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SENDETERMIN Do, 6.3.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Amokläufe an Schulen Amokland Deutschland?

Auch wenn Schulattentate zum Glück selten sind – Deutschland liegt nach Anzahl der Opfer und Verletzten weltweit auf Platz 2. Was weiß die Wissenschaft heute über die Ursachen?

Winnenden

Die Tat hinterließ eine schockierte Öffentlichkeit, die seither fieberhaft nach den Gründen sucht. Das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" wurde von Angehörigen der Opfer gegründet. Sie wollen Schüler vor Nachfolgetätern schützen, prangern vor allem den privaten Waffenbesitz und Killerspiele als Ursachen zielgerichteter Gewalt an.

Der Zugang zu Waffen

Ohne den Zugang zu Waffen gäbe es solche Taten nicht. In 80 Prozent der Fälle nutzten die deutschen "School Shooter" Schusswaffen, die sie in ihrem Umfeld vorfanden. Automatische, moderne Waffen.

Schusswaffen sind in Deutschland nach wie vor leicht zu haben. Bewaffnete Privathaushalte werden toleriert. Nur echte Kriegswaffen sind verboten. Nach Winnenden wurde das Waffenrecht verschärft. Den Ordnungsbehörden ist es nun erlaubt, die Waffenbesitzer zu Hause zu kontrollieren. Das betrifft 2014 etwa 6 Millionen Waffen für die eine Waffenbesitzkarte nötig ist. Besitzer sind Mitglieder von Schützenvereinen, Jäger, Waffensammler. Wirksam sind diese Kontrollen nicht: zu wenig Personal, zu viele Waffen im Umlauf.

Verschärfung des EU Waffenrechts

Moderne, automatische Waffen, wie vom Täter 2009 eingesetzt, können auch fünf Jahre danach von jedermann mit einer Waffenbesitzkarte völlig legal gekauft werden. Seit Herbst 2013 treibt die EU Kommission/Innenkommissarin Malmström eine europaweite Veränderung der Gesetzeslage voran: strikte, europaweite Kontrollen, ein europäisches Waffenregister und massive Einschränkungen beim Verkauf von Schusswaffen ist das Ziel. 2015 soll es soweit sein.

Privater Waffenbesitz als Ursache?

Ein erschwerter Zugang zu Schusswaffen könnte solche Taten künftig verhindern, weil so die Barriere zur Tatausübung höher liegt. Das zeigt die Situation in Großbritannien. 1996 gab es im schottischen Dunblane einen Amoklauf mit 17 Opfern. Danach wurde der private Waffenbesitz verboten. Kein einziges Schulattentat hat es seither dort gegeben. Die Waffenverfügbarkeit allein reicht aber nicht aus, Schulattentate zu erklären.

Einfluss des Elternhauses

Bisher ist der Einfluss der Eltern und ihrer Erziehung nur wenig erforscht, aber es gibt Hinweise. Amokläufer stammen meist aus Mittelstandsfamilien, in denen emotionale Kälte und Übererwartung weit verbreitet sind. Vernachlässigung oder Missbrauch waren dagegen kaum zu finden.

Karoline Roshdi, Amokexpertin vom Institut Psychologie & Bedrohungsmanagement:
"Es gab Eltern, die auch gemerkt haben, mit meinem Sohn stimmt was nicht, die hingegangen sind, aber nicht dran gekommen sind. Vielleicht brauchen das Jugendliche gerade, in diesem Abnabelungsprozess. Und dann ist der Amoklauf passiert. Im nach hinein ist das natürlich ein fataler Fehler gewesen."

Gefahr durch Killer-Spiele?

Heiß umstritten ist der Einfluss gewaltverherrlichender Computerspiele. Studien haben ergeben: etwa 50 Prozent der Jungen haben Gewaltspielerfahrungen. Oftmals sind das Militär- Shooter, bei denen Spielerfolg vom Töten von (virtuellen) Menschen abhängt. Für Experten können solche Spiele als Brandbeschleuniger wirken.

Nahaufnahme Auge

Ausschmückung der Fantasie durch Killerspiele?

"Wenn sie sie nutzen, haben wir eine Ausschmückung der Fantasie", behauptet Karoline Roshdi, "diese Täter haben die Idee, sie wollen eine solche Gewalttat begehen. Und letztlich suchen sie sich gewalthaltige Medien, das können Spiele sein, aber auch Filme oder gewalthaltige Comics sein, um ihre Fantasie anzureichern."

Ein direkter Zusammenhang von exzessivem Spielen und Anschlagsplanung wurde aber nicht gefunden. Allerdings kann die Nutzung gewalthaltiger Medien einen strategischen Übungseffekt bringen, der von Tätern bei der realen Tat auch tatsächlich genutzt wurde. Da die Spiele im Internet für jeden leicht verfügbar sind, erscheint ein Verbot unrealistisch.

Gewalt an der Schule als Ursache?

Macht Schule Attentäter? Gewalt an Schulen ist Alltag. Untergründig, kaum sichtbar, verbal, als körperlicher Übergriffe oder beim Cybermobbing im Internet. Auch der Leistungsdruck gehört zum Schulalltag. Tatsächlich förderte der Nachahmungseffekt die Folgetaten. Der Amoklauf von Erfurt 2002 lieferte die Vorlage.

Die Kriminalpsychologin Roshdi ist überzeugt: "Die Schüler haben ein Skript erhalten. Das ist ein Weg, um an Anerkennung zu kommen, auch Schüler, die potentiell diesen Missstand haben, die keine Anerkennung im Leben sehen, dieser Missstand aber auch an der Schule verortet ist, sehen jetzt plötzlich eine Lösung."

Einfache Erklärungen gibt es also nicht. Und auch vorschnelle Schuldzuweisungen sind nicht angebracht. Das ist eine Erkenntnis, fünf Jahre nach Winnenden.