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SENDETERMIN Do, 11.9.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Arzt-Patienten-Kommunikation Heilung braucht Geduld

"Abwartendes Offenhalten" bedeutet, dass ein Arzt zunächst auf weitere Diagnostik verzichtet und auf die Selbstheilungskräfte des Patienten vertraut. Doch in einer technikfixierten Medizinkultur sind immer weniger Ärzte und Patienten bereit, dieses Risiko einzugehen.

Portrait von Sascha B.

Abwartendes Offenhalten

Ein Sportler auf dem Weg zur Nachuntersuchung. Vor einigen Wochen hatte sich der 30-jährige Amatuerfußballer Sascha B. das Knie verdreht. Er hatte sofort Schmerzen, eine Schwellung kam; gleich machte einen Nottermin bei seinem Hausarzt.

Der lehrt neben seiner Arbeit in der Praxis noch an Marburger Universität Allgemeinmedizin. Prof. Norbert Donner-Banzhoff ist fasziniert von Heilungsverläufen, die ohne Medikation oder OP gut enden. "Abwartendes Offenhalten" ist ein medizinischer Fachbegriff: Er bedeutet, dass ein Arzt zunächst auf weitere Diagnostik verzichtet und auf die Selbstheilungskräfte des Patienten vertraut. Bei Sascha B. hat er genau das getan. Donner-Banzhoff stellte zwar einen Flüssigkeitserguss im Kniegelenk fest, jedoch: "Vom Unfallhergang her, vom Befund her, hatte ich keinen Hinweis darauf, dass ein Teil des Kniegelenks ernsthaft zerstört wäre, dass da ein ernsthafter Schaden war." Hier, so der Allgemeinmediziner, konnte er ausreichend sicher sein, dass "wir durch zuwarten weiterkommen."

Unsicherheit aushalten können

Sein Vorschlag an Sascha B.: "Jetzt machen einen Verband und warten ein paar Tage." Sein Patient steckte diesen Vorschlag erstaunlich gut weg: "Ich habe da volles Vertrauen", sagt Sascha B., der schon seit vielen Jahren in die Praxis des Uniprofessors kommt, "wir wussten, dass wir da erst mal warten und wir lassen das erst mal so."

Kein MRT, oder wenigstens Röntgen - nur einfach mal abwarten? Welcher Patient - vor allem wenn er Sportler ist - lässt sich heutzutage auf so was ein? Üblich wäre in so einem Fall wohl eher das volle Diagnoseprogramm. Das war hier aber nicht nötig, auch dank des Vertrauens zwischen Arzt und Patient: Das hilft, auch mal eine kurze Phase der Unsicherheit auszuhalten.

Bei der Nachuntersuchung ist Sascha B. zufrieden: "Es war das eine gute Entscheidung so", bilanziert er: Es sei von alleine gut geheilt, die Beschwerden sind verschwunden.

Diagnostik mit Konsequenzen

Prof. Donner-Banzhoff ist kein Verächter der medizintechnischen Möglichkeiten: Ohne baldige Besserung hätte auch er schnell eine weitere Abklärung veranlasst.

Knieuntersuchung

Gutes Ergebnis ohne Behandlung

Aber er weiß, das kann für den Patienten eben auch Folgen haben "vielleicht sogar eine Kniespiegelung, möglicherweise ein Zufallsbefund, möglicherweise operativer Eingriff." Diese Kaskade habe er als Hausarzt natürlich vor Augen. Er wisse, wie verantwortungsvoll diese Entscheidung ist, "ob ich jetzt den Patienten zu einer solchen weiteren Abklärung schicke oder nicht."

Der Weg von aufwändiger Diagnose zum Eingriff kann schon zum Selbstläufer werden. Norbert Donner-Banzhoff spürt in seinem Berufstand durchaus, "dass wir in einer technikbesessenen Kultur leben, die es favorisiert, schnell und invasiv und eingreifend vorzugehen, bei medizinischen Problemen." Und da wirke die hausärztliche Zurückhaltung oft altmodisch.

Und dem Professor für Allgemeinmedizin ist bei seiner zurückhaltenden Einstellung durchaus klar: Angreifbar ist ein Arzt heute eher, wenn er zu wenig, statt zu viel macht.

Selbstheilungskräfte stärken

Immer weniger Ärzte seien bereit, das Risiko des Abwartens einzugehen, Zeit für Selbstheilung zu geben. Denn auch die Patienten sind fordernd, erwarten von den Medizinern: Tun sie was! Prof. Donner-Banzhoff weiß: Manche Patienten gehen sofort zu einem anderen Arzt, wenn sie die gewünschte Diagnostik nicht bekommen. Das heißt aber auch, dass er zu den Patienten, die seine Einstellung wertschätzen, ein langjähriges Vertrauensverhältnis aufbauen kann: Und genau das hilft, gemeinsam eine kurze Zeit der Unsicherheit auszuhalten, Geduld zu haben, auch auf die eigenen Kräfte zu vertrauen. All das mutet in der modernen Medizin etwas exotisch, fast schon esoterisch an.

Doch im Grunde geht es Ärzten wie Prof. Donner-Banzhoff aber darum, angemessene Diagnostik und Therapie mit einem ganzheitlichen Blick auf den Patienten zu verknüpfen. Wenn Heilungsprozesse dadurch besser verlaufen, könnte das sogar Kosten sparen. Selbst in sehr technischen Medizinbereichen wächst die Sensibilität dafür: Realistisch-positive Erwartungen fördern, Perspektiven geben. Das kann ein Schlüssel für die Nutzung der "körpereigenen Apotheke" und der Stärkung von Selbstheilungskräften sein. Der Weg dorthin ist - in jeder Hinsicht - Kopfsache.

aus der Sendung vom

Do, 11.9.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.