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SENDETERMIN Do, 15.5.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medizin Am offenen Herzen

Herzklappenoperationen zählen zu den häufigsten Herz-Operationen in Deutschland. Dieser Eingriff am offenen Herzen ist mit Risiken und Ängsten verbunden. Wir haben eine Patientin vor, während und nach der Operation begleitet.

Ein Operationsteam operiert einen Patienten am offenen Herzen.

Sigrid M., 71 Jahre alt und passionierte Spaziergängerin, hat ein Problem: Die Herzklappe an ihrer Hauptschlagader ist verengt und lässt nicht mehr genug Blut durch. Gemeinsame Wanderungen mit dem Ehemann, Herumtollen mit den Enkeln: nicht mehr möglich. Nach kurzer Zeit geht ihr der Atem aus. Der Klappenersatz sei lebensnotwendig, so die Ärzte. Für Sigrid M. ist es der erste große Eingriff. Entsprechend groß ist die Angst: "Ich hoffe, dass alles gut geht", sagt sie nach einer zu kurzen Nacht ihre Krankenhaustasche packend, gut 20 Stunden vor der OP. Vor allem die Horrorgeschichten über Kunstfehler, multiresistente Keime und überlastetes Personal gehen ihr durch den Kopf, als sie anderthalb Stunden später schließlich das Uniklinikum Freiburg betritt.

Angst gehört dazu

Eine der Patientinnen, mit denen sie ihr Zimmer teilt, ist sichtlich angeschlagen. Sie hat den Klappenersatz schon hinter sich und schildert ihr Leid im Detail. Sigrid M. hört zu und fasst sich immer wieder an den Hals. "Der Brustkorb wird aufgemacht", sagt sie. Noch 17 Stunden bis zur OP am offenen Herzen. Für den Operateur Professor Friedhelm Beyersdorf ein Routineeingriff. Der Chirurg hat schon mehr als 7.000 Herzen operiert. "Es gibt keinen, der keine Angst hat", sagt er: Eine OP sei eben eine Situation, in der die Patienten keine Kontrolle mehr über den Ablauf haben - und das mache immer Angst. Am Morgen vor dem Eingriff versucht sich Sigrid M. selbst zu beruhigen: "Nachher wenn ich schlafe, spüre ich ja nichts", sagt sie, während zwei Schwestern sie in ihrem Bett über hell ausgeleuchtete Flure schieben. Nur wenn sie dann den Operationstisch sehe, werde sie vermutlich schon nervös werden.

Es geht nur im Team

An der sogenannten Schleuse empfängt ein Pfleger die Patientin mit der OP-Liege. Er trägt schon das obligatorische Outfit mit grüner Kopfbedeckung. "Rein" trifft hier auf "unrein": Der OP-Bereich darf nur in spezieller Kleidung betreten werden. Der Pfleger checkt die Identität der Patientin und schiebt sie zur Narkoseeinleitung in den nächsten Raum. Wieder ist da die Angst: "Dass ich nicht mehr aufwache", sagt Sigrid M.. Der Anästhesist übernimmt.

Kur vor der OP

Sigrid M., kurz vor der Anästhesie

Zusätzlich zum Narkotikum bekommt die Patientin ein Mittel gegen Schmerzen und eins zur Muskelentspannung. 30 Sekunden später schläft sie. Im OP-Saal nebenan laufen währenddessen die letzten Vorbereitungen. Anästhesist, Anästhesie-Schwester, ein OP-Pfleger, zwei Springer, eine Kardiotechnikerin und drei Chirurgen: Dass hier neun Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Stärken und Schwächen das Leben der Patientin verantworten, sieht Chefoperateur Professor Beyersdorf als Herausforderung.

