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SENDETERMIN Do, 5.7.2007 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Von Ärzten nicht mehr ernst genommen Altersdiskriminierung in der Medizin

Auslese nach dem Alter - ein alarmierender Befund, sollte er sich tatsächlich bewahrheiten. Klagen von Patienten sind ein wichtiges Indiz, aber auch Ärzte bestätigen: eine Altersrationierung, also Einsparungen speziell bei der medizinischen Versorgung älterer Patienten, ist keine düstere Zukunftsmusik - sie findet schon jetzt statt. Noch trauen sich nur wenige Ärzte und Forscher darüber zu sprechen. Doch wissenschaftliche Studien und Auswertungen von Sorgentelefonen belegen: die Beschwerden älterer Patienten werden von Ärzten häufig nicht ernst genommen.

Ein älteres Paar sitzt an einem Holztisch unter Sonnenschirmen

Dass Franz Klein noch lebt verdankt er seiner Frau

Dies belegt das Beispiel von Franz Klein aus Köln. Dass der 72-Jährige noch lebt ist fast ein Wunder. Mit starken Atembeschwerden und dicken Beinen kam er in die Krankenhaus-Notaufnahme. Seine Frau war in äußerster Sorge: Ihr Mann röchelte nur noch. Er bekam eine Spritze gegen das Wasser in den Beinen, danach sollte er wieder nach Hause.

Energischen Einsatz der Ehefrau

Doch das hat seine Frau nicht zugelassen. Sie bestand darauf, dass er geröntgt wird. Dabei wurde festgestellt, dass Wasser in seiner Lunge war. Erst da sagten ihr die Ärzte, dass ihr Mann sehr krank sei, stationär aufgenommen und auch sofort mit Sauerstoff versorgt werden müsse.

Nur durch den energischen Einsatz seiner Frau hat Franz Klein die lebensrettende medizinische Behandlung erhalten. Was unglaublich klingt ist - wie es scheint - kein Einzelfall. Ob beim niedergelassenen Arzt, im Krankenhaus oder in der Reha: Längst nicht immer erhalten ältere Menschen die gleichen medizinischen Leistungen wie jüngere Patienten mit der selben Erkrankung.

Studien belegen unterschiedliche Behandlung

Den wissenschaftlichen Beleg liefert eine Studie von Hilke Brockmann. Die Soziologin analysierte die Krankenhausdaten von 430.000 Patienten. Ihre Erkenntnis: "Ab dem Alter 80 sinken die Kosten für Krankenhauspatienten. Und die Frage ist: Warum ist das so? Es könnte sein, dass ältere Patienten nicht mehr ein so starkes Interesse haben, intensiv medizinisch behandelt zu werden. Es könnte aber auch sein, dass sich Ärzte nicht mehr so intensiv für ältere Patienten engagieren. Und deshalb habe ich mir den Herzinfarkt genauer angeschaut und dabei zeigt sich: Wenn ein Patient mit einem Herzinfarkt in ein Krankenhaus eingeliefert wird, kann er ja meistens nicht mehr sehr viel machen an der Behandlung, sich nicht beraten, sondern dann muss der Arzt handeln. Und die Ärzte sind nicht sehr gewillt, so eine ganz teuere Krankenhausbehandlung zu machen, wenn der Patient älter ist."

Auch der Gesetzgeber unterstützt diese Tendenz durch seinen Personalschlüssel für ältere Psychiatriepatienten. Ab einem Alter von 65 erhalten diese weniger ärztliche Behandlung als Jüngere. Statt Therapie also Ruhigstellung?

Diskriminierung findet zuerst in den Köpfen der Ärzte statt

Der Altersforscher Rolf Dieter Hirsch betätigt das. Der Chefarzt einer psychiatrischen Klinik engagiert sich für die Rechte älterer Patienten und hat die Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter gegründet. Nach seiner Erfahrung findet die Diskriminierung älterer Patienten zuerst in den Köpfen der Ärzte statt: "In den Köpfen vieler Ärzte findet es statt, dass Altern mehr oder weniger mit Altersabbau zusammengebracht wird. Dass es sich nicht mehr lohnt, irgendwelche Behandlungen zu machen, die werden ja eh bald sterben - ein Unsinn sondergleichen. Viele alte Menschen sind heutzutage so lebendig, so gesund, dass sie die gleiche Behandlung wie ein Jüngerer haben sollten, haben müssten. Dies findet derzeit weniger statt. Wenn ich 80 oder 90 bin, ist es bei gleicher Erkrankung nicht so, dass ich die gleichen Chancen bekomme wie ein 20- bis 30-Jähriger."

