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SENDETERMIN Do, 21.6.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Bodenerosion Wenn der Boden sich vom Acker macht

Zwei Prozent Gefälle reichen aus und nackter Boden begibt sich bei Regen auf Wanderschaft. Deutschland verliert so jedes Jahr zirka 50 Millionen Tonnen fruchtbare Erde.

Unbemerkt oder im Rampenlicht

Es ist in der Regel ein schleichender Prozess. Kaum jemand bemerkt es, wenn sich bei einem Wolkenbruch auf einem Acker kleine Bäche bilden, die Erdreich mitreißen und in den nächsten Wassergraben spülen. Wenn die Sonne wieder scheint, kann nur der Fachmann an den Erosionsrillen nachvollziehen, was passiert ist.
Manchmal ist aber auch die gesamte Medienaufmerksamkeit nach einem Erosionsereignis vor Ort. So zum Beispiel 2016 gleich an mehreren Orten in Baden-Württemberg, als nach Starkniederschlägen riesige Wassermassen zusammenliefen, die alles mitrissen, was sich ihnen in den Weg stellte. In Braunsbach im Kreis Hohenlohe türmten sich am nächsten Tag Autos, Häuserteile und vor allem riesige Mengen an Schlamm in die Höhe.

Neben der Beseitigung der enormen Schäden, wurde auch nach Ursachen gesucht. Im Wesentlichen kam man zu dem Schluss, dass Braunsbach Opfer eines außergewöhnlichen Starkregenereignisses geworden war, wie man es bei anhaltender Klimaerwärmung wohl zukünftig häufiger zu erwarten habe. Der Einwand, dass auch die Landwirtschaft eine Mitschuld trägt, wurde vom Bauernverband sofort als „billiger Populismus auf dem Rücken der Flutopfer“ abgebügelt.

Immer das gleiche Szenario

Dabei sind die Zusammenhänge längst bekannt: „Der Acker ist blank, es ist kein Bewuchs drauf. Wir haben ein Starkregenereignis, blanken Boden und Hangneigung und somit ist der Erosion Tür und Tor geöffnet.“ Der Bodenkundler Jörg Schneider fasst nur zusammen, was alle Experten längst wissen, was nicht heißt, dass er der Landwirtschaft alleine die Schuld an solchen Katastrophen gibt. Aber auch die Fachleute der LUBW in Baden-Württemberg, die seit Jahren ein Erosions-Monitoring im Land betreiben, ziehen die gleichen Schlüsse: Agrarflächen, die keinen Bewuchs haben – und das sind gerade in der kalten Jahreszeit sehr viele – sind dem Wetter schutzlos ausgeliefert. Zum Beispiel Maispflanzungen, die erst im Mai, Juni eine Größe erreichen, dass sie den Untergrund bedecken, sind besonders Erosions-anfällig. Auf Flächen in der Ebene ist das alles kein Problem, aber Landschaften wie der Kraichgau, die durch ein sehr hügeliges Gelände geprägt sind, gehören zu den Erosions-Hochrisiko-Gebieten.

Die Kraft der Regentropfen

Die Experten untersuchen deshalb hier landwirtschaftliche Techniken, die helfen sollen, Erosion zu vermeiden. Im Kern wäre die Lösung, den Boden ganzjährig zu bedecken, damit der Regen ihn nicht einfach wegspülen kann. Selbst wenn nur Heu auf dem Boden liegt, verhindert dies effektiv die Erosion. Denn die eigentliche Gefahr geht von den Regentropfen aus, die mit sehr hoher Energie auf den Boden aufprallen und dabei die Erdkrümel in feinste Bestandteile zerschlagen. Diese lösen sich dann im Wasser und bilden einen feinen Schlamm, der die Poren des Bodens verschließt, so dass kein weiteres Wasser einsickern kann.

Suche nach Pflugalternativen

In Erosionsgebieten sollte deshalb das Ziel der Landwirtschaft sein, die Oberfläche der Äcker über das ganze Jahr hindurch mit Pflanzen zu durchwurzeln, die den Boden stabilisieren und bedecken. Dabei ist der Pflug allerdings kontraproduktiv, weil er alle Pflanzen, die den Boden an der Oberfläche stabilisieren, unterackert. Man forscht deshalb schon seit Jahren an pfluglosen Methoden wie zum Beispiel der Direktsaat, bei der man mit hochmodernem Agrargerät, den Boden lediglich aufschlitzt, um den Samen zu platzieren. Der restliche Boden mit seinem wilden Bewuchs wird dabei nicht angerührt und bleibt deshalb Erosions-stabil.

Beim Streifensaat-Verfahren reduziert man dagegen die Bodenbearbeitung auf nur 15 Zentimeter breite Streifen. Für diese Technik benötigt man GPS-gesteuerte Landmaschinen, damit ein halbes Jahr nach der Vorbereitung der schmalen Streifen im Boden, die Saat dort exakt von der Maschine platziert werden kann.

Am beliebtesten bei den Bauern ist allerdings das Mulchverfahren, bei dem zwar die gesamte Oberfläche gelockert wird, aber eben nicht bis in die Tiefe wie beim Pflug. Außerdem bleiben bei dieser Methode viele Pflanzenreste auf der Oberfläche liegen, die ebenfalls den Boden schützen. Vorteil dieser Technik: Es werden keine teuren Landmaschinen benötigt.

Es gibt kein Allheilmittel

Die Experten aus Karlsruhe haben herausgefunden, dass alle drei Methoden sehr geeignet sind, um Erosion zu vermeiden. Allerdings gibt es Probleme mit dem Unkraut, das zwischen der gewünschten Frucht wächst. Aus diesem Grund ist es nach Auffassung der Wissenschaftler bislang noch erforderlich, die Unkrautkonkurrenz mit Agrarchemie abzutöten. Es gibt allerdings auch Bauern, die das anzweifeln und an Methoden ohne Chemie arbeiten. Klar ist aber schon jetzt, dass das pfluglose Wirtschaften viel Erfahrung und Geduld braucht. Trotzdem: Wer im Erosions-Risiko-Gebiet seine Landwirtschaft nicht anpasst, wird mit den Jahren viel Erde verlieren, was letztlich zur Ertragsminderung führt – auch wenn das vielleicht erst die Kinder oder Enkel treffen wird.