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SENDETERMIN Do, 14.1.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gesundheit Alkoholgefahr: Warum tut keiner was?

Arbeitsunfähigkeit, Krankheit und Tod: Die gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Folgekosten von Alkoholkonsum sind immens. Dennoch gibt es kaum Bestrebungen, die Droge zu kontrollieren.

Alkohol steht für Geselligkeit, für Lebensfreude: Einfach gemeinsam Spaß haben. Das geht mit Alkohol besonders leicht. Doch Alkohol steht auch für Exzesse. Bei einem Drittel aller Verkehrsunfälle ist Alkohol im Spiel. Ebenso bei einem Drittel aller Gewaltdelikte. Alkohol tötet direkt oder indirekt jedes Jahr 70.000 Menschen in Deutschland, ist die Ursache für schwere Behinderungen bei 10.000 Neugeborenen. Da stellt sich die Frage, warum es keine gesetzlichen Auflagen gibt, um das Problem einzudämmen.

Beim Zigarettenkonsum hat es doch auch geholfen. Seit der krassen Kampagne mit den Warnhinweisen auf den Zigaretten rauchen immer weniger Leute.

Anti-Alkohol-Kampagnen nur für Risikogruppen

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung kümmert sich nur um Jugendliche und junge Erwachsene. Kampagnen wie die "Hacke-dicht-Tour" weisen Schüler auf die Gefahren des Alkoholkonsums hin. Zweifellos verdienstvoll. Wehret den Anfängen!

Aber wer kümmert sich um die Millionen Erwachsenen, die abhängig sind oder riskant trinken? Marlene Mortler ist seit zwei Jahren die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Von ihr wollen wir wissen: Werden die Erwachsenen mit ihren Alkoholproblemen allein gelassen?
"Mag sein. Ich allerdings habe mir vorgenommen, den Blick auf die Risikogruppe 18 - 25 Jahre zu richten, weil wir sehen, dass gerade in diesem Alter die Zahl der Alkoholkonsumenten zunimmt, dass das Rauschtrinken in diesem Alter wieder zunimmt. Und deshalb setze ich weiter auf Aufklärung."

Änderungen nicht in Sicht

Wir haken nach: Alkohol ist verantwortlich für so viel Leid in unserer Gesellschaft, er verursacht sind so hohe Kosten! Warum geht man nicht stärker in der Aufklärung dagegen vor? Mit Warnhinweisen oder mit einer Erhöhung der Alkoholsteuer?

Portrait von Marlene Mortler.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Marlene Mortler

Dann überrascht uns Marlene Mortler mit einem skurrilen Statement: "Also wenn ich als Drogenbeauftragte allein das Sagen hätte, hätte ich schon viel mehr Maßnahmen ergriffen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es eine Koalition gibt, eine Koalitionsvereinbarung, die keinerlei Steuererhöhungen vorsieht. Das tut mir einerseits weh, andererseits habe ich die Chance, mich auf andere Maßnahmen zu konzentrieren."

Der Drogenbeauftragten sind offenbar die Hände gebunden. Der Hinweis auf die große Koalition als Ursache für den beschränkten Handlungsspielraum klingt nach einem Nichtangriffspakt auf höchster Ebene.
Es ist also keine ernstzunehmende Kampagne gegen Alkohol in Sicht. Keine Warnhinweise auf den Flaschen, keine strengeren Kontrollen beim Verkauf, keine Kampagne, die sich an die Risikogruppe: "Männer zwischen 30 und 50" richtet.

In einer Suchtklinik im Brandenburgischen Lindow treffen wir den Psychologen und Suchtmediziner Johannes Lindenmeyer. Er sagt, erwachsene Risikokandidaten müssten vor allem von der Medizin angesprochen werden: "Das Wichtigste wäre, dass wirklich jeder Hausarzt routinemäßig seine Patienten befragt, zu seinem Alkoholkonsum. Weil man daran sieht, wo der Patient liegt im Vergleich zu anderen, was die Trinkmenge und die Häufigkeit anbelangt. Und alleine diese Information: Sie trinken mehr als 80 Prozent aller Männer ihrer Altersgruppe, gibt Patienten zu denken."

Erstaunlich auch angesichts der Gefahr durch die Droge, dass Alkoholwerbung im Fernsehen weiterhin erlaubt ist. Coole Typen, Partygemeinschaft, ja selbst Sportidole halten her, um den Absatz des Zellgifts anzuheizen.
Dabei schätzen Fachleute, dass durch Krankheit und Frühverrentung, durch alkoholbedingte Unfälle und Kriminalität jährlich Kosten von 26 Milliarden Euro entstehen. Dem stehen nur 3,5 Milliarden an Steuereinnahmen durch den Alkohol gegenüber. Die Folgekosten des Alkoholkonsums reißen also ein ernstzunehmendes Loch in den Staatshaushalt.

Einfluss der Alkohol-Lobby

Warum von Seiten der Politik hier dennoch nicht entschiedener eingegriffen wird, dazu hat Christina Deckwirth von LobbyControl eine ganz einfache Erklärung: "Deutschland ist Bier- und Weinland. Deshalb ist es für Politiker natürlich unheimlich schwierig, dagegen anzugehen und den Bierkonsum zu regulieren. Aber vor allem gibt es eine sehr starke Alkohol-Lobby hier in Deutschland, die zum Beispiel auch auf Europäischer Ebene in Brüssel verhindert hat, dass Warnhinweise auf Flaschen angebracht werden sollten."

Auch in Berlin ist die Bierlobby erfolgreich. Umgarnt die Politik. Kürt jährlich den Botschafter des Bieres. Ein paar Beispiele gefällig? Bitte sehr: Kanzleramtschef Peter Altmaier ist genauso Botschafter des Bieres wie Norbert Blüm.
Grünen-Chef Cem Özdemir, Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner und auch der CSU-Chef Horst Seehofer gehören dem exklusiven Orden an. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Und die Liste ließe sich noch verlängern.

Alkohol und Politik

Alkohol und Politik gehen gut zusammen: Wer öffentlich Bier trinkt gilt als volksnah. Das kommt gut an. Das Signal an das Wahlvolk lautet: Wir sind keine Spielverderber. Wer als Politiker den Deutschen den Alkoholkonsum vergällen wollte, müsste am Ende sogar befürchten, vom Wähler dafür bestraft zu werden. Da traut sich keiner ran.

Und so wird sich an unserem Umgang mit Alkohol auf absehbare Zeit nichts ändern. Restriktionen sind unpopulär. Bier, Wein und Schnaps bleiben in Deutschland mit Abstand die Droge Nummer Eins. Mit allen negativen Folgen.

aus der Sendung vom

Do, 14.1.2016 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.