Genaue Regeln, wann bestimmte Therapien bei alten Menschen nicht mehr vorgenommen werden, existieren allerdings nicht. Und so liegt die letzte Entscheidung, zum Beispiel über eine lebensverlängernde Operation, allein bei den Ärzten. Eine Entscheidung, die manchen Mediziner offenbar überfordert. Das führt zur Ungleichbehandlung älterer und jüngerer Patienten und damit auch zur Rationierung medizinischer Leistungen.

Die Ergebnisse waren erschütternd

Das bestätigt auch der Chefarzt des St. Joseph-Stifts in Bremen, das gerade in der Versorgung von Senioren Vorbildcharakter hat. Dr. Thomas Brabant hat untersucht, wie lange Patienten mit Osteoporose die von der Klinik verordneten Medikamente vom Hausarzt weiter verschrieben bekommen. Die Ergebnisse waren erschütternd: Von den 100 Patienten, denen sie die Medikamente gegeben haben, hatten nach einem Jahr nur noch 25 dieses Medikament genommen - ein schlechtes Ergebnis, meint der Internist, denn diese Patienten hätten das betreffende Medikament benötigt. Es könnte natürlich sein, dass ein Prozentsatz dieses Medikament nicht weiter vertragen hat, dass ein Prozentsatz dieses Medikament entsprechend nicht weiter genommen hat - aber ein bestimmter größerer Prozentsatz habe das Medikament eben nicht mehr verschrieben bekommen. Und das sei eine sehr traurige Erkenntnis.

Für Professor Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat für Gesundheitsfragen, ein Skandal: "Wenn ich heute in der medizinischen Versorgung Rationierung beobachte, das heißt das bewusste Vorenthalten von medizinisch notwendigen Leistungen, dann halte ich das einfach für zynisch und nicht adäquat, bezogen auf die Mittel; die finanziellen Mittel, die im System sind. Wir haben die Mittel, um ältere Menschen zu behandeln. Und wir haben offensichtlich nicht die Kompetenz, die Mittel richtig zu verteilen und richtig einzusetzen."

Alt, psychisch krank und pflegebedürftig = ausgeliefert

Besonders hart trifft es Patienten, die sich nicht mehr selbst helfen können und auf Pflege angewiesen sind, wie zum Beispiel in der Geronto-Psychiatrie und in der Geriatrie, in der alte und psychisch Kranke behandelt werden, so Prof. Hirsch: "Menschen die alt, psychisch krank und dann auch noch pflegebedürftig sind, die sind in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen. Das heißt, sie werden diskriminiert, es wird ein Minimum für sie gemacht. Es wird viel Geld ausgegeben, aber eine sinnvolle, adäquate humane Therapie findet nicht statt. Ein großer Mangel ist im Rahmen der ärztlichen Weiterbildung aber auch schon in der Ausbildung, dass dieses Fach der Geriatrie und der Geronto-Psychiatrie minimalst gefördert wird, minimalst gelehrt wird, dass die Kompetenz, die in vielen anderen Ländern vorhanden ist, in Deutschland einfach noch kaum vorhanden ist."

Was ist zu tun?

Eine Studie an der Jakobs-Universität in Bremen zeigt nun allerdings, dass finanzielle Unterstützung des Staates die Bereitschaft der Ärzte fördern kann, auch ältere psychisch Kranke zu behandeln, so Prof. Hilke Brockmann: "Wenn die Politik psychische Erkrankungen stärker belohnt - oder die Diagnose dieser Erkrankung - dann reagiert auch die Ärzteschaft. Dann werden solche Erkrankungen auch im Krankenhaus diagnostiziert. Gerade bei älteren Patienten sehen wir einen starken Anstieg von psychischen Erkrankungen und psychischen Störungen als Nebendiagnose und das heißt, dass man durchaus das Gesundheitssystem steuern kann, verändern kann. Die Frage ist nur, wohin man es verändern kann."

Und tatsächlich: viel wäre schon erreicht, wenn Ärzte alte Menschen mehr nach ihrer gesundheitlichen Konstitution, und weniger nach ihrem Alter beurteilen würden. Denn nicht immer sind, wie im Fall von Franz Klein, Angehörige da, um für lebensverlängernde Therapien zu kämpfen.

aus der Sendung vom

Do, 5.7.2007 | 22:00 Uhr

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