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SENDETERMIN Do, 23.5.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Arteriogenese Bio-Bypass fürs Herz

Eine neue Methode gegen Arterienverstopfung setzt auf die Selbstheilungskräfte des Herzens. Durch körperliche Aktivität reifen kleine Arterien heran, so dass das Blut einen neuen Weg nehmen kann. Mediziner nennen dies Arteriogenese oder natürlichen Bypass.

Selbstheilungskräfte des Herzens

Am Herzen sind sämtliche Arterien von kleinen Vorläufer-„Mini“-Arterien umgeben. Diese schlummern so lange, bis durch verstopfte Nachbargefäße Druck durch den Blutfluss auf die Zellwände ausgelöst wird. Das ist der Startschuss für eine molekulare Reaktionskette. Es werden neue Fließwege für das Blut aktiviert.

Darstellung eines menschlichen Herzens, bei dem eine Arterie verstopft ist

Droht die Verstopfung eines Herzkranzgefäßes, kann sich der Körper selbst helfen.

Die Mechanismen des Kollateralwachstums werden seit knapp 20 Jahren erforscht. Ziel ist es, neue Therapien für die Gefäßmedizin zu ermöglichen. „Stellen Sie sich vor, eine Autobahn nach Köln ist verschlossen. Sie fahren mit Ihrem Auto, sind im Stress. Sie nutzen eine kleine Landstraße als Ausweg und folgen dem Weg des geringsten Widerstandes.“ So beschreibt der Gefäßspezialist Dr. Ivo Buschmann die Ausbildung der natürlichen Bypässe. „Bei weiter bestehendem Stau wird die Landstraße weiter ausgebaut und die Autofahrer kommen wieder besser am Ziel an.“

Die Herzhose regt das Wachstum der Kollaterale an

Dr. Ivo Buschmann gehört zu den Pionieren dieser Wissenschaft und ist einer der Wenigen, der dieses Phänomen für die Herzmedizin nutzt. Dafür hat er ein mechanisches Gerät entwickelt, das die schlummernden Herzkranzgefäße zum Wachsen bringt: Eine Herzhose.

Eine erste Patienten-Studie mit dem Gerät zeigt, dass die Stimulation im individuellen Pulsrhythmus zum Wachstum neuer Arterien anregt. Einer der Probanden, Holger Schulze, sollte wegen verstopfter Herzkranzgefäße zwei Stents bekommen. Das war nach der Behandlung mit der Herzhose nicht mehr nötig.

Sport erhöht den Druck auf Gefäßwände

Die Therapie mit der Herzhose bewirkt das selbe, was Sport bewirkt. Der Druck auf die Gefäßwände nimmt zu, weil das Herz schneller schlägt. Kollaterale können dann schneller wachsen. Für Herzpatienten besonders willkommen, denn gerade sie tun sich mit Sport meist schwer: „Viele Herzpatienten fangen an zu trainieren und merken, dass sie weiterhin Luftnot haben. Die Herzhose ist sicherlich insofern vorteilhaft, weil sie einen Patienten ganz langsam antrainieren können“, sagt Dr. Ivo Buschmann.

Detailaiufnahme der Herzhose mit Manschetten und Druckluftschläuchen

Schweißtreibend: Die Herzhose setzt das Herzkreislaufsystem impulsartig unter Druck.

Gerade Sport ist eine wichtige Chance für Herz-Patienten. So können sie ihre Gesundheit eigenständig unterstützen. Für eine Studie mit 100 Betroffenen wurde die eine Hälfte mit Stents behandelt. Die andere Hälfte hat Sport gemacht. Das Ergebnis nach einem Jahr: 70 Prozent der Stent-Gruppe hatte wieder Probleme, während fast alle Sportler beschwerdefrei blieben. So viel Sport muss es jedoch gar nicht sein: Bewegungsforscher werteten Gesundheitsdaten von über 400.000 Menschen aus. Das Ergebnis: Wer sich jeden Tag 15 Minuten lang körperlich betätigt, verringert sein Herzinfarkt-Risiko um 20 Prozent.

Biologie des Kollateralwachstums

Sport und Herzhose können das Kollateralwachstum fördern. Doch was bringt den Prozess in Gang? Was passiert auf der Ebene der Zellen? Das erforscht die Biologin Dr. Elisabeth Deindl an Gefäßwänden, bei denen natürliches Kollateralwachstum ausgelöst wurde. Ihr Ziel ist es unter anderem, die Prozesse zu beschleunigen. Sie möchte ein Medikament entwickeln, das die Gefäß-Zellen zum Wachsen bringt. Damit könnte die Entstehung der Kollaterale in Verbindung mit gezieltem Herzsport oder der Therapie mit der Herzhose unterstützt werden. „Unsere Vision ist es, damit die Operation zu vermeiden“, sagt die Biologin vom Walter-Brendel-Zentrum in München.


aus der Sendung vom

Do, 23.5.2013 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.