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SENDETERMIN Do, 7.5.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Multiresistenzen Antibiotika Notstand

Immer mehr Keime sind gegen Antibiotika resistent, schon kleinste Wunden können tödlich sein. Mit welchen Strategien können Ärzte und Forscher infizierten Patienten helfen?

Alltag einer Infektionsmedizinerin

14:00 Uhr in der Notaufnahme der Inneren im Tübinger Uniklinikum. Eine Patientin mit akuter Atemnot wurde wegen Verdacht auf multiresistente Keime ins Isolierzimmer gebracht. Besonders ältere Menschen mit vielen Begleiterkrankungen und einem schwachen Immunsystem sind von diesem Risiko bedroht. Der Oberarzt hat die Infektionsmedizinerin Prof Evelina Tacconelli eingeschaltet, weil nicht klar ist, welche Antibiotika eingesetzt werden können. Besser gesagt: Welche Antibiotika überhaupt noch helfen? Die Zeit drängt, denn jede Stunde bis zum Wirkungseintritt des Antibiotikums kann im Ernstfall entscheidend sein. Bis das Laborergebnis mit der genauen Keimbestimmung vorliegt, vergehen allerdings ein bis zwei Tage. Jetzt helfen nur viel Erfahrung und aktuelle Spezialkenntnisse aus der Infektiologie. Denn auf dem Gebiet der resistenten Keime gibt es keine allgemeingültigen Regeln zur Therapie. Resistente Bakterienstämme variieren je nach Region sogar innerhalb Deutschlands. Und viele Wirkstoffe, die vor kurzem noch als wirksame Reserveantibiotika gegen resistente Keime eingestuft wurden, müssen mittlerweile den normalen Antibiotika zugeordnet werden, weil auch hier resistente Keime im Umlauf sind.

Mangelhafte Verschreibungspraxis für Antibiotika

Auch wenn man in Deutschland immer noch keinen Facharzt in Infektiologie ablegen muss - das Wissen aus dem Medizinstudium und der praktischen Erfahrung eines Mediziners reicht bei weitem nicht aus, um auf die Herausforderung durch resistente Krankenhauskeime adäquat zu reagieren.
Neuere Studien belegen, dass Ärzten in erheblichem Ausmaß Antibiotika falsch einsetzen und das betrifft nicht nur die niedergelassenen Ärzte. 30 bis 40 Prozent der antibiotischen Therapien in Kliniken sind fachlich unzureichend. Zum Beispiel werden Antibiotika gegen Viruserkrankungen eingesetzt, wo sie nicht helfen können. Es werden zu oft Breitbandantibiotika verordnet, die gegen die unterschiedlichsten Keime wirken, obwohl nur eine Keimgruppe für die Erkrankung verantwortlich ist. Und Antibiotika werden falsch dosiert und zu kurz oder lang verordnet.

Hybris oder Unkenntnis?

Was nach Ignoranz oder Hybris der Ärzte wider besseres Wissen aussieht, ist in Wirklichkeit mangelnde Fortbildung und häufig Angst vor den resistenten Bakterien. Eine Studie konnte zeigen, dass jede Informationswelle in den Medien über resistente Erreger, eine Verschreibungswelle von Reserveantibiotika nach sich zieht. Es ist offensichtlich, dass sich die Ärzte hier unsicher fühlen. Fachliche Expertise ist Mangelware. Selbst an Kliniken sind Infektionsmediziner häufig die Ausnahme, so dass der praktische Arzt im Notfall lieber auf Nummer sicher geht und zu früh, zu viel und zu starke Antibiotika verschreibt.
Prof. Evelina Tacconelli will diese Zustände in den Krankenhäusern nicht mehr länger akzeptieren. Solange es immer noch Kliniken gibt, in denen bei 50 Prozent aller Infektionen antibiotikaresistente Keime beteiligt sind, läuft ihrer Meinung nach etwas falsch.

Verbreitung von multiresistenten Keimen in Europa

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Keime kennen keine Grenzen

Sie fordert deshalb für alle Kliniken europaweite Mindestgrenzen für Infektionen mit resistenten Erregern um das Problem einzudämmen. Sie leitet das europäische Expertengremium und weiß wovon sie redet. Bevor sie vor zwei Jahren nach Tübingen kam, arbeitete sie an der Universita Cattolica del Sacro Cuore in Rom. Dort hatte man es jedes Jahr in über 700 Fällen mit multiresistenten Krankenhauskeimen zu tun. Auch wenn in Deutschland die MRSA-Fälle zurückgehen, ist das kein Grund sich auszuruhen, denn eine Gruppe mit Keimen, die bisher als harmlos eingestuft wurde, zeigt nun immer häufiger Resistenzen gegen Antibiotika. Es handelt sich um sogenannte gramnegative Keime. Sie treten im Darm auf, aber auch im Wasser und auf Nahrungsmitteln. Sie waren bislang z.B. für harmlose Halsinfektionen verantwortlich. In Südeuropa sind nun aber bestimmte Keime aus dieser Gruppe bereits in über 50 Prozent der Infektionsfälle resistent gegen Antibiotika. Es ist eine Frage der Zeit, bis uns dieses Problem auch in Deutschland erreicht.

Was ist zu tun?

Für Prof. Tacconelli ist es höchste Zeit, eine europaweite Fortbildungsinitiative für Ärzte zu starten. Außerdem sollten die Kliniken dringend mit zusätzlichen Fachleuten ausgestattet werden. Dazu gehören neben den Infektionsmedizinern auch klinische Mikrobiologen, ohne die gezielte Antibiotikatherapien unmöglich sind. Dass die Entwicklung neuer wirksamer Antibiotika in den letzten 20 Jahren sträflich von der Pharmaindustrie vernachlässigt wurde, wird leider immer noch so hingenommen. Es braucht, so Tacconelli, staatliche Initiativen, um diesen Zustand schnellstmöglich zu ändern. Denn von der Entdeckung eines neuen Wirkstoffes bis zur Marktreife des entsprechenden Antibiotikums vergehen gut 10 Jahre.

Nur mehr Wissen über die Antibiotikaresistenzen gibt den Ärzten mehr Sicherheit im Umgang mit den resistenten Erregern und vermeidet Panik.