen und Pflegebedürftige, die keine Möglichkeit haben, nach draußen zu gehen, haben tatsächlich einen Vitamin D Mangel. Sie brauchen Vitamin D Präparate.

Ansonsten gilt für eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung, sich täglich 10 bis 15 Minuten in der Sonne aufzuhalten, am besten mit unbedeckten Unterarmen. Für diese kurze Zeit sollte auch kein UV-Sonnenschutz verwendet werden, weil sonst die Vitamin-D-Bildung blockiert wird.

Trotzdem gibt es auch junge Menschen, die sich Sorgen um ihren Vitamin-D-Spiegel machen. In ihrer Praxis erlebt die Allgemeinmedizinerin Dr. Doris Reinhardt immer wieder, dass Menschen nach Vitamin D verlangen. Manche Patienten klagen über Muskelschmerzen, manche über Müdigkeit. Doch ein Vitamin-D-Mangel ist in den seltensten Fällen die Ursache, weiß Doris Reinhardt. Hat ein Patient Sorge wegen seines Vitamin-D-Spiegels, rät sie zu mehr Aufenthalt im Freien.

Sparziergänger an einem sonnigen Wintertag

Auch im Winter können wir draußen Vitamin D tanken.

Menschen, die meinen, gerade in den Wintermonaten nicht genügend ans Tageslicht zu kommen, empfiehlt sie Vitamin-D-Präparate zu nehmen. Allerdings höchstens 1.000 Einheiten täglich, um eine Gefahr der Überdosierung zu vermeiden.

aus der Sendung vom

Do, 20.9.2018 | 21:00 Uhr

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