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SENDETERMIN Do, 16.11.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Biokunststoff Zukunft oder Mogelpackung?

Kunststoffe aus Flachs oder Holz statt Mineralöl, das zur Neige geht. Das klingt verheißungsvoll, doch so umweltfreundlich, wie es scheint, ist sogenannter „Biokunststoff“ nicht.

Neue Forschungsergebnisse

Sie nutzen einen Ausgangsstoff, der sonst nur noch in der Schweinemast Verwendung findet oder verbrannt wird: Forscher der Technischen Universität München experimentieren mit Weizenkleie, die bei der Produktion von Mehl in großen Mengen anfällt. Im Labor wird die Kleie zunächst mit Wasser gemischt und dann mit gentechnisch veränderten Bakterien fermentiert. Sie verstoffwechseln die Kleie zu einfachen Monomerbausteinen. In einem mehrstufigen chemischen Prozess wollen die Chemiker dann daraus den biologisch abbaubaren Bio-Kunststoff Polyhydroxybutyrat (PHB) herstellen – flexibel und leichter formbar als bisher üblich. Grundlagenforschung im Rahmen eines größeren Projektverbundes, der sich „Ressourcenschonende Biotechnologie“ nennt und mit Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz gefördert wird.

Von der Forschung zur Verarbeitung

Der Münchner Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er einen Reststoff als Basis für die Kunststoffproduktion nimmt. Hanf, Flachs, Mais, Kartoffeln – mit nachwachsenden Rohstoffen wird schon seit Jahren experimentiert. Im Institut für Biokunststoff und Bioverbundwerkstoffe der Hochschule Hannover nimmt Biokunststoff bereits zahlreiche Formen an. In einem sogenannten „Extruder“ wird mineralölbasiertes Thermoplast mit Farbstoff und nachwachsenden Rohstoffen gemischt und so Granulat gewonnen. Das wiederum wird in der Spritzgussmaschine in verschiedenste Formen gebracht und anschließend auf seine Materialeigenschaften geprüft. Ganzer Stolz der Hannoveraner: Ein Rennauto mit Teilen aus Biokunststoff, das schon diverse Belastungstests auf dem Nürburgring mit Bravour überstanden hat.

Noch ein Nischenprodukt

Die Einsatzmöglichkeiten von Biokunststoffen sind breit, Rennauto-Teile nur ein besonders publikumswirksamer Hingucker, der deutlich machen soll: Biokunststoffe sind genauso belastbar wie herkömmliche. Vereinzelt gibt es bereits Plastikflaschen, Verpackungen und Büromaterial aus nachwachsenden Rohstoffen. Auch am Bau und in Textilien finden die neuen Kunststoffe Anwendung. Doch gemessen an den weltweiten Produktionskapazitäten machen sie weniger als ein Prozent der Kunststoffproduktion aus: 4,16 Millionen Tonnen bei einer weltweiten Produktion von etwa 500 Millionen Tonnen im Jahr.

Zweifelhafte Ökobilanz

Umweltschützer sind ohnehin skeptisch: Kunststoffe auf Basis von nachwachsenden Ressourcen haben keine bessere Ökobilanz als herkömmliche Kunststoffe. Denn um sie zu gewinnen, müssen Pflanzen auf zusätzlichen Flächen angebaut werden, das bedeutet erhöhten Flächenverbrauch. Dazu Düngung, Pflanzenschutzmittel und Wasserverbrauch. Die Deutsche Umwelthilfe warnt vor der Versauerung der Böden, Eutrophierung der Gewässer und einem Verlust an Artenvielfalt – denn dass Pflanzen für die Produktion von Biokunststoffen im ökologischen Landbau gewonnen werden, ist wenig wahrscheinlich. Auch das Umweltbundesamt steht biobasierten Kunststoffen aus diesen Gründen kritisch gegenüber.

Ganz abgesehen davon, dass nicht definiert ist, ab welchem Anteil an nachwachsenden Rohstoffen von „Biokunststoff“ gesprochen werden darf. Bei mancher als „plant bottle“ (Pflanzenflasche) beworbener Plastikflasche sind es gerade mal 14 Prozent.

Recycling ungelöst

Damit nicht genug, gibt es bislang keine eigenen Recyclingkreisläufe für Biokunststoffe – dazu ist die Menge zu gering. Eines ist sicher: In den Bioabfall gehören sie nicht. Biologisch abbaubare Mülltüten sind mittlerweile Biokompostierungsanlagen im ganzen Land ein Dorn im Auge und werden – wie Mülltüten auf Mineralölbasis – aussortiert und verbrannt. Das liegt zum einen daran, dass sie in der Biokompostierungsanlage kaum von herkömmlichen zu unterscheiden sind. Und zum anderen daran, dass sie zwölf Wochen brauchen, um zu verrotten. So lange braucht der eigentliche Biomüll nicht. Plastikschnipsel im Kompost aber mindern die Qualität. Weshalb es den Anlagenbetreibern deutlich lieber ist, wenn der Biomüll in Papiertüten oder Zeitungspapier angeliefert wird.

Das Umweltbundesamt fürchtet zudem, dass Verbraucher auf die Idee kommen könnten, Bioplastik-Tüten einfach fallen zu lassen – weil „biologisch abbaubar“ zur Sorglosigkeit einlade. Und dann im nächsten Zug auch gleich herkömmliche Plastiktüten so „entsorgt“ würden. Umweltfreundlich, so das Umweltbundesamt, sei dagegen Kreislaufwirtschaft – und Müllvermeidung als oberstes Prinzip.