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SENDETERMIN Do, 12.6.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Naturheilkunde Antibiotika aus Pflanzen

Auch Pflanzen müssen sich gegen Bakterien wehren. Von diesen Mechanismen sollen Menschen profitieren. Deshalb erforscht ein Heidelberger Mediziner die antibakteriellen Wirkstoffe in Pflanzen wie Oregano, Senf, Thymian und Salbei.

Salbei auf einem Schneidebrett

Im Institut für Krankenhaushygiene an der Uniklinik Heidelberg stapeln sich die Glasschalen mit Abstrichen von Patienten. Die kleinen Kolonien von Bakterien, die sich wie Inseln auf den roten Nährboden abzeichnen, werden hier analysiert. So finden die Mitarbeiter des Instituts heraus, welche Bakterien bei den Patienten die Infektionen ausgelöst haben. Nach der Auswertung können Ärzte die Patienten dann mit den passenden Antibiotika behandeln. Wo früher einfach ein Breitbandantibiotikum gegeben wurde, wird heute genauer geschaut, um welchen Bakterienstamm es sich handelt, um den gezielt mit dem passenden Antibiotikum zu behandeln.

Denn viele Bakterien sind resistent, weil Antibiotika zu häufig zum Einsatz kommen – selbst bei Bagatellerkrankungen wie Erkältungen. Wird ein Antibiotikum dann nicht konsequent eingenommen oder die Behandlung zu früh abgebrochen, ist es für die Bakterien leicht, widerstandsfähige Stämme zu bilden.

Vom Immunsystem der Pflanzen profitieren

Prof. Uwe Frank leitet das Institut für Krankenhaushygiene. Er ist ein Mann mit einer Vision: Antibiotika aus Pflanzen, sagt er, sind in vielen Fällen eine sinnvolle Alternative zu den herkömmlichen antibakteriellen Mitteln. Auch Pflanzen müssen sich gegen Bakterien wehren. Seit zig Millionen Jahren tun sie dies - ohne bei Bakterien Resistenzen hervorzurufen. Denn Pflanzen arbeiten mit einem effektiven Gemisch aus vielen verschiedenen antibakteriellen Stoffen.

Sie brauchen die Schutzstoffe vor allem, wenn Fressfeinde Wunden hinterlassen. Ohne Abwehrstoffe wären die Wunden offene Einfallstore für Mikroben. Aber auch gegen Pilze und Viren verteidigen Pflanzen sich mit den Schutzstoffen.

Ein Streiter für alternative Antibiotika

Alternative Antibiotika sind auch deshalb gefragt, weil die traditionellen unsere Darmflora angreifen, sagt Prof. Frank. Deswegen seien bei herkömmlichen Antibiotika Durchfall und Magen-Darm-Beschwerden verbreitete Nebenwirkungen. "Diese Nebenwirkung findet man bei pflanzlichen Antibiotika in der Regel nicht. Sie werden im oberen Darm resorbiert, und es kommt nicht zu derartigen Symptomen."

Eine Raupe am Grashalm

Pflanzen schützen ihre "Wunden" durch antibakterielle Stoffe

Zu den Lieferanten der wirkungsvollsten Schutzstoffe zählen viele bekannte Pflanzen. Eigentlich kein Wunder. Wegen der aromatischen Inhaltsstoffe sind viele dieser Gewächse als Küchenkräuter und als Tees beliebt oder finden seit langer Zeit Anwendung in der Naturheilkunde. Beispiele sind Oregano und Thymian, Kapuzinerkresse und Meerrettich, Kamille und Salbei.


Bekannt aus der Naturheilkunde

Am stärksten wirken die ätherischen Öle der Pflanzen gegen die Mikroben. Rettich und Senf zum Beispiel bekämpfen Bakterien in Atem- und Harnwegen. Doch ihre Wirkung ist nicht nur antibakteriell. "Die häufigsten Infektionen im ambulanten Bereich sind obere Atemwegsinfektionen, die durch Viren hervorgerufen werden. Ein wesentlicher Vorteil der pflanzlichen Antibiotika ist, dass viele von ihnen auch gegen Viren wirken. Die klassischen Antibiotika tun das nicht", erklärt der Heidelberger Infektiologe Frank.
Studien haben gezeigt: Die ätherischen Öle von Oregano und Thymian wirken besonders in der Lunge und im Verdauungssystem, Kamille und Salbei bekämpfen Bakterien im Mund- und Rachenraum.

Pflanzliche Mittel am besten aus der Apotheke

Pflanzen sind Naturprodukte. Ihre Inhaltsstoffe können abhängig von Klima und Standort sehr unterschiedlich konzentriert sein. Deshalb rät der Heidelberger Mediziner für die Bekämpfung von Infektionen zu pflanzlichen Präparaten aus der Apotheke. Dann sei sichergestellt, dass das Produkt die Wirkstoffe auch in der angemessenen Konzentration enthält.

Pflanzliche Schutzstoffe werden die herkömmlichen Antibiotika nicht verdrängen - bei gefährlichen Infektionen sind sie weiter unverzichtbar. Doch bei leichten Infekten können die Substanzen aus den Pflanzen schützen und heilen - und zwar ohne Bakterien mit Resistenzen gegen Antibiotika zu erzeugen.