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SENDETERMIN Do, 2.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Bienensterben Braucht die Natur ein Preisschild?

Den wahren Wert der Natur spüren wir fatalerweise immer erst dann, wenn es fast zu spät ist. Am Beispiel der Bienen lässt sich das gut beobachten. Ihre kostenlose Bestäubungs-Dienstleistung ist nicht zu ersetzen.

Bienen als Leiharbeiter

Hektarweise blühen die Obstbäume im Markgräflerland. Das Blütenmeer müsste ein Paradies sein für Bienen. Doch hier summt es kaum. Im äußersten Südwesten Baden-Württembergs sind die Bienen weitgehend verschwunden. Deshalb sind die Dienste von Bestäubungsimker Horst Rosewich gefragt beziehungsweise die seiner Bienenvölker. 70 Bienenvölker hat er auf den Obstplantagen verteilt. Die Bauern sind auf die Bestäubungs-Dienstleistungen angewiesen und bezahlen Prämien für den Einsatz der Bienen. Pro Volk und pro Einsatz bekommt Horst Rosewich bis zu 55 Euro. Die summenden Leiharbeiter retten den Obstbauern die Erträge. Wenn sich dann die ersten Fruchtansätze zeigen, ist die Arbeit für Horst Rosewichs Bienenvölker getan. Auf sie wartet eine weite Reise zu neuen Blüten.

Das Bienensterben

Würde der Imker seine Bienenvölker noch länger im Markgräflerland lassen, würden sie verhungern. Agrarwüsten wohin man auch schaut. Die versorgen die Bienen nur für kurze Zeit mit Nahrung, denn die Blühzeiten sind kurz. Bienen bewegen sich in einem Radius von einem Kilometer von ihrem Stock entfernt. Finden sie hier keinen Nektar, sterben sie. An vielen Orten gibt es bereits einen erheblichen Mangel an Bienen. Die Agrarwüsten sind aber nur einer der Gründe für das Bienensterben. Auch der Pestizideinsatz ist mit verantwortlich. Die Landwirte selbst bringen die giftigen Substanzen auf ihre Felder und schädigen damit die Bestäuber. Die gefürchtete Varroamilbe verursacht Krankheiten bei den Bienen. Es ist vor allem die Kombination dieser Gründe, die tödlich ist für die Bienen. Geschwächt durch Nahrungsmangel und den Kontakt mit Pestiziden sind die Bienen anfälliger für Krankheiten. Auch der Bestäubungsimker sorgt sich um seine Bienen: „Wenn ich hier an den Bienenstand komme, ist mein erster Blick: ich schaue am Flugloch ob da tote Bienen liegen oder ob vergiftete Bienen rumkrabbeln.“ Er muss sich auf die Landwirte verlassen, darauf, dass sie nicht während des Bienenflugs spritzen: „Die professionellen Obstbauern wissen, wenn sie etwas Verkehrtes machen und meine Bienen sterben, komme ich nicht mehr.“ Und das wäre fatal für die Obstbauern. Für die fleißigen Bienen von Horst Rosewich geht die Reise weiter ins 200 Kilometer entfernte Oberndorf am Neckar. Hier warten leuchtend gelbe Rapsfelder auf die Bestäubung durch seine Bienen.

Ein Preisschild für die Natur

Der Wegfall der Ökosystemleistungen der Bienen ist nur schwer wieder auszugleichen. Doch ohne ihre Bestäubungs-Leistung sähe es in unseren Supermärkten düster aus.
Ohne Bienen hätte ein Apfelbaum nur 10 Prozent Fruchtertrag. Durch die Bienenaktivität steigt der Ertrag bei Erdbeeren um das Doppelte, beim Raps wird der Ertrag vervierfacht.
90 Prozent aller Pflanzen sind auf die Bestäubungsdienste der Insekten angewiesen. Die Natur stellt der Gesellschaft eine Vielzahl kostenloser Dienstleistungen zur Verfügung – dabei sind die Bienen bei weitem nicht das einzige Beispiel: Sie liefert uns Sauerstoff zum Atmen, sauberes Wasser, Grundstoffe für Medikamente, Industrierohstoffe und vieles mehr. Diese Schätze übersehen wir relativ leicht.
Damit befasst sich Uta Eser, Umweltethikerin aus Tübingen. Sie sieht uns in einem Dilemma. Der Schutz unserer Ökosysteme kollidiert meist mit anderen Interessen: „ Die Naturzerstörung ist ungewolltes Nebenergebnis von anderen Dingen, die wir auch noch wertschätzen. Wir schätzen Mobilität, wir schätzen Komfort, wir schätzen große Wohnungen, wir schätzen billige Lebensmittel, die rund ums Jahr alles an Obst und Gemüse uns liefern, was es überall auf der Welt gibt. Und die Kehrseite von dem ist, dass dabei Natur kaputt geht.“ Der eigene, private Profit steht dann der Naturzerstörung gegenüber. Während man den Profit jedoch in Zahlen bemessen kann, ist das beim Wert der Natur etwas schwierig. Eine Studie des Helmholtz Instituts hat deshalb für kostenlose Dienstleistungen wie die der Bienen eine Art Preisschild berechnet. In Zahlen ausgedrückt, wird der Wert der Bienen erst richtig deutlich: Ein einziges Bienenvolk erwirtschaftet im Jahr einen Umsatz von 1.000 Euro. Honig macht dabei nicht einmal ein Drittel aus. Der Gesamtwert der Arbeit aller Bestäubungsinsekten in Deutschland liegt bei 2,5 Milliarden Euro. Diese Zahlen sollen, so Uta Eser, die Entscheidungsträger der Politik ansprechen. Sie machen den Wert der Natur vergleichbar und sollen dabei helfen Naturschutzprojekte einfacher durchsetzen zu können.
Um die Bienenvölker zu erhalten braucht es Blumenwiesen und Ackerrandstreifen – Pflanzen, die den Bienen durchgehend Nahrung liefern. Und es bedarf einsichtiger Landwirte, die während des Bienenflugs keine Pestizide auf ihre Felder und Plantagen aufbringen. Solange jedoch jeder Quadratmeter bewirtschaftet wird und keine Rücksicht auf die Bestäubungsinsekten genommen wird, wird das Bienensterben weitergehen und es wird in immer mehr Regionen keine Bienen mehr geben.

aus der Sendung vom

Do, 2.7.2015 | 22:00 Uhr

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