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SENDETERMIN Fr, 26.10.2012 | 0:15 Uhr | SWR Fernsehen

Ausweg Vollsortierung Nur noch eine Tonne?

Goldgrube Müll - Der SWR Odysso Recycling-Check

Wer hat sich nicht schon dabei erwischt, alles in eine Tonne zu stopfen. Wenn’s schnell gehen muss, man nicht die Zeit hat, jedes Plastiksichtfenster aus Briefumschlägen rauszureißen, für’s kaputte Küchenradio den Weg zum Wertstoffhof zu machen oder den Gartenmüll auf den Kompost zu bringen. Zack, alles in eine Tonne! Wie soll man diesen "Mix" je wieder auseinander bekommen und dabei auch noch wieder verwertbare Rohstoffe herausholen? In Trier hat man im Jahr 2010 die Probe aufs Exempel gemacht...mit einem erstaunlichen Ergebnis!

Maschinelle Vollsortierung – Ein Ausweg?

Schluss mit der Mülltrennung: Plastik, Biomüll, Metalle – alles wird zusammen gekippt. Mal ehrlich, davon träumen doch viele. Eine Tonne für alles – für uns Bürger wäre das super bequem, aber was ist mit dem Recycling? In Trier behauptet man: Kein Problem, wir bekommen den Müll wieder getrennt. Und weil es relativ einfach ist, Metalle aus dem Müll zu holen, nicht aber Kunststoffe, konzentrierte sich der Trierer Modellversuch genau darauf. SWR Odysso-Reporterin Lena Ganschow hat sich diese Technik genauer angesehen.

Experten-Statement

Auf dem Recyclinghof der Abfallwirtschaft Trier trifft sie Prof. Thomas Pretz von der RWTH Aachen (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule) und Geschäftsführer Dr. Max Monzel. Die beiden Fachleute haben hier gemeinsam einen Versuch durchgeführt und sagen: Ihre Sortiermaschine trennt Kunststoffe um 50% besser als die Bürger von Hand. Lena Ganschow hakt nach: Die lästige Mülltrennung zuhause ist also total überflüssig, einfach alles in eine Tonne und eine moderne Sortieranlage trennt den Müll wieder? "Ja," sagt Max Monzel und bekräftigt, dass das technisch machbar ist, und er es mit Hilfe der RWTH auch wissenschaftlich belegen kann.

Die Anlage läuft nicht mehr– warum?

Lagerhalle mit Stauräumen, Stegen und Laufbändern

Ausgeträumt: Die vollautomatische Sortieranlage in Trier steht seit Versuchsende still.

Klingt gut, doch als die Wissenschaftsreporterin die Halle mit der Sortieranlage betritt, erlebt sie eine Überraschung: Die Anlage ist außer Betrieb. Prof. Thomas Pretz vom Institut für Aufbereitung und Recycling erklärt, dass man technisch hoch zufrieden mit dem Ergebnis sei, das ganze aber erst einmal ein Versuch war. "Und jetzt haben wir das Ergebnis der Politik übergeben, zur weiteren Entscheidung", ergänzt der Recycling-Fachmann. Und genau da liegt jetzt das Problem, erfährt Lena Ganschow von Geschäftsführer Max Monzel: "In der Politik haben wir für unser Konzept geworben. Aber wir mussten feststellen, dass es einfach in der politischen Landschaft so nicht gewünscht ist."

Konkret heißt das: Die ganze Müllwirtschaft in Deutschland basiert auf der Trennung im Haushalt. Ein System, vor über zwei Jahrzehnten aufgebaut, mit teuren Müllverbrennungsanlagen, die sich erst einmal rechnen müssen. Klar, dass da auch handfeste finanzielle Interessen der privaten Müllentsorger-Lobby im Spiel sind. Da passt die maschinelle Vollsortierung einfach nicht rein – Blockade-Politik?

Technik von der Stange

Lagerhalle mir Laufband voller unterschieedlichem Müll

Nur noch Erinnerung: Volle Laufbänder als die Anlage im Versuchsbetrieb auf Hochtouren lief.

Dabei scheint die Idee richtig gut, und die Versuchs-Ergebnisse sind es auch. 2009 startet der Trierer Versuch. Der ganze Hausmüll kommt ein Jahr lang auf einen großen Haufen: Restmüll, Biomüll und gelber Sack - alles eins, insgesamt 10.000 Tonnen – nur Papier wird extra gesammelt. Damit der Müllmix wieder getrennt werden kann, muss man ihn trocknen. In Trier nutzt man dazu Bakterien. Die Mikroorganismen müssen nicht extra zugegeben werden, weil sie schon drin sind, und zwar im Biomüll, der ja in diesem Abfall auch enthalten ist. Nach dem Trocknen kann die Sortieranlage dann den Müll problemlos wieder trennen.

Kleine geschredderte Müllteile auf LAufband

Nun leicht sortierbar: Der Müll wurde mit Hilfe von Bakterien aus dem Biomüll getrocknet.

Das schafft nur teure Spezialtechnik, die extra entwickelt werden muss, möchte man meinen. Doch Lena Ganschow erfährt von Max Monzel, dass es sich um Anlagentechnik von der Stange handelt: "Der Clou lieg darin," so der Müll-Profi, "die einzelnen Komponenten so zu kombinieren, dass die Rohstoffe auch von der Qualität sind wie sie sie haben wollen." Mit Hilfe von Infrarotscannern und Druckluftkanonen hat es die Trierer Modellanlage geschafft, Kunststoffe mit 99% Sortenreinheit zu trennen. Diese Qualität wird bei einer Trennung im Haushalt nie erreicht werden, betont Monzel. Außerdem sei die mengenmäßige Ausbeute sogar um 50% höher als bei der Trennung von Hand.

Stinkt die Sache?

SWR Odysso-Reporterin Lena Ganschow steht mit Recycling-Experten in einer Lagerbox voller Plastikmüll

Keine Geruchsbelastung bei Recyclingkunststoff: Plastikabfälle lassen sich gut reinigen.

Menge und Qualität der aussortierten Kunststoffe sind gut, aber beim Kunsttstoff-Recycling es gibt einen Haken. Kritiker sagen, aus Müll recycelte Kunststoffe stinken, weil sie zum Beispiel mit Essensresten verdreckt sind. SWR Odysso-Reporterin Lena Ganschow will von Prof. Thomas Pretz wissen, ob dieser Nachteil zu beheben ist. "Ja," sagt der Wissenschaftler und erklärt auch gleich wie. Das Problem seien verschmutzte dünne Folien. Die bekäme man einfach nicht so gereinigt, dass sie geruchsneutral wären. Dickwandige Kunststoffe zu reinigen sei dagegen leicht, so Pretz, und er schlägt deshalb vor: "Wir sortieren die festen Kunststoffe aus und bringen möglichst wenig Folien in das Gemisch rein. Dann ist das Problem gelöst." Damit geht dann allerdings auch die Recyclingquote etwas zurück. Trotzdem bleibt die maschinelle Vollsortierung aber immer noch eine ernsthafte Alternative.

Nichts für Deutschland?

Bessere Qualität und höhere Ausbeute beim Kunststoff-Recycling, als bei der Mülltrennung im Haushalt – dennoch wird das Trierer System in Deutschland vermutlich keine Chance haben. Max Monzel erklärt Reporterin Lena Ganschow, warum das seiner Meinung nach so ist. Seit der Gründung des Dualen Systems vor 25 Jahren habe man ganz auf die Trennung im Haushalt gesetzt und gesagt: Der Bürger soll trennen. Und Monzel wird noch etwas deutlicher: "Man ist so begeistert von diesem Konzept, auch im politischen Raum, auch beim Gesetzgeber, dass man sich schon gar nicht mehr vorstellen kann, dass es vielleicht auch noch anders ginge."

Eine gewisse Resignation ist unüberhörbar, dennoch bleiben die Macher des Trierer Modellversuchs verhalten optimistisch. In Deutschland allerdings bleibt erst einmal alles beim Alten. Schlimmer noch: Geht es nach dem Willen von Politik und Abfallwirtschaft, müssen wir in Zukunft sogar mit einer zusätzlichen Tonne rechnen, der Wertstofftonne. Was das heißt? Noch mehr Trennung im Haushalt!

Die maschinelle Vollsortierung ist wohl nur etwas für Länder, die beim Recycling noch flexibel sind. Schade eigentlich!