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SENDETERMIN Do, 24.1.2019 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Revolutionäre Biotechnologie Seh-Chip schenkt Blinden Augenlicht

Der Tübinger Professor Eberhart Zrenner hat es geschafft, Blinden ihr Augenlicht teilweise zurückzugeben. Sein Netzhaut-Chip hat ihn weltberühmt gemacht. Doch ersetzt der Chip wirklich unser Auge?

Der Anfang seiner Forschung entstand aus Frustration: Immer wieder musste der Professor für Augenheilkunde seinen Patienten die Diagnose übermitteln, dass sie vermutlich blind werden und es dagegen keine Therapie gibt. Damit wollte er sich nicht abfinden und versuchte, als studierter Mediziner und Elektrotechniker eine Lösung zu finden.

Forschungsansatz galt als Spinnerei

1995 wurden für diesen neuen Forschungsansatz die zwei Fachbereiche Biologie und Technologie vereint: Ein kleines Team von Physikern, Ingenieuren und Chirurgen aus Stuttgart und Reutlingen begann daran zu arbeiten, Blinden mit Hilfe eines Implantats wieder das Sehen zu ermöglichen. Viele Jahre wurde Professor Zrenner als Spinner abgetan. Viele können sich nicht vorstellen, dass es jemals eine technische Lösung geben kann. Doch nach vielen Rückschlägen kann der Augenheilkundler heute sagen: "Es funktioniert, der Seh-Chip ist keine Spinnerei!“

Mensch und Maschine werden eine Einheit

Die Aufgaben, die der Mikrochip erfüllen muss, sind hoch komplex und nur durch eine fachübergreifende Forschung möglich. Technik und Natur, Elektronik und Gewebe, Mensch und Maschine müssen zu einer Einheit verschmolzen werden. Es muss eine gemeinsame Fachsprache entwickelt werden, damit die verschiedenen Disziplinen miteinander am selben Objekt arbeiten können.

Ein Mikrochip, der Blinden hinter dem Ohr implantiert wird

Dieser kleine Chip wird Patienten unter die Netzhaut implantiert. Elektrische Impulse werden dann ins Gehirn weitergeleitet.

Seh-Chip leitet Impulse ins Gehirn

Bei einer Augen-OP wird dem Patienten ein drei mal drei Millimeter kleiner Mikrochip - auch Retina-Chip genannt - unter die Netzhaut implantiert. Dieser Mikrochip verfügt über 1.500 Photozellen, die die defekten Photorezeptoren des Auges ersetzen sollen. Die Photozellen auf dem Mikrochip wandeln das Licht in elektrischen Strom um, der dann den Sehnerv reizt und die Impulse in das Gehirn weiterleitet. Der Chip ist über ein dünnes Kabel mit einer Empfangsspule verbunden, die hinter dem Ohr im Knochen implantiert ist. Sie versorgt den Chip mit Strom und wird mit Hilfe eines Magneten von außen wieder aufgeladen.

Fünf Prozent Sehschärfe – ein Meilenstein für Blinde

Was die Patienten mit dem Seh-Chip wahrnehmen, ist keineswegs ein scharfes, farbiges, dreidimensionales und weitläufiges Bild. Es ist lediglich ein kleiner Ausschnitt des normalen Sehfeldes: schwarz-weiß und sehr pixelig. Damit lassen sich Umrisse von Gesichtern, Lichtquellen wie Fenster oder Lampen und größere Objekte erkennen und orten. "Das ist vielleicht fünf Prozent der Sehschärfe, die wir normal haben, aber für jemanden, der blind war, bedeutet das enorm viel“, betont Professor Zrenner.

Ein älterer Mann bei einer Augenärztin

Patienten, die im Alter an einer Makuladegeneration erkranken, kann der Netzhaut--Chip nicht helfen

Nicht für alle Blinden geeignet

Der Netzhaut-Chip kommt am häufigsten bei Menschen mit Retinitis Pigmentosa zum Einsatz, einer Augenkrankheit, bei der die Sehzellen schon in jungen Jahren absterben. Bei ihnen ist der Sehnerv noch intakt, was eine wichtige Voraussetzung für die Funktion des Chips ist. Menschen, die unter dem Grünen Star leiden, kann damit nicht geholfen werden. Und auch für Patienten, die an einer Makuladegeneration leiden oder nach einem Schlaganfall erblinden, gibt es zumindest bislang keine Lösung. Dafür sei das Auge zu komplex, räumt der Tübinger Forscher ein. „Wir haben mit unseren Augen in der gesamten Tierwelt hundert Millionen Jahre hinter uns, und die Evolution hat Zeit gehabt, das zu entwickeln“, sagt Eberhart Zrenner. „In der kurzen Zeit, die uns in einem Forscherleben zur Verfügung steht, glaube ich nicht, dass es jemals gelingen kann.“

Chip-Implantation: Der Eingriff und die Kosten
Der Retina-Chip wurde bisher 46 blinden Patienten implantiert. Die Operation dauert circa sieben Stunden und kostet 100.000-150.000 Euro. Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine bestimmte Zahl an Patienten. Der Chip muss nach einem Jahr wieder entfernt werden, denn nur solange ist er funktionsfähig. Derzeit durchläuft ein 5-Jahres-Chip das Zulassungsverfahren.