Wenn es aufhört zu schlagen

Vor dem Griff zum Skalpell kurzes Innehalten: Ein letztes Mal checken alle Beteiligten die Patientendaten. Das sogenannte Team-Time-Out ist Standard vor jedem Eingriff. Die assistierenden Chirurgen öffnen den Brustkorb und legen das Herz frei. Die Maschinen arbeiten laut, es riecht nach verbranntem Fleisch. Das Elektroskalpell verödet die Blutgefäße schon beim Schnitt. Während Professor Beyersdorf die Herzklappe durch eine neue, eine Bioherzklappe aus Material vom Rind, ersetzt, darf das Herz von Sigrid M. nicht schlagen. Die Herzlungenmaschine hält stattdessen den Blutkreislauf in Gang. Höchste Konzentration bei jedem Handgriff. Schon die kleinste Nachlässigkeit kann tödlich sein. Nicht nur die Augen, auch die Ohren sind gefordert: Hier ist jedes Geräusch ein mögliches Warnsignal. Besonderes Risiko beim Eingriff am offenen Herzen: Luft könnte in ein Blutgefäß eindringen. Außerdem könnten sich Kalkbrocken von der Herzklappe lösen und lebenswichtige Gefäße verstopfen. Zwei Stunden sind seit Beginn der OP vergangen. Ob das Herz auch mit der neuen Klappe von alleine pumpt, wird sich gleich zeigen. Für 45 Minuten stand es still. Jetzt steht die Herzlungenmaschine - und das Herz von Sigrid M.: schlägt.

Zurück ins Leben

Ob die Patientin den Eingriff tatsächlich gut überstanden hat, zeigt sich in den nächsten Stunden. Lungenentzündung, Nachblutung, Infekt: Die Liste von Dingen, die sie jetzt noch treffen könnten, ist lang.

Eine Herz-/Lungenmaschine im Operationsaal

Herz-Lungen-Maschine: Auch nach der OP wird Sigrid M. noch beatmet

Wieder die Übergabe an der Schleuse, nur in umgekehrter Richtung, hinaus aus dem OP. Sigrid M. wird noch immer beatmet, während Arzt und Pfleger sie auf die Intensivstation bringen. Bis zum nächsten Morgen soll sie sich im Schlaf von dem Eingriff erholen. Acht Tage vergehen - dann geschäftiges Hin- und Herlaufen zwischen Schrank und Tasche: Entlassungstag. "Ich spüre manchmal ein kleines Zwicken", sagt Sigrid M., davon abgesehen gehe es ihr aber gut. Sie hat jetzt drei Wochen in der Reha-Klinik vor sich. Erst danach darf sie nach Hause. Sie freue sich vor allem auf ihren Mann - und, so hofft sie, die gemeinsamen Wanderungen.

Zusatzinfo:

Kranke Klappe
Die vier Klappen am menschlichen Herzen (Mitral-, Trikuspidal,- Aorten- und Pulmonalklappe) steuern durch zeitlich abgestimmtes Öffnen und Schließen den Bluteinstrom in die Herzkammern und den Ausstrom in die Körperschlagadern. Bei einer Klappenverengung öffnet sich eine Klappe nicht weit genug, um die normale Blutmenge durchzulassen. Das Herz muss dann zusätzliche Arbeit verrichten, um einen ausreichenden Blutkreislauf zu gewährleisten. Dies kann, wenn es über einen längeren Zeitraum geschieht, den Herzmuskel schädigen und schließlich zu Herzversagen führen.

Herzstillstand
Der Ersatz einer Herzklappe erfordert meist eine Operation am offenen Herzen. Die Chirurgen öffnen dabei das Brustbein und legen das Herz frei, das während des Eingriffs nicht schlagen darf. Sie klemmen zunächst die Aorta ab und spritzen dann eine kardioplegische Lösung, die unter anderem viel Kalium enthält, in die Herzkranzgefäße. Der erhöhte Kaliumgehalt führt zum Herzstillstand. Die Herzlungenmaschine hält währenddessen die Kreislauffunktionen aufrecht. Sie übernimmt sowohl die Funktion der Lunge, als auch die Pumpfunktion des Herzens.