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SENDETERMIN Do, 7.5.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Infektionskrankheiten Antibiotika: ein geniales Konzept von Mutter Natur

Sie zerstören gefährliche Keime zielgenau ohne körpereigene Zellen zu schädigen. Doch wie wirken Antibiotika überhaupt und wodurch entstehen Resistenzen?

Revolution der Medizin durch Antibiotika

Noch vor hundert Jahren bedrohten uns Krankheiten wie Tuberkulose, Diphterie oder Cholera auch in Deutschland. Auch kleine Wunden werden durch Infektionen schnell lebensgefährlich. Medizinstatistiker kommen zu dem Schluss, dass z.B. während des ersten Weltkriegs 12 Prozent der Beinverletzungen und 23 Prozent der Armverletzungen für die Betroffenen tödlich enden. Von den Pestepidemien im Mittelalter, die ganz Europa auf ein Drittel der Bevölkerungsanzahl reduzierten, ganz zu schweigen. Antibiotika revolutionierten die Behandlung solcher bakteriellen Infekte und die Angst vor neuen Infektionsepidemien hatte zumindest in den Industrienationen vorerst ein Ende.

Von der Entdeckung bis zum Medikament

Lange vor Alexander Flemming - der offiziellen Entdecker des Penicillins - beschrieben Bartolomeo Gosio (1893) und Ernest Duchesne die antibakterielle Wirkung von Schimmelpilzen. Auch der deutsche Arzt und Forscher Paul Ehrlich wird von vielen mit seinem 1910 entdeckten Arsphenamin - einem wirksamen Mittel gegen Syphilis - als Erfinder des ersten Antibiotikums gesehen.
Als schließlich 1928 der schottische Bakteriologe Flemming durch Zufall bemerkte, dass ein Schimmelpilz in seiner Bakterienkultur die Staphylokokken abtötete, war es noch ein langer Weg, bis aus dieser Entdeckung ein Medikament für die Massen wurde. 1942 konnte der erste Patient mit Penicillin behandelt werden, aber immer noch war die Herstellung großer Mengen an Penicillin das größte Problem. Erst moderne biotechnische Verfahren ermöglichten die Behandlung großer Bevölkerungsgruppen. In den 1960er und 1970er Jahren wurden dann neben Penicillin zahlreiche weitere Wirkstoffgruppen erforscht.

Wirkung der Bakterien

Die verschiedenen antibakteriellen Wirkstoffgruppen, die alle unter dem Oberbegriff Antibiotika zusammengefasst werden, haben jeweils ein bestimmtes Wirkspektrum. Es gibt sogenannte Schmalbandantibiotika, die für die Behandlung ganz bestimmter Krankheitskeime entwickelt wurden und Breitbandantibiotika, die auf viele unterschiedliche Keimgruppen antibakteriell wirken.
Wie Antibiotika ihre antibakterielle Wirkung an den Bakterien entfalten, ist dabei sehr unterschiedlich. Bakteriostatische Wirkstoffe töten die Bakterien nicht, behindern aber gezielt die Vermehrung zum Beispiel durch Blockade wichtiger Zellteilungsvorgänge in der DNA.
Bakterizide Antibiotika zerstören die Bakterien dagegen direkt, in dem zum Beispiel der Aufbau der Bakterienwand gestört wird.

Resistenzentstehung

Da sich Bakterien in kurzer Zeit millionenfach replizieren, finden massenhafte Verdopplungen des genetischen Erbmaterials statt. Dabei passieren immer wieder auch kleine Kopierfehler. Erhält das neue Bakterium dabei durch Zufall eine neue Eigenschaft, die es resistent gegen ein Antibiotikum macht, wird es diese Eigenschaft bei seiner weiteren Vermehrung immer wieder weiter vererben. Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Alle Antibiotika verlieren nach einer bestimmten Zeit allmählich Ihre Wirkung. Das Problem in der Medizin entsteht dadurch, dass durch den viel zu häufigen Einsatz von Antibiotika und leider auch durch einen häufig unkorrekten Einsatz der Prozess der Resistenzbildung befeuert wird das heißt Antibiotika verlieren ihre Wirkung schneller als früher.

Antibiotika-Neuzulassungen von 1980 bis 2012

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Zurück ins "vorantibiotische" Zeitalter

Ein zweites großes Problem resultiert daraus, dass in den letzten 20 Jahren die Entwicklung neuer Antibiotika sträflich vernachlässigt wurde. Da Antibiotika nur über einen kurzen Zeitraum eingenommen werden und zudem noch sehr günstig sind, haben sich die Pharmakonzerne aus wirtschaftlichen Gründen aus der Antibiotikaforschung weitestgehend zurückgezogen, das heißt die Natur bietet zwar ein riesiges Potential an neuen Wirkstoffen, die allerdings isoliert und weiterentwickelt werden müssen, bevor daraus ein neues Antibiotikum auf den Markt gebracht werden kann. Diese Entwicklungszeit von der Wirkstoffentdeckung bis zur Markteinführung des neuen Medikaments dauert in der Regel zirka zehn Jahre.
Das heißt bis neue wirksame Antibiotika auf den Markt kommen werden unsere aktuellen nach und nach durch resistente Bakterien ihre Wirkung einbüßen. Pessimistische Menschen befürchten deshalb, dass wir uns bald wieder in einer Zeit wiederfinden, wie sie vor der Entdeckung der Antibiotika herrschte.