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SENDETERMIN Do, 29.9.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Atomwaffen Wachsende Gefahr

180 Atombomben haben die USA in Europa stationiert, auch in Deutschland. Abrüstung Fehlanzeige. Im Gegenteil. Die Bomben werden modernisiert. So wächst auch die Gefahr eines Atomkriegs.

Wird er nun, oder wird er nicht? Das fragt die „New York Times“ Anfang September 2016. In Amerika tobt eine Diskussion, ob der scheidende Präsident Obama zu den Wurzeln seiner Idee einer atomwaffenfreien Welt zurückkehren wird.

Er wird wohl nicht. Die Abkehr von der Drohung, seine Atomwaffen nach einem feindlichen Atomschlag zu völligen Vernichtung des Angreifers einzusetzen, wäre wohl im Amerika des Wahlkampfes 2016 nicht zu vermitteln. Mit dieser Abschreckung habe man doch immerhin den Kalten Krieg gewonnen. Doch es bleibt die Frage: was tun mit dem vorhandenen Kernwaffenpotential. Braucht Amerika wirklich noch immer gewaltige Silo-gestützte Interkontinentalraketen, deren Modernisierung zudem viele Milliarden Dollar in den nächsten Jahren kosten werden?

Er will gar keine Atomwaffen

Wolfgang Schlupp-Hauck war schon bei den Protesten in Mutlangen gegen die Pershing II-Raketen in den 80er Jahren dabei. Unser Mut wird langen – nicht nur in Mutlangen war damals das Motto der Friedensbewegten im Westen. 30 Jahre später harren sie immer noch dort aus, wo Atomwaffen in Deutschland stationiert sind: vor der Luftwaffenbasis Büchel in der Eifel.

Gerade im August, wenn sich der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima jährt, beten und protestieren sie hier für eine atomwaffenfreie Welt. Wolfgang Schlupp-Hauck: „Das wissen viele gar nicht, dass hier in Büchel immer noch 20 Atomwaffen in Deutschland lagern. Die denken alle, dass die Demonstrationen in den 1980er Jahren dazu geführt haben, dass wir in Deutschland keine Atomwaffen mehr haben.“

Nukleare Teilhabe

In Büchel hält die NATO zwanzig taktische Atomwaffen einsatzbereit. Bomben, die im Zuge der „nuklearen Teilhabe“ im Kriegsfall von Bundeswehrpiloten ins Zielgebiet geflogen werden. Bald sollen sie durch neuartige B61-12 Bomben ersetzt werden. Erste Tests fanden in den USA bereits statt. Die neuen kompakten Wasserstoff-Bomben sind erheblich zielgenauer und so in der Lage, Kommandobunker im Zielgebiet auszuschalten. Derzeit laufen in den USA, aber auch in China und in Russland umfangreiche Modernisierungsprogramme der vorhandenen Nuklearwaffen und Trägersysteme.

Neuer Rüstungswettlauf?

Klaus Naumann hat wenig Zeit in diesen Tagen. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr war bis 1999 Chef des NATO-Militärausschusses. Heute ist er ein gefragter Experte für das Verhältnis von NATO in Russland. Wir treffen ihn am Rande eines Vortrages im Münchener Hotel „Bayerischer Hof“, dem Ort der jährlichen Sicherheitskonferenz. Er hatte Ende der 1990er Jahr die Abkommen mit Russland ausgehandelt. Klaus Naumann: „Ich bin schon enttäuscht, denn wir hatten die große Hoffnung, dass wir Russland als Partner gewinnen könnten für eine übergreifende Sicherheitsordnung in Europa. Wir alle wissen, dass wir Sicherheit und Stabilität in Europa nicht gegen Russland erreichen können, sondern, dass wir dafür Russland als Partner brauchen. Diese Partnerschaft hat Russland 2014 auf der Krim zerstört, indem es zum ersten Mal seit dem Ende des 2. Weltkrieges mit militärischer Gewalt fremdes Territorium besetzt hat, ein Territorium, dessen Unversehrtheit Russland 1994 selbst garantiert hatte, im Gegenzug für die Abgabe der ukrainischen Atomwaffen.“

Fakt ist: der Gesprächsfaden in Sachen nuklearer Abrüstung ist seit dem Abschluss des START/neu Vertrages 2011 zwischen Russland und den USA abgerissen. Die Atmosphäre ist von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Obwohl beide auf U-Booten und an Land jeweils über 1.700 nukleare Sprengköpfe startbereit halten. Hinzukommen die etwa 2.000 taktischen Atomwaffen, die auf russischer Seite modernisiert und neu entwickelt werden. Die russische Militärdoktrin legt deren Einsatzszenario fest. Mit dem Ersteinsatz solcher taktischer Atomwaffen soll nämlich auch eine befürchtete NATO-Invasion gestoppt werden.

Abrüstung am Ende?

Aber auch die NATO zeigt Stärke. Zusätzliche Kampftruppen werden im Baltikum stationiert. In diesem aufgeheizten Klima kommt es über der Ostsee immer häufiger zu gefährlichen Begegnungen zwischen russischen Flugzeugen und NATO Schiffen. Für den Abrüstungsexperten Prof. Götz Neuneck ist das ein Ausdruck gefährlicher Ignoranz nuklearen Säbelrasselns: Russland spielt tatsächlich mit seinen Nuklearwaffen in dieser Region. Es wäre extrem sinnvoll, wenn beide Seiten hier zu Übereinkommen kommen würden, bloß dazu muss man sich verstehen. Dazu muss man überhaupt an einem Tisch sitzen. Und Vorschläge machen. Und diese Vorschläge gibt es weder von NATO Seite noch von der Seite Russlands.

Nuklearer Cyberwar

Dabei wächst die Gefahr noch aus einem anderen Grund. Und zwar durch die Einbindung der Nuklearwaffen in die digitalen Kommunikationsstrukturen. Kaum etwas fürchtet man mehr als Cyberattacken auf Atomwaffen. Unautorisierte Abschussbefehle durch Hacker könnten einen Krieg auslösen. Eigentlich müssten die Nuklearmächte also auch über Cybersecurity verhandeln.
Prof. Götz Neuneck: „Solche Abkommen könnte man aushandeln. Das ist nicht einfach, weil man in einer Art und Weise Informationen auf den Tisch legen muss, was man ungern tut. Das wäre auch extrem sinnvoll und nützlich, aber noch mal, wenn man gar keine Abrüstungsverhandlung führt, wie im Augenblick, wie soll man dann über Cybersecurity verhandeln.“

Neue Friedensbewegung

Die Protestierer vor der Luftwaffenbasis in Büchel wollen gerade hinsichtlich der Bundestagswahl 2017 das Schweigen durchbrechen. Sie haben die Hoffnung auf eine atomwaffenfreie Welt nicht aufgegeben.

Die Öffentlichkeit soll begreifen, wie brandgefährlich die Situation ist. Wolfgang Schlupp-Hauck: „Für mich als Aktivisten heißt das, wir müssen wieder stärker auf die Straße und an die Orte, dort wo die Atomwaffen stehen, und unseren Protest zum Ausdruck bringen.“