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SENDETERMIN Do, 3.4.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Das SWR-Odysso Experiment Autofrei leben

Was macht es eigentlich so schwer auf das Auto zu verzichten? odysso geht der Frage ganz praktisch nach. Eine fünfköpfige Familie aus dem Raum Karlsruhe wagt das Abenteuer: Eine Woche ohne Auto!

So lief es ab:

SWR-Odysso hat nach einer Familie gesucht, die nahezu alle Wege mit dem Auto macht. Unsere Bedingungen: Das Auto bleibt stehen, komme was wolle.

Zur Sicherheit kontrollieren wir den Kilometerstand. Der Test dauert zwei Wochen. In der ersten Woche protokollieren die Eltern alle Strecken und Zeiten mit ihren Autos. Zusätzlich läuft eine App auf dem Smartphone, die alle Wege aufzeichnet - in der folgenden Woche genau das gleiche, nur eben ohne Auto. Am Ende vergleichen wir Strecke und Zeit, die Kosten, den CO2-Ausstoß und schätzen den Gesundheitseffekt. Familie W. aus Karlsruhe Durlach hat sich zur Verfügung gestellt. Viele Fragen sind im Vorfeld entstanden. Wie komme ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B? Wie schlimm wird der Muskelkater mit dem Fahrrad? Und: werden es alle durchhalten?

Die Ausgangssituation

Michael W. fährt wöchentlich rund 400 Kilometer - nur zur Arbeit. Fahrzeit insgesamt fünf Stunden 50 Minuten. Wenn er auf der A5 mal wieder im Stau steht, träumt er vom gemütlichen S-Bahnfahren mit Kaffee und Zeitung. Doch die Verbindungen, glaubt er, sind denkbar schlecht. Wie schlecht oder gut sie wirklich sind, das will er in der kommenden Woche herausbekommen. Mutter Diana W. bringt ihre Tochter Marie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit in die Schule - natürlich im Auto. 270 Kilometer ist sie in der Normalwoche mit dem Auto gefahren, 9 Stunden 41 Minuten hat das gedauert. Ein bisschen aufgeregt ist sie, weil sie nicht weiß, wie viel Zeit sie morgens mehr einplanen muss für Straßenbahn oder Fahrrad. Nick und Vivian, die beiden Teenager, machen fast alle Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad. Ihre Bilanz wird sich also in den beiden Wochen nicht unterscheiden. Wir konzentrieren uns daher auf die Eltern.

Die autofreie Woche

An einem kalten Dienstagmorgen im Februar geht es los. Um 8:10 Uhr verlassen Mutter Diana und Tochter Marie das Haus und gehen zur Schule. Das geht noch gut zu Fuß, denn die ist nur 200 Meter entfernt. Gleich daneben ist die Haltestelle der Straßenbahn, bequemer geht’s nicht. Diana ist zudem bestens ausgestattet, die App der Karlsruher Verkehrsbetriebe kennt sie auch schon. In Karlsruhe wird viel gebaut, dennoch muss sie nur einmal umsteigen. Ihre anfängliche Verwirrung legt sich schnell, die Erstbegegnung mit dem öffentlichen Nahverkehr verläuft überraschend gut. Am Ende hat sie mit Fußweg 45 Minuten gebraucht. Mit dem Auto benötigt sie sonst rund 15 Minuten weniger. Ganz anders läuft es bei Vater Michael.

Portrait von Michael Wenzel auf dem Weg zur Arbeit

Mit Bus und Bahn zur Arbeit.

Er ist Schichtarbeiter. In dieser Woche muss er erst um 14:00 Uhr anfangen. Zwischen 75 und 120 Minuten dauert der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln inklusive zweimal Umsteigen. Zur Frühschicht gibt es gar keine Verbindung. Für ihn steht schon bald fest, diesen Test hält er nicht durch. Die S-Bahn-Verbindung zwischen Rastatt und Durlach ist noch ganz komfortabel, doch in Rastatt fährt der Bus vom Bahnhof zum Werk viel zu selten. Immerhin genießt er die S-Bahn-Fahrt.

Und sie läuft und läuft und läuft

Doch Diana ist fest entschlossen, den Test durchzuhalten. Nach den üblichen Startschwierigkeiten einer Gelegenheits-Fahrradfahrerin (Platten! Wo hatte ich noch die Pumpe?) entdeckt sie den "Drahtesel" neu. Und sie geht zu Fuß, einmal sogar von der Arbeit nach Hause. Das dauert überraschenderweise auch nur eine Stunde und sieben Minuten. "Als ich dann hier angekommen bin, hab ich mich gefreut dass ich’s geschafft hab." Diana ist in der autofreien Woche insgesamt 247 Minuten gelaufen. Wenn sie das auch in Zukunft durchhält, kann sie sich auf ein langes Leben freuen, denn in einer neueren Studie wurde errechnet, dass man seine statistische Lebenserwartung schon durch 150 Minuten wöchentliches, strammes Zufußgehen um gut 4 Jahre verlängern kann. Sportliche Betätigung, "das ist das was ich absolut positiv finde und hoffe, dass man das fortführt, dass man nicht bei jeder Gelegenheit das Auto nimmt, sondern das Fahrrad". Auch die kleine Marie war begeistert von der autofreien Woche: "Fahrradfahren und Laufen ist mal was ganz anderes gewesen und das fand ich eigentlich ganz toll."

Michael W. hat wie erwartet abgebrochen, eine Wochenbilanz lohnt sich also nur für Diana. Der markanteste Unterschied: die Klimagase: 55,3 Kilogramm hat sie in der Autowoche produziert. In der autofreien Woche waren es nur knapp zwei Kilo. Dass Autos mehr fossiles CO2 pro Personenkilometer verbrauchen ist klar, doch dass der Unterscheid so deutlich ausfällt, hat alle überrascht.

Balkendiagramm Klimagase

Klimagase CO2e (kg)

Balkendiagramm Kosten

Kosten (€)

Berechnet wurden hier CO2, sowie CO2-Äquivalente, also andere schädliche Klimagase wie z.B. Methan - zusammengefasst als CO2e (e für englisch "equivalent"). Bei der Errechnung haben wir die zurückgelegten Kilometer, die die App "Moves" aufgezeichnet hat, zunächst einer Plausibilitätskontrolle unterzogen. Dann haben wir die Kilometer nach Verkehrsmittel, also Straßenbahn, S-Bahn, Auto allein, Auto zu zweit usw. sortiert. Die so entstandenen Personenkilometer haben wir mit einem CO2e-Durchschnittswert für das spezifische Verkehrsmittel für Deutschland (Stand 2011) multipliziert. Dabei gehen auch die sogenannten "grauen Kosten" in die Bilanz ein, also die Klima-Kosten für den Erhalt der Schienen und Straßen oder für die Produktion von Triebwagen, Zügen, Bussen, Autos usw. Bei diesen Werten haben wir uns auf eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes (siehe Links) gestützt. Darüber hinaus hat uns vor allem der Verfasser der Studie, Moritz Mottschall vom Öko-Institut Freiburg, wichtige weitere Zahlen zur Verfügung gestellt.

Dauer und Strecke

Erklärungsbedürftig sind Dauer und Strecke: So war Diana in beiden Wochen rund 11 Stunden unterwegs und das obwohl Straßenbahnfahren etwas länger dauert. Der Grund: Diana hat in der Woche mit Auto 275 Kilometer zurückgelegt, ohne Auto aber nur 133 Kilometer.

Balkendiagramm Zeitersparnis

Zeit

Balkendiagramm Strecke

Strecke (km)

Das ist überraschend und verlangt nach einer Erklärung: "Weil die Hemmschwelle viel niedriger ist, man denkt nicht nach, man weiß, das Auto steht unten, man hüpft g’schwind rein, auch wenn’s nicht notwendig wäre." Man macht also mehr Wege mit dem Auto, weil es so bequem ist. Auf Nachfrage kam aber auch heraus, dass einige Fahrten wie Arztbesuche oder Großeinkauf einfach verschoben oder von anderen erledigt wurden. Das zeigt natürlich, dass dieser Test nicht repräsentativ ist: Nur eine Versuchsperson in nur einer Woche, das kann nur ein Stimmungsbild ergeben.

Klar auf der Hand liegt der Kostenvorteil ohne Auto: 140 zu 32 Euro. Diana fährt ein kleines Fahrzeug, das in der ADAC-Kostentabelle mit 51,70 Cent pro Kilometer angegeben ist.