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SENDETERMIN Do, 2.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Rückkehr der Natur Biotop Baggersee

Was passiert, wenn man die Natur in Ruhe lässt? Ein Beispiel sind verlassene Baggerseen. Mit etwas Glück kann aus einem künstlichen Feuchtgebiet ein artenreiches, kleines Paradies werden.

Nach 20 Jahren sind die Kiesgruben ausgebeutet

Der See ist eine verlassene Kiesgrube, ein Baggersee wie es ihn zu Tausenden in Europa gibt. Über 200.000 Tonnen Kies und Sand werden alleine in Deutschland gefördert, Jahr für Jahr. Die Bagger reißen tiefe Löcher in die Landschaft. Ist der Grundwasserspiegel hoch, füllt sich die Grube schon beim Ausbaggern mit Wasser, Nassabbau nennen Experten diese Art, Kies zu fördern. Nach 20 Jahren sind die meisten Förderstellen ausgebeutet. Wenn der Mensch es zulässt, bekommt die Natur dann eine zweite Chance.

Tiere besiedeln den See

Die ersten Tiere kommen von ganz alleine an den Baggersee. Amphibien wie Erdkröten oder Grasfrösche sind Spezialisten in der Besiedelung neuer Feuchtgebiete. Solange im See noch keine Fische sind, die es auf Froschlaich und Kaulquappen abgesehen haben, sind die Bedingungen ideal für Frösche und Kröten. Andere Tiere, Wasservögel wie Enten oder Schwäne, entdecken den See aus der Luft. Wenn Vögel von See zu See fliegen, transportieren sie manchmal unbeabsichtigt Fischeier in ihrem Gefieder. So gelangen die ersten Fische in den See - per Luftfracht. Auch ein Hochwasser, das benachbarte Flüsse oder Bäche über die Ufer treten lässt, hilft dabei, dass immer mehr Arten die Kiesgrube erreichen. Sie werden einfach in den noch jungen See gespült.

Wichtige Uferzonen

Ein Mann hält zwei Kröten in seinen Händen.

Ob die Neuankömmlinge dauerhaft im Baggersee heimisch werden, hängt auch davon ab, wie der See einst ausgebaggert wurde. In der idyllischen Kiesgrube im Elsass wurde der Kies nicht überall gleich tief ausgehoben. Es gibt flache Ufer und eine große Zone, die gerade mal einen Meter tief ist. Das Sonnenlicht kann bis auf den Grund vordringen. Viele Pflanzen können dort gedeihen - ein echter Unterwasserdschungel. Diese bewachsenen Flachwasserzonen sind die Kinderstube vieler Fische und Amphibien. Auch der Hecht paart sich hier, Jungfische finden in dieser Zone Verstecke, wo sie vor den großen Räubern sicher sind. Bis in die 1970er Jahre war es eher die Ausnahme, dass Kiesgrubenbetreiber sich darüber Gedanken gemacht haben, ob solche Flachwasserzonen entstehen. Heute bekommen die Unternehmen immer häufiger die Auflage, schon beim Ausbaggern für solche Bereiche zu sorgen.

Baggerseen für Badegäste und Sportangler

Orte, an denen sich Hechte paaren, sind bei uns selten geworden. Flüsse wie der Rhein wurden begradigt. Wo früher Auen waren, sind heute Häuser und Felder. Kiesgruben könnten einen Teil dieser verlorenen Feuchtgebiete ersetzen. Doch in einer dicht besiedelten Gegend wie dem Elsass gibt es kaum einen Baggersee, den nicht die Menschen für andere Zwecke nutzen wollten. Viele Seen sind im Sommer fest in der Hand von Badegästen. Werden es zu viele, trampeln sie den Unterwasserdschungel platt. Auch Sportangler können zu einem Problem für einen Baggersee werden. In manchen Seen setzen sie tonnenweise Karpfen aus und angeln dann gar nicht für die Bratpfanne. Es geht ihnen vielmehr um den Kampf mit den großen und kräftigen Fischen. Nachdem die Karpfen an Land gezogen wurden, werden sie wieder in den See zurückgesetzt. Die Folge: Sie vermehren sich immer weiter. Mit Ködern locken die Angler die Karpfen an, die Nährstoffe aus den Ködern lassen Algen wuchern. Die restlichen Pflanzen werden von den Karpfen weggefressen. Am Ende bleibt ein trüber Karpfenteich. Die vielen Nährstoffe im See wiederum belasten das Grundwasser. Würden sich Badegäste und Angler auf nur einige Seen beschränken, wäre das alles kein Problem. Doch nur wenige Kiesgruben bleiben derzeit vom Menschen unberührt.

Refugium seltener Arten

Der Mensch muss gar nicht viel tun, damit ein artenreicher See entstehen kann. Brechen beispielsweise von den Bäumen am Ufer große Äste ab, lässt man sie am besten einfach im Wasser liegen. Zwischen den Zweigen und Ästen können sich kleine Fische verstecken, wie in einer Flachwasserzone. Auf den Ästen siedeln wirbellose Tiere.
Selbst vom Aussterben bedrohte Tierarten können am Baggersee heimisch werden. Beispielsweise der Flussaal: Im Baggersee können sich die nachtaktiven Tiere groß und fett fressen. Fortpflanzen können sie sich hier aber nicht. Alle europäischen Aale wandern über Bäche und Flüsse bis ins Meer und von da bis an die Küste Mexikos, wo sie sich paaren. Eine lange Reise, auf der viele Aale sterben, zum Beispiel in den Turbinen von Wasserkraftwerken. Ein Baggersee allein wird das Überleben des Aales nicht garantieren. Es gibt aber Tausende Kiesgruben in Europa. Wenn man nur einen Teil davon sich selbst überlässt, kann jede von Ihnen ein Stückchen dazu beitragen. Denn Rest macht die Natur von ganz alleine.

aus der Sendung vom

Do, 2.7.2015 | 22:00 Uhr